Rezension: Terrorismusforschung in Deutschland

von Seka Smith

Seit dem 11. September hat sich die Terrorismusforschung in Deutschland zu einem interessanten Studienfeld entwickelt. Es wird wohl in Deutschland kaum eine Teildisziplin geben, die in den letzten zehn Jahren solch eine Forschungsattraktivität und -intensität erreicht hat wie die Terrorismusforschung. Umso mehr kann man auf ein Buch gespannt sein, dass die Terrorismusforschung in Deutschland analysiert.

Die Herausgeber behandeln den Forschungsstand aus zwei Perspektiven:

Zum einen soll der Sammelband das Thema Terrorismus aus unterschiedlichen Disziplinen abbilden, wie z.B. aus der Politik-, Geschichtswissenschaft und aus dem Völkerrecht. Zum anderen soll das Buch von Harbrich, Kocks und Spencer ein Forum für aktuelle Forschungsarbeiten darstellen.

  • Im ersten Teil des Buches widmen sich die Autoren vier hauptsächlichen Themen: zum einen schreibt Christopher Daase zusammen mit Alexander Spencer über den Stand und die Perspektiven der politikwissenschaftlichen Terrorismusforschung, zum anderen Mindia Vashakmadze über die aktuellen Herausforderungen des Völkerrechts in Bezug zum Terrorismus. Dennis Bogart beschreibt den Zusammenhang zur Spieltheorie und Sylvia Schraut analysiert den Begriff des Terrorismus aus der Geschichtswissenschaft heraus.
  • Die nächsten Kapitel behandeln Themen, wie den politischen Mord in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik oder das Spannungsverhältnis von Dschihadismus- und Terrorismusanalyse in Wissenschaft und Sicherheitspolitik.
  • Der dritte und letzte inhaltliche Teil des Sammelbandes befasst sich mit der Terrorismusbekämpfung.

Der Artikel der Autoren Daase und Spencer ist eine Einführung in den Stand und die Perspektiven der politikwissenschaftlichen Terrorismusforschung. Dabei gehen die Autoren drei Fragen nach: Was ist Terrorismus? Was verursacht Terrorismus und welche Gegenmaßnahmen können getroffen werden? Doch leider wird der Beitrag a) dem Buchtitel nicht gerecht und b) kann er in seiner Kürze nicht einschlägige Antworten auf die zuvor gestellten Fragen geben. Eine Einführung und sogar eine gute ist der Artikel in jedem Fall, aber kein Wissenschaftler muss zum x-ten Mal eine Einführung in die Thematik lesen, auch wenn es von den Herausgebern gut gemeint ist.

Der nächste Artikel im Buch „Der Terrorismus und das Völkerrecht: Aktuelle Herausforderungen“ ist inhaltlich sehr überzeugend, aber diese „aktuellen Herausforderung“ sind bereits seit mehreren Jahren auf der Tagesordnung von Juristen. Guter Ansatz, aber leider nur ein Aufwärmen vom Althergebrachten. Eine aktuelle und intensive Diskursanalyse wäre in diesem Fall interessanter gewesen.

Der Fachbeitrag von Dennis Bangert fängt vielversprechend an, hat aber ebenfalls mit dem Stand der Terrorismusforschung in Deutschland nur im Allgemeinen etwas zu tun. Insgesamt ist der Artikel nur für Politikwissenschaftler mit Nebenfach Mathematik zu verstehen.

Ein Lichtpunkt in diesem Band ist definitiv der Beitrag von Sylvia Schraut, die als Historikerin an der Universität der Bundeswehr München einen guten Einblick in die Metamorphose des Begriffs und Deutungshoheit des Terrorismus in der Bundesrepublik gibt. Ebenso der Artikel von Sebastian Huhnholz über das Spannungsverhältnis von Dschihadismus- und Terrorismusanalyse in Wissenschaft und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland.

Das dritte Kapitel umfasst drei Aufsätze: einer befasst sich mit der Rolle der UN bei der Terrorismusbekämpfung mit einem Bezug zu Carl Schmitt (sehr guter Artikel, der aber mit der Terrorismusforschung wenig am Hut hat), ein anderer mit der Effektivität von Counter-Terrorismus am Beispiel des Bundestrojaners (guter Artikel, aus dem mehr zu holen gewesen wäre) und zuletzt ein Beitrag zur Terrorismusbekämpfung jenseits funktionaler Problemlösung (der sehr gut ist und auch zum Thema passt). Wo sind aber im Kontext des Buches die Aufsätze, die sich mit der Counterinsurgency der Bundeswehr in Afghanistan befassen? Warum wird nicht der Forschungsstand zum Thema Piraterie abgebildet? Den Herausgebern hätte eigentlich das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte PiraT-Projekt zur maritimen Sicherheit bekannt sein müssen.

Fazit

Der Sammelband ist generell betrachtet in Ordnung, aber an seinem Anspruch, den Stand der Terrorismusforschung in Deutschland abzubilden, sind die Herausgeber grandios gescheitert – und das, obwohl die Texte fast durchweg von hoher Qualität sind.

Wenn man schon ein Fazit aus der „Terrorismusforschung in Deutschland“ ziehen kann, dann dieses, dass deutsche Akademiker und Fachexperten den angloamerikanischen immer noch politikwissenschaftlich hinterherhinken. Es gibt nur wenige Leuchtturmpublikationen, -organisationen sowie herausragende Wissenschaftler in Deutschland, die zu den Granden der Terrorismusforschung gezählt werden können. Ein Buch mit diesem Anspruch hätte mehr bieten müssen als oftmals Allgemeines und Bekanntes auf 321 Seiten.

Nehmen wir uns nun das Fazit der Herausgeber selbst zur Brust: „Beginn eines goldenen Zeitalters der Terrorismusforschung oder macht der Letzte bitte das Licht aus?“ Das Fazit von Harbrich, Kocks und Spencer ist sehr gut gelungen. Zum ersten Mal gehen die Herausgeber dem eigenen Anspruch nach, wie es mit der Terrorismusforschung in Deutschland steht. Sie beschreiben die Probleme und Schwachstellen sozialwissenschaftlicher Terrorismusforschung und geben Entwicklungsmöglichkeiten für diesen Forschungszweig an:

In diesem Band haben wir versucht, einen Einblick in den Stand der Terrorismusforschung in Deutschland zu geben. Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass im deutschsprachigen Raum gute und facettenreiche wissenschaftliche Forschung in unterschiedlichen Disziplinen betrieben wird. Auch wenn wir natürlich nicht behaupten können, in elf Beiträgen die Gesamtheit der Forschung in Deutschland reflektiert zu haben, so teilen wir die von einigen propagierte negative Meinung über den Zustand der Forschung nicht. […] So gilt es nicht, das `Licht auszumachen´, sondern dieses vielmehr weiter zu erhellen […].

Hätte man dem Buch den Titel „Einblicke in die Terrorismusforschung in Deutschland“ gegeben, wäre unsere Kritik sicherlich anders ausgefallen. Zwar sollte der Sammelband auch ein Forum für aktuelle Forschungsergebnisse sein, doch das war mit dem Ziel, den Forschungsstand abzubilden, offensichtlich nicht zu vereinbaren. Um das Fazit der Herausgeber nochmals aufzugreifen: Am gesamten Buch wird deutlich, sieht man sich die zitierten Wissenschaftler (zumeist aus dem englischsprachigen Raum) der einzelnen Autoren an, dass die Terrorismusforschung in Deutschland der amerikanischen eindeutig hinterherhinkt.

Zwar wird noch lange niemand das Licht in der deutschen Terrorismusforschung ausmachen – um dem Duktus der Herausgeber zu folgen – aber die deutsche Forschung in diesem Bereich ist wie eine Energiesparlampe: sie braucht z.T. sehr lange, um wirklich hell zu leuchten!

Harbrich, K./Kocks, A./Spencer, A. (2011): Terrorismusforschung in Deutschland. Wiesbaden: VS Verlag. 321 Seiten. Preis: 49,95 Euro. ISBN-13: 978-3531177298

Foto: VS Verlag.

Weiterführende Informationen

Seidlers Sicherheitspolitik: Deutschland – Die Atacamawüste strategischen Denkens

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