Rezension: 11 drohende Kriege

von Seka Smith

Wenn Sie ruhig schlafen möchten, sollten Sie dieses Buch gar nicht erst aufschlagen. „Dieses Buch könnte Ihnen Angst machen”, so die Autoren Andreas Rinke und Christian Schwägerl in ihrem Buch „11 drohende Kriege. Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung.”

In 11 Szenarien, den „Stressfaktoren von morgen“, erzählen Rinke und Schwägerl von Konflikten, die sich zuspitzen und in Kriegen münden. „So schrecklich es für Milliarden von Menschen klingt, die heute `menschlich´ im humanistischen Sinne denken: Gewalttätige Auseinandersetzungen sind bisher eine Konstante des menschlichen Lebens gewesen.” (S. 13)

Rinke, politischer Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters, und Schwägerl, zuletzt 2007 mit dem Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus, 2008 mit dem IUCN-Reuters Media Award for Excellence in Environmental Reporting und 2009 mit dem Ecosense-Journalistenpreis für Nachhaltigkeit ausgezeichnet, öffnen den Lesern einen spaltbreit die Tür in eine Dimension der Zukunft, wie wir und unsere Kinder sie erleben könnten – und vor der wir auch Angst haben sollten. Aber keine lähmende Angst, sondern eine, die uns dazu anhält zu reagieren, auf das, was womöglich auf uns alle zukommt.

Die Autoren haben 11 Szenarien entwickelt, die ihren Ursprung in unserer Gegenwart haben und sich in den kommenden Jahren zu existentiellen politischen und wirtschaftlichen Problematiken entwickeln können. Das sind sicherheitspolitische Erwägungen rund um die Themen:

  • Klimawandel
  • Demographie
  • Rohstoffe
  • Pandemie
  • Informationstechnologie
  • Überfischung
  • Migration
  • Welternährung
  • Tiefsee
  • Weltraum
  • Neurotechnologie

Auch wenn es uns nicht möglich ist die Zukunft hervorzusagen, sind die einzelnen Kapitel keine moderne Glaskugelleserei, sondern ernsthafte Risikoanalysen. Sie helfen uns, uns auf zukünftige Ereignisse vorzubereiten. Ganz dem englischen Sprichwort entsprechend: “be prepared and you’re flexible”.

Was wäre fataler als auf die beschriebenen Szenarien zu treffen, die den Staat und seine Bürger ggf. in ihrer Existenz gefährden? „Tausende Kriege in der Menschheitsgeschichte lassen die Hoffnung, dass es in Zukunft keine blutigen Auseinandersetzungen mehr geben wird, reichlich naiv erscheinen.” (S. 333) Es steht einfach viel zu viel auf dem Spiel, als dass man sich nicht auf Eventualitäten vorbereitet.

Alle im Buch dargestellten Szenarien haben eine (neo-)realistische Konstante gemeinsam – „Die Szenarien sind zwangsläufig konfliktorientiert.” (S. 58) Sie basieren auf der Grundlage von machtakkumulierenden Akteuren in einem anarchischen Staatensystem, in der es keine leviathanische Macht gibt, die verbindliche Regeln durchsetzen kann. In diesem System sind alle Staaten darauf bedacht, möglichst viel Macht zu aggregieren um sich nicht in Abhängigkeiten oder Bedrohungslagen durch Dritte begeben zu müssen.

Die vorgestellten Szenarien sind Worst-Case-Szenarien. Die Autoren sagen selbst, dass es gar nicht so weit kommen muss. „Doch so viel Tod und Zerstörung die Szenarien auch beschreiben mögen: Der Grundsatz ist ein ganz anderer als bei den düsteren Untergangs- und Verschwörungsszenarien. Die Menschheit ist weder zu Klimakriegen noch zu fatalen Fehlentwicklungen in der Forschung, noch zu Kriegen um Ressourcen verdammt.” (S. 58) Die Probleme von morgen können auch auf eine andere Weise gelöst werden und zwar durch Diplomatie und Kooperation. „Es gibt zwar neue Gefahren, aber auch viele Wege, um ihnen zu begegnen,” (S. 333) so z.B. durch die Stärkung der UNO, die Einbindung emporstrebender Mächte, die Stärkung internationaler Regelwerke oder durch eine globale Transparenz. Einen „Ewigen Frieden“ wird es so nicht geben, aber die Autoren verweisen in ihren Ausführungen am Ende des Buches, dass es eindeutig Wege und Möglichkeiten zu einer friedlichen Niederlegung von Konflikten gibt.

Fazit

Die Autoren haben mit dem Buch „11 drohende Kriege” ein sehr packendes und interessantes Buch geschrieben. Die über 400 Seiten lesen sich schnell und flüssig. In den Anmerkungen lassen sich Quellen nachrecherchieren und zu weiteren Studien nutzen. Jedes einzelne der 11 Szenarien wird am Anfang und Ende eines jeden Kapitels von einer Geschichte umhüllt. Dadurch wird der wissenschaftsjournalistische Mittelteil noch in seiner Intention, eine Risikoeinschätzung abzugeben, deutlich verstärkt. Rinke und Schwägerl schaffen so nicht nur eine Aneinanderreihung von Fakten und Variablen, sondern erzählen eine nachvollziehbare Geschichte, von der wir hoffen können, dass sie so nicht eintrifft.

Nichts wäre fataler für Deutschland als im großen Spiel der Staaten auf eine marginale Rolle verwiesen zu werden. Aus diesem Grund sind die Eliten des Landes durch dieses Buch herausgefordert die vorgezeichneten Zukunftsszenarien ernst zu nehmen und sich darauf vorzubereiten.

Möglichkeiten gibt es viele, z.B. indem man die bestehende europäische Gemeinschaft stärkt, Vertragsverletzungen konsequent sanktioniert und in die Forschung und Entwicklung deutlich mehr Geld investiert. Deutschland lebt von seinen kreativen Köpfen. Das ist dessen größtes Exportgut und wichtigstes Kapital. Ohne wissenschaftlichen sowie technologischen Fortschritt wird Deutschland in der Zukunft keine ernsthafte Rolle unter den Weltmächten spielen können. Auch aus diesem Grund ist die Rolle der Europäischen Union trotz der jetzigen Krise wichtiger denn je, denn nur in einem starken Gemeinwesen wird sich Deutschland in der Liga der Weltmächte behaupten können. Deutschland braucht Europa und Europa braucht Deutschland.

Eines ist auf jeden Fall sicher! Die Zukunft ist ungewiss; und die Zukunft mag gefährlich erscheinen. Halten wir uns so an die weisen Worte des französischen Schriftstellers Victor Hugo: „Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte. Für die Tapferen ist sie die Chance.”

Rinke, Andreas/Schwägerl, Christian (2012): 11 drohende Kriege. Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung. München: Bertelsmann Verlag. 429 Seiten. Preis: 21,99 Euro. ISBN: 978-3570101209

Fotos: Bertelsmann Verlag, Diego Fernández

Weiterführende Informationen (Videos):

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4 Responses to Rezension: 11 drohende Kriege

  1. Hallo Seka,
    vielen Dank für diesen Buchtip – tönt interessant. Ich habe mir das Buch jedenfalls bestellt.

  2. Seka Smith says:

    Sehr gerne. Das Buch ist tatsächlich sehr interessant und ein absoluter Kauftipp!

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