Rezension: Wien. Die letzten Spuren des Krieges

von Seka Smith

Wien ist eine wundervoll romantische Stadt. Sie liegt an den östlichen Ausläufern der Alpen und ist bis heute ein Anziehungspunkt für Millionen von Touristen. Die Geschichte Wiens ist geprägt von goldenen Tagen österreichischer Geschichte, doch ebenso getrübt durch einen Schleier der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Der Zweite Weltkrieg hat im städtischen Antlitz Wiens viele Narben hinterlassen, die nach Kriegsende schnell entfernt oder kaschiert worden sind. Straßen wurden aufgeräumt, zerstörte Wohnhäuser abgetragen und neue errichtet. Mit der Zeit erinnerte nur noch wenig an den Schrecken der Nazidiktatur und die alliierten Bombenangriffe.

Bouchals und La Speranzas Buch „Wien. Die letzten Spuren des Krieges“ versetzen den Leser zurück in die Vergangenheit, in eine Welt, die der Öffentlichkeit kaum noch bewusst ist, dass es sie überhaupt noch gibt.

Die Autoren nehmen den Leser mit ihren eingängigen Beschreibungen und historischen Fakten an die Hand und führen ihn in die noch bestehenden Bunker Wiens, an Häuserfassaden entlang, auf denen noch die Richtungsangaben für die Zivilschutzbunker zu erkennen sind und zeigen auf, was von den Spuren des Krieges im Wiener Stadtbild noch verblieben ist, so z.B. Bombentrichter, verlassene Stollenanlagen oder versteckte NS-Parolen.

Über Jahre war Wien vor Bomberangriffen verschont geblieben. 1943 waren die Fronten durch die Alliierten so weit vorgeschoben worden, dass schließlich auch Wien Ziel der Bomberflotten wurde. Doch hatte Wien Glück im Unglück. Durch den Ausbau des Bunkernetzes wurden zwar 8’800 Menschen getötet, doch hätten es noch viel mehr sein können, wenn nicht alle öffentlichen Gebäude, Parks, Firmen und Privathäuser mit Bunkern und Ausbauten von Kellern ausgestattet worden wären.

Das Buch zeigt, dass der Stadtarchäologe bei genauem Hinschauen noch hier und da Spuren des Krieges entdecken wird. So z.B. Einschusslöcher in einer Christusfigur auf dem Simmeringer Friedhof oder ein Granattreffer in der Votivkirche. Ebenso finden sich Spuren unter der Erde, nicht nur als Bunker oder Stollenanlagen, sondern als nicht detonierte Bomben, die immer wieder bei Bauarbeiten zu Tage gefördert werden und dann von Sprengstoffmeistern sorgfältig entschärft werden müssen.

Manche Bunker haben nach dem Krieg eine friedvolle Verwendung gefunden. Das Volkskundemuseum nutzt den Luftschutzbunker am Josefstädter-Schönborn-Park als Lagerhalle. Früher beherbergte er 600 Stadtbewohner, wenn wieder einmal Bomben vom Himmel fielen und die Luftschutzsirenen kreischten. Der Bunker im Esterházypark zum Beispiel beherbergt das Wiener Foltermuseum. Nicht alle Bunker haben die Zeiten bis heute überlebt. Viele wurden gesprengt und abgetragen. Wo früher ein Bunker stand, befindet sich heute ein Kinderspielplatz, so z.B. am Phorusplatz.

US-Bomber auf dem Weg nach Wien

Die beiden Militärhistoriker bekamen Einlass in viele private Keller, in denen sich sogar nach Jahrzehnten noch Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg finden ließen. Elektrische Gerätschaften, wie ein Funkgerät, Bajonette, Stahlhelme oder Umrisse für die Kellerdurchbrüche, wenn der Aufgang ins Freie nach einer Bombardierung verschüttet wurde.

Insgesamt waren die Fotodokumentation, die Archivrecherche und die Zeitzeugenberichte so umfassend, dass die Autoren lediglich 15-20% des gesamten Materials ins Buch aufnehmen konnten. Das vorliegende Buch ist natürlich keine detaillierte Aufnahme von Wiener Bunkeranlagen oder Kriegsüberbleibseln oder gar ein Wanderführer durch die Vergangenheit. Vielmehr zeigen Bouchal und La Speranza exemplarisch auf, wo sich zeigenswerte Objekte befinden und illustrieren den Text mit ihren bildhaften Eindrücken.

Man merkt, dass sich die Autoren mit dem Buch sehr viel Mühe gegeben haben. Es ließt sich leicht, beinhaltet Anlagen- und Bunkerpläne und die zahlreichen Fotografien, auch wenn meiner Meinung nach das Bildbearbeitungsprogramm zur Unterstreichung der Atmosphäre zu sehr in Anspruch genommen wurde, lassen die beklemmende Atmosphäre spüren, die die Schutzsuchenden erleiden mussten.

Bouchal und La Speranza ist eine schaurig schöne Dokumentation der Stadt Wien aus einer ungewöhnlichen Perspektive gelungen. Wer Wien auf eine andere Weise näher kennenlernen möchte oder an Stadtarchäologie interessiert ist, liegt bei diesem Buch genau richtig.

Bouchal, Robert/La Speranza, Marcello (2012): Wien. Die letzten Spuren des Krieges. Wien: Pichler Verlag. 237 Seiten. Preis: 24,99 Euro. ISBN: 978-3854315933

Fotos: Verlag, USAF

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One Response to Rezension: Wien. Die letzten Spuren des Krieges

  1. Seka Smith says:

    In diesem Zusammenhang sind noch zwei Texte sehr interessant:

    a) Eine Diplomarbeit mit dem Titel “Das Jahr 1945 in Tagebüchern von Wiener Frauen”, in der auch die Bombenangriffe auf Wien beschrieben werden: http://othes.univie.ac.at/11313/1/2010-09-10_0447268.pdf

    b) Der Wiki-Artikel zum Thema (engl.): http://en.wikipedia.org/wiki/Bombing_of_Vienna_in_World_War_II

    Interessanterweise sind die Quellen zum ersten US-Angriff auf Wien nicht eindeutig. Manche sprechen von 1943, andere wiederum von 1944 als das Jahr der ersten Angriffe.

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