Die Geschichte von Maarof Kabays – einem Peshmerga-Kämpfer, der um sein Überleben kämpfen musste

von Vager Saadullah. Vager Saadullah (Twitter / Facebook) ist ein kurdischer Journalist und Editor in Dohuk, Irak. Er absolviert einen Masterstudiengang in Internationale Beziehungen an der Girne American University in Zypern. Die englische Version dieses Artikels wurde auf War Is Boring veröffentlicht. Übersetzung: offiziere.ch.

Maarof Kabays

Maarof Kabays

Am 2. August 2014 griff die Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) kurdische Stellungen an und überrannte die Städte Kaske und Zummar. Der Angriff durchbrach die Verteidigungslinien der Peshmerga und zwang die kurdischen Truppen, sich zurückziehen und sich neu zu gruppieren. Maarof Kabays, ein 42-jähriger Peshmerga-Kämpfer, war in einer Einheit, welche die Hauptlast des Angriffs der Dschihadisten trug. An Waffen und Zahl unterlegen flohen Kabays und sieben weitere Soldaten zu Fuß durch das vom IS kontrollierte Gebiet. Nur zwei Soldaten – unter ihnen Kabays – überlebten und flohen zu den kurdischen Linien zurück.

“An diesem Tag griff uns der IS mit gepanzerten Fahrzeugen und Panzern an”, erinnert sich Kabays. “Wir hatten keine schweren Waffen um uns zu verteidigen.”

Seine Einheit verteidigte ein Dorf in der Nähe von Zummar. Die kurdischen Kämpfer hatten ein schweres sowjetisches DShK-Maschinengewehr und einige Granatwerfer, aber diese Waffen konnten die Panzer des IS nicht außer Gefecht setzen — es blieb ihnen nur der Rückzug übrig.

Die Peshmerga versuchten, in ihren Fahrzeugen zu fliehen, der Fluchtweg wurde jedoch durch die schnelle Offensive der IS-Kämpfer abgeschnitten. Zu diesem Zeitpunkt umfassten die Peshmerga ungefähr hundert Soldaten. Damit die IS-Kämpfer nicht die gesamte Gruppe auf einmal einholen konnten, entschieden die Peshmerga-Einheiten ihre Fahrzeuge aufzugeben und sich aufzuteilen. Sie wollten nicht wie die irakischen Truppen enden, die in Mosul massakriert wurden.

Der IS blockierte alle Straßen; wir konnten sie deshalb nicht für unseren Rückzug benutzen. Darum ließen wir unsere Fahrzeuge zurück und versuchten, zu Fuß zu entkommen. […] Ich war mit sieben anderen Peshmerga zusammen, und wir wählten unseren eigenen Fluchtweg. Wir gingen etwa zwei Kilometer, als der IS uns mit Humvees und Pickups umzingelte.

Als sie flohen, brach einer aus der Gruppe vor Erschöpfung zusammen. Die acht Peshmerga versteckten sich vor den IS-Kämpfern und warteten, bis sich ihr Kamerad erholt hatte. Als sie sich sicher fühlten, setzten sie ihren Rückzug fort, wurden jedoch von den IS-Kämpfern wieder eingeholt und mussten sich wieder im hohen Gras verstecken. Dabei sahen sie wie IS-Kämpfer in der Ferne einen Mann einholten und versuchten ihn gefangen zu nehmen. Gefangene des IS sind in der Regel Misshandlungen und Folter ausgesetzt und oft werden brutale Hinrichtungen für Propagandazwecke gefilmt. “Wir glaubten, dass er ein Peshmerga war, aber wir waren nicht sicher, weil seine Kleidung mit Schlamm bedeckt war” erinnert sich Kabays. Wer dieser Mann auch war, die Peshmerga wollten nicht, dass er das schreckliche Schicksal vieler anderer Gefangener erleiden musste. “Deshalb beschlossen wir, die IS-Kämpfer zu bekämpfen, obwohl wir sicher waren, dass wir dadurch unsere Position verraten würden” sagte er.

Gefangene des IS sind in der Regel Misshandlungen und Folter ausgesetzt und oft werden brutale Hinrichtungen für Propagandazwecke gefilmt - beispielsweise der jordanische Pilot Muath al-Kaseasbeh. Auf diesem Foto halten Familienmitglieder und Freunde des Piloten zu seiner Ehre sein Bild und Kerzen in die Höhe.

Gefangene des IS sind in der Regel Misshandlungen und Folter ausgesetzt und oft werden brutale Hinrichtungen für Propagandazwecke gefilmt – beispielsweise der jordanische Pilot Muath al-Kaseasbeh. Auf diesem Foto halten Familienmitglieder und Freunde des Piloten zu seiner Ehre sein Bild und Kerzen in die Höhe.

Als die Milizionäre dem Mann näher kamen, eröffneten Kabays und seine Kameraden das Feuer. Sie töteten zwei IS-Kämpfer, darunter einen, der ein aufmontiertes schweres Maschinengewehr bediente. Der vom Schlamm bedeckte Mann entkam, aber der IS schlug schnell gegen die Peshmerga zurück.

“Es war nicht nur der IS, der gegen uns kämpfte, auch viele Araber aus dem Dorf schossen auf uns.”

Während die Peshmerga die IS bekämpften, näherte sich ein zivil erscheinender PKW – ein Opel Omega. Im Inneren war eine Frau. Die kurdischen Kämpfer schossen nicht auf das Fahrzeug. Als das Fahrzeug näher kam, nahmen die Fahrzeuginsassen zwei BKC (leichte Maschinengewehre) und schossen auf die kurdischen Kämpfer. Die Peshmerga versuchten in eine neue Stellung zu fliehen. Als sie sich zurückzogen, töteten die IS einen Peshmerga-Kämpfer namens Herish Abdullah. Nicht lange danach töteten die IS-Kämpfer ein weiteres Mitglied der Gruppe, einen Mann namens Attar Aziz. “Sein Kopf fiel auf meine Schulter,” erinnerte sich Kabays.

Der Bruder von Aziz – Arif Aziz – war der Kommandant der Gruppe und er lehnte es ab, Attars Leiche zurückzulassen. Kabayz griff zu seinem Mobiltelefon und rief seinen älteren Bruder, einen Peshmerga im Ruhestand, an und fragte ihn um Rat. “Er sagte mir, dass ich so bald es möglich sei, den Kommandanten vom Leichnam seines Bruder wegbringen solle. Bis dahin hatten die Milizionäre vier weitere getötet. […] Nur ich und der Kommandant waren am Leben geblieben. ”

Die Schützen der IS schossen mit weitreichenden BKC- und DShK-Maschinengewehren aus der Ferne auf sie. Die Peshmerga hatten nur ihre AK-47 mit kürzerer Reichweite und waren nicht in der Lage, das Feuer wirksam zu erwidern. Kabays gelang es, Arif zu überzeugen, seinen Bruder zurückzulassen, damit sie fliehen konnten.

Ich tarnte mich mit Gras wie in amerikanischen Filmen, und sagte dem Kommandanten, dass ich loskriechen werde. Falls ich wohlbehalten ankäme, würde ich meine Mütze in die Luft werden, damit er es sehen und mir folgen könnte.

Kabays sagte, dass er etwa 500 Meter in Sicherheit kroch und seine Mütze in die Luft warf. Der Kommandant sah es und versuchte dann, seinem Weg zu folgen. “Unglücklicherweise verlor er auf halbem Weg die Grastarnung und wurde erkannt. Die IS-Kämpfer schossen mit drei BKCs auf ihn”, erzählte er. “Das brachte ihn dazu, aufzustehen und auf mich zuzurennen.” Der Kommandant überlebte.

“Wir haben versucht, uns wieder zu verstecken, deshalb gingen wir zum ersten Ort zurück, von dem aus wir weggerannt waren. Dort nahm ich die SIM-Karte aus meinem Telefon und setzte eine andere Karte ein. Weil der Kommandant beim Rennen sein Telefon verloren hatte befürchtete ich, dass IS-Kämpfer anrufen könnten oder mit Anrufen an mich unsere Position herausfinden könnten.” Die beiden Soldaten versteckten sich, bis es anfing dunkel zu werden. Sie beschlossen, über die nahe gelegenen Städte Ainfors und Tobneh nach Osten zu gelangen. Aber sie kannten die Gegend nicht gut. Erschwerend kam hinzu, dass der Kommandant auf dem Bauernhof, auf dem sie sich früher am Tag zu verstecken versucht hatten, verdorbene Nahrungsmittel gegessen hatte und ihm davon schlecht wurde.

“Wir erreichten um zwei Uhr morgens eine Wasserfirma namens Jizeereh. Wir schlichen unter dem Zaun durch, um uns dort zu verstecken”, sagte Kabays. Die beiden hatten Hunger. Deshalb riskierten sie es, zu einem nahe gelegenen Dorf zu gehen und an einer Haustüre zu klopfen. Ein junger Mann mit einem Schnurrbart antwortete. “Wir baten um Wasser, und er brachte es uns, dann baten wir ihn, uns Essen zu bringen. Er sagte, dass er in das Haus seines Onkels gehen würde, um uns Essen zu bringen. Ich sagte ihm, dass er nicht gehen solle. Er fragte mich, ob ich Angst hätte und ob ich ihn deswegen nicht gehen ließe”, erinnerte sich Kabayz. “Ich habe ihm gesagt, dass ich keine Angst hätte — dabei hatte ich wirklich Angst und mein AK-47 lag schussbereit in meinen Händen.”

Husam

Husam

Kabays fragte den Mann, ob die irakische Polizei, die Peshmerga oder der IS die Stadt kontrollierten. Der Mann erzählte ihnen, dass das Haus zu ihrer Linken von der IS benutzt würde. Kabays sagte ihm, dass sie Peshmerga seien und fragte ihn, was sie tun sollten. “Er legte seine Hand an seinen Schnurrbart und sagte, dass er uns beschützen würde”, erinnerte sich Kabays. “Wir ließ ihn zum Haus seines Onkels gehen und er kam mit zwei Brotstücken für uns zurück. Als er uns das Brot gab, bat er den Kommandanten, ihm sein Gewehr zu geben”, sagte Kabays. “Wir trauten ihm nicht und sagten ihm, dass wir ihm ein Gewehr gäben würden, falls wir ihn anderswo sehen würden.”

Kabays und der Kommandant verließen das Haus und erreichten nach rund eineinhalb Stunden ein Gebiet voller Zuckerrohrpflanzen. Sie versteckten sich dort, stellten aber schnell fest, dass sie kein Wasser mehr hatten. Sie entdeckten einen nahe gelegenen Bauernhof. “Ich sagte dem Kommandanten, dass ich Wasser von diesem Haus holen würde und bat ihn, mir Deckung zu geben”, sagte Kabays. “Ich ging hin und sah einen Mann, der gerade Tomaten erntete. Ich stahl eine Flasche Wasser und zwei Garnituren Zivilkleidung und ging zurück zum Kommandanten.” Sie hielten sich bis zum nächsten Abend in dem Zuckerrohrfeld versteckt; dann brachen sie in Richtung des Mosul-Staudamms auf.

Sie sahen 15 Boote unten auf dem Fluss. Kabays versuchte, die Motoren all dieser Boote zu starten, aber kein einziger funktionierte. “Ich rief wieder meinen Bruder an – vor 18 Stunden hatte ich das letzte Mal angerufen. Ich habe ihm gesagt, dass wir am Mosul-Staudamm wären “, erinnert er sich. “Dann legte ich meine alte SIM-Karte – die ich zuvor herausgenommen hatte – in das Telefon.” sagte Kabays. “Ghazwan Mohammed, einer meiner Freunde bei der Peshmerga, rief mich an und sagte uns, wir sollten dort bleiben, bis um 10.30 Uhr ein Boot von ihnen käme.”

Aber das Boot kam nicht rechtzeitig an – und die IS-Kämpfer kamen näher. Mohammed rief wieder an und sagte, sie sollten bis Mitternacht warten. Das Boot erreichte sie während drei weiterer Stunden nicht. Um 3.00 Uhr morgens kamen ihre Kameraden und retteten sie schließlich. Kabays und der Kommandant waren überrascht einen der Soldaten auf dem Boot wiederzuerkennen. “Es war der mit Schlamm bedeckte Mann, den wir zuvor vor den IS-Kämpfer gerettet hatten […] Sein Name war Husam.” Der 22-jährige Husam sagte, dass er ein Peshmerga-Freiwilliger sei. Weil er mit der Umgebung vertraut war, bat er den Kommandeur des Soldatenregiments, bei der Rettung der Männer zu helfen, die ihn gerettet hatten.

Heute leben Kabays and Aziz wieder in ihrer ursprünglichen Stadt, die später von den Peshmerga befreit wurde. Kabays sagte, dass sich ihre Situation sehr verbessert hat, weil sie jetzt bessere Waffen hätten (siehe auch “Deutsche Waffen für ‘kurdischen Sicherheitskräfte’“, offiziere.ch, 02.09.2014). Husam ist weiterhin als Freiwilliger an der Front bei den Pershmerga. Er nahm später an der Sinjar-Offensive teil.

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