Boko Haram, das Massaker von Baga und die regionale Dimension

von Peter Dörrie. If you don’t understand German, then check out “Boko Haram Killed Hundreds of Civilians After Troops Fled” about the same topic, also written by Peter Dörrie, published on “War is Boring“.

Burnt-out cars are seen at the scene of a blast in Abuja, June 25, 2014 (Foto: Afolabi Sotunde).

Burnt-out cars are seen at the scene of a blast in Abuja, June 25, 2014 (Foto: Afolabi Sotunde).

Laut Amnesty International war es das vermutlich schlimmste Massaker, das die islamistische Miliz Boko Haram bisher verübt hat: hunderte Menschen, vielleicht sogar bis zu 2’000, wurden bei dem Angriff der Rebellengruppe auf die Stadt Baga am Ufer des Tschadsees am 7. Januar getötet. Baga selbst wurde praktisch komplett zerstört.

Boko Haram griff Baga bereits am Samstag, dem 3. Januar an. Das Ziel war damals noch die örtliche Basis des nigerianischen Militärs. Obwohl es schon der fünfte Überfall auf Baga in den letzten zwei Jahren war, war die Armee offenbar nicht ausreichend vorbereitet. Nach mehreren Stunden Feuergefecht flohen die Soldaten und ließen Medienberichten zufolge erhebliche Waffen- und Munitionslager zurück. Verstärkung konnte nicht anrücken, denn die umliegenden Gebiete sind schon seit längerem unter der Kontrolle von Boko Haram.

Kämpfer der Miliz kehrten dann am Mittwoch in die nun schutzlose Stadt zurück. Gezielt wurden Häuser in Brand gesteckt und auf die fliehenden Zivilisten geschossen. Die BBC zitierte einen Bewohner Bagas, der zu Protokoll gab das es mehr Leichen gebe, als die Überlebenden beerdigen könnten. Praktisch alle der 10’000 Bewohner Bagas sind inzwischen auf der Flucht.

Zeitgleich überfiel und besetzte Boko Haram auch mindestens 16 andere Orte im Bundesstaat Borno, während die nigerianische Armee einen Angriff auf Damaturu, die Hauptstadt des benachbarten Bundesstaats Yobe offenbar abwehren konnte.

Der Fall von Baga ist aber nicht nur wegen der katastrophal hohen Opferzahl relevant. Das Massaker ist in mehrerer Hinsicht symbolisch, nicht zuletzt weil der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan, in dessen seit 2010 dauernder Amtszeit ein großer Teil des Konflikts fällt, nur einen Tag später offiziell seine Wahlkampagne für die Präsidentschaftswahl am 14. Februar 2015 startete. Baga erwähnte er in seiner Rede mit keinem Wort.

Das wäre vielleicht angebracht gewesen, denn Baga hat nicht nur innenpolitische Relevanz. Die dortige Militärbasis war das offizielle Hauptquartier der Multinational Joint Task Force, einer regionale Militärtruppe mit dem Ziel, Boko Haram in dieser Region ohne effektive Grenzen das Handwerk zu legen. Nigeria, Niger, Tschad, Kamerun und Benin hatten vereinbart, je 700 Soldaten der Truppe zur Verfügung zu stellen und so eine effektive Bekämpfung der Gruppe zu ermöglichen.

Allerdings wurde die Initative nie richtig implementiert. Die Regierungen des Tschad, Nigers und Kamerung haben zuletzt ihren nigerianischen Kollegen mangelnden Willen zur Lösung der Krise vorgeworfen, wobei die Sorgen dieser Länder vor einem Überschwappen der Gewalt immer größer werden (siehe auch “Boko Haram crisis: Niger ‘will not help retake’ town of Baga“, BBC, 09.01.2015).

A car burns at the scene of a bomb explosion at St. Theresa Catholic Church at Madalla, Suleja, just outside Nigeria's capital Abuja, December 25, 2011 (Foto: Afolabi Sotunde).

A car burns at the scene of a bomb explosion at St. Theresa Catholic Church at Madalla, Suleja, just outside Nigeria’s capital Abuja, December 25, 2011 (Foto: Afolabi Sotunde).

Am stärksten betroffen ist Kamerun. In Nigerias östlichem Nachbarland sind Angriffe durch Boko Haram inzwischen an der Tagesordnung und der Anführer der Terrorgruppe, Abubakar Shekau, wandte sich mit einer seiner Drohungen per YouTube kürzlich direkt an den kamerunischen Präsidenten Paul Biya: “Oh Paul Biya, if you don’t stop this, your evil plot, you will taste what has befallen Nigeria. Your troops cannot do anything to us.” (“Boko Haram leader threatens Cameroon in YouTube video“, AFP, 07.01.2015).

Biya ist einer der lautesten Fürsprecher für eine internationale Reaktion auf Boko Haram. Die Gruppe, so der kamerunische Präsident, sei Teil des globalen Problems Terrorismus und müsse dementsprechend auch global bekämpft werden. Diese Ansicht wird in vielen westlichen Regierungen offenbar geteilt. Boko Haram wird in Regierungserklärungen immer öfter in einem Atemzug mit der IS, al-Qaida und al-Shabaab genannt. Diese Analyse und Rhetorik könnte allerdings mehr zum Problem, als zur Lösung beitragen.

Mit einigen wenigen Ausnahmen wie der Bombenangriff auf das U.N. Gebäude in Abuja 2011, die Entführung westlicher Geiseln und verbalen Drohungen hat Boko Haram bisher erstaunlich wenig internationale Ambitionen erkennen lassen. Vielmehr macht eine Betrachtung der Geschichte der Gruppierung deutlich, wie eng ihre Entwicklung mit lokalen Problemen zusammenhängt. Die politische und wirtschaftliche Marginalisierung des Nordostens Nigerias und Nordens Kameruns spielen dabei ebenso eine Rolle, wie die unglaubliche Korruption und schlechte Regierungsführung der politischen Eliten dieser Länder. Teil der Identität Boko Harams ist der Widerstand gegen dieses System – mit dem auch die unglaubliche Barbarei des Kampfes begründet wird.

Inzwischen ist der Konflikt völlig ausser Kontrolle geraten und droht auch die Nachbarländer mit in seinen Strudel zu ziehen. Neben den Attacken in Kamerun rekrutiert Boko Haram neue Kämpfer im Niger und Tschad. Gelöst werden muss der Konflikt allerdings primär auf lokaler Ebene, durch einen neuen sozio-politischen Konsens innerhalb des nigerianischen Staates. Biyas Versuche, den Konflikt zu internationalisieren und zu einer globalen Herausforderung zu stilisieren könnten in diesem Kontext schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Intervention etwa durch westliche Soldaten würde Boko Haram erst Recht einen Grund geben, sich auch gegen westliche Ziele zu richten und den Druck auf lokale Eliten zu verringern, dringen nötige politische und wirtschaftliche Reformen umzusetzen.

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