“I am just a Naxalite Warrior” – der Guerillakrieg der Naxaliten in Indien

von Seka Smith. Seka Smith ist Politikwissenschaftlerin, lebt in Berlin und arbeitet im Politikbereich. Für Offiziere.ch schreibt sie unter Pseudonym.

I am just a Naxalite Warrior. Fighting for survival and equality. Policeman beating up me, my brother and my father. My mother crying can’t believe this reality. — Liedtext der “Asian Dub Foundation” zum Film “Brokedown Palace” (1999)

Die Bewegung der Naxaliten (Mitglieder unterschiedlicher kommunistischer Guerillagruppen) entstammt dem Dorf Naxalbari in Westbengalen (Indien) und etablierte sich 1967 innerhalb der Communist Party of India (Marxist) gegen die Grossgrundbesitzer, welche die Landbevölkerung ausbeuteten, und gegen die damals anstehenden staatlichen Umsiedlungsprogramme in den rohstoffreichen Regionen. Unter der Führung von Charu Majumdar, Kanu Sanyal und Jangal Santhal begann in Naxalbari ein bewaffneter Aufstand, der bis heute andauert.

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30 Jahre nach Beginn des Naxalitenaufstandes, im April des Jahres 2007, berichtete die indische Zeitung “The Hindu” über eine Moskitoplage sowie die damit verbundene Sterblichkeitsrate in Indien und verdeutlichte, wie bedrohlich die indische Regierung die Naxaliten-Guerilla empfand:

More deadly than naxalites. […] Mosquitoes are more deadly than the naxals as malaria has killed much more people than naxals in south Orissa. — The Hindu, 12.04.2007.

Westbengalen wird kommunistisch und bringt keinen Frieden
Auf dem 7. Kongress der Kommunistischen Partei Indiens (CPI), der zwischen dem 31. Oktober und 7. November 1964 stattfand, wurde nach heftigen ideologischen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Parteiflügeln die Communist Party of India (Marxist) (abgekürzt CPI(M)) ausgegründet und Puchalapalli Sundarayya, der zuvor die Telengana Rebellion in Hyderabad anführte, zum Generalsekretär gewählt.

Die neugegründete CPI(M) versuchte ihren eigenen, indischen, Weg des Kommunismus zu finden und lehnte eine Orientierung an den sowjetischen und chinesischen Kommunismus weitgehend ab:

The new Communist party, however, was at best a limited ally of the CCP in its conflict with the CPSU, never a partisan. Even this partial alliance was one-sided and short-lived. — Bhabani Sen Gupta, “China and Indian Communism“, The China Quaterly, No. 50, S. 281.

Die indischen Autoritäten reagierten schnell und ließen viele CPI(M)-Anhänger verhaften, so dass das Zentralkomitee erst im Juni 1966 zum ersten Mal tagen konnte, weil die führenden Funktionäre, wie bspw. Bhalchandra Trimbak Ranadive, Promode Das Gupta, H.K. Konar und Muzaffar Ahmed, im Arrest saßen.

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Die Wahl zur Lok Sabha von 1967 wurde zur ersten Bewährungsprobe für die relativ junge Partei. Insgesamt wurden 59 Kandidaten zur Wahl gestellt und 19 davon konnten Sitze im Unterhaus des indischen Parlamentes erringen. In Westbengalen konnte die CPI(M) von 40 Mandaten gerade fünf für sich gewinnen. Noch konnte sich niemand vorstellen, dass diese Partei in den Jahrzehnten danach die längstregierende und demokratisch gewählte kommunistische Regierung der Welt stellen würde.

In den Bundesstaatswahlen von 1977 konnte das von der CPI(M) angeführte Linksbündnis (Left Front) 230 von 293 und fünf Jahre darauf 238 von 294 Sitzen gewinnen – eine absolute Mehrheit von 81%. Das außerordentliche Abschneiden der CPI(M) bei der Wahl von 1977 hatte mehrere Gründe:

  • Nach der “emergency rule” (1975-1977) von Indira Gandhi, begründet auf dem Artikel 352 der indischen Verfassung (Proclamation of Emergency), hatten die etablierten Parteien einen enormen Vertrauensverlust erlitten: “[…] the Janata party cut deeply into Congress´ support. This two parties split the votes, and the CPM was the beneficiary.” (Atul Kohli, “The State and Poverty in India: The Politics of Reform” (New York: Cambridge University Press, 1987), S. 790.
  • Die kommunistische Partei Indiens (CPI) hatte ihren Kredit in der Wählergunst verspielt als sie während des Notstandes mit der Regierung von Indira Gandhi kollaborierte. Damit war die CPI als ernsthafter Wahlgegner der CPI(M) weggefallen.

Die politischen Uneinigkeiten der Janata– und Congress-Parteien, die Mitwirkung der CPI am Notstandsregime und die Mobilisierung der Massen seitens der CPI(M) ließen die indischen Marxisten zum “Matchwinner” werden, die von 1977 bis 2011 ununterbrochen in Westbengalen in der Regierungsverantwortung standen und heute zur größten linken Partei in Indien zählen.

Wie der Phoenix aus der Asche
Das größte Problem der kommunistischen Parteien zur Durchsetzung ihrer Interessen war ihre eigene Zerrissenheit. So war die CPI(M) in Westbengalen zwar ab 1977 in Regierungsverantwortung, doch der Bruch mit den Naxaliten war längst Jahre zuvor an politischen Differenzen unüberbrückbar geworden.

Zwei Jahre nach dem Chinesisch-Indischen Krieg von 1962 beherrschte eine heftige Auseinandersetzung, nach der Richtung der Positionierung zum Moskauer oder Pekinger Kommunismus, die linken indischen Parteien. Charu Majumdar verließ aufgrund von Flügelkämpfen die CPI(M) und gründete 1969 die CPI(Marxist-Leninist), der er als Generalsekretär vorstand. Doch auch weiterhin standen sich viele kommunistische Parteien programmatisch diametral gegenüber.

Ausbreitung der Naxaliten (2007)

Ausbreitung der Naxaliten (2007)

Die indische Regierung reagierte auf die Gefahr, die von der Naxalitenbewegung ausging, und initiierte im Juli des Jahres 1971 eine militärisch-polizeiliche Gegenoffensive, bei der hunderte Naxaliten getötet und mehr als 20’000 Verdächtige verhaftet worden sind. 1972 wurde Majumdar gefasst und starb wenig später in Polizeigewahrsam. Der Tod des Naxaliten-Gründers und Chefideologen führte zum Zusammenbruch der CPI(ML) und verschiedene Strömungen innerhalb der Naxaliten stellten die Bewegung vor eine neue Zerreißprobe. Fortwährende Spaltungen und der kontinuierliche Militär- und Polizeieinsatz führten Ende der 70er Jahre fast zur Niederschlagung der Naxaliten-Guerilla.

Mitte der 80er Jahre hatten die Naxalitenorganisationen ihre Rückschläge weitgehend wieder kompensiert und konnte neue Anhänger, insbesondere an den Universitäten, gewinnen. Sie weiteten ihre Operationstätigkeiten kontinuierlich aus und schnell überschritten sie die Grenzen von Westbengalen.

In dieser Zeit entwickelten sich zwei Tendenzen innerhalb der Naxaliten: eine friedliche und eine revolutionär-gewalttätige Strömung. Für die militanten Naxaliten, insbesondere in der People´s War Group (PWG) und Maoist Communists Center of India (MCC) vereint, war die Zielsetzung nun eindeutig: der Kampf um die proletarische Weltrevolution hatte seine Ursache in der ungleichen Einkommens- und Besitzverteilung. Das Ziel war deshalb die vollkommene Zerstörung des Klassenfeindes und Gewalt war ein legitimes Mittel zum Zweck:

The immediate aim and programme of the Maoist party is to carry on and complete the already ongoing and advancing New Democratic Revolution in India as a part of the world proletarian revolution by overthrowing the semi-colonial, semi-feudal system under the neo-colonial form of indirect rule, exploitation and control […]. This revolution will be carried out and completed through armed agrarian revolutionary war. — Presseerklärung der PWG und MCC (14.10.2004), zitiert in Bidyut Chakrabarty und Rajat K. Kujur, “Maoism in India: Reincarnation of ultra-left wing extremism in the twenty-first century” (New York: Routledge, 2010), S. 54.

1991 waren die Naxaliten in 15 indischen Distrikten aktiv. 2004 hatten sie bereits in 156 Distrikten Zellen aufgebaut und konnten sich auf 9’300 Kämpfer stützen. Zwei Jahre später wurde ihre Stärke bereits auf 15’000 Kräfte geschätzt, ihre Einflusssphäre erweiterte sich auf 160 Distrikte in den meisten Bundesstaaten und die Kontrolle von 20% der indischen Waldflächen. Der damalige Premierminister Manmohan Singh bezeichnete die Naxaliten 2006 als die einzig größte interne Sicherheitsherausforderung, der das Land jemals gegenüberstand.

Ausbreitung der Naxaliten (2013)

Ausbreitung der Naxaliten (2013)

2008 hatten sich die Naxaliten bereits in 182 Distrikten festgesetzt und ein Jahr zuvor hatte die naxalitische Guerilla einen “roten Korridor” vom Norden Indiens bis nach Süden in den Bundesstaat Andhra Pradesh gezogen – und ihm einen passenden Namen verpasst: die Compact Revolutionary Zone (CRZ).

Die Antwort der indischen Regierung
Im November 2009 begann eine Gegenoffensive der indischen Regierung, die in den Medien bald den Namen “Operation Green Hunt” erhielt. Dabei wurden 80’000 paramilitärische Einheiten (der s.g. Central Armed Police Forces (CAPF)) zusammengezogen und im Kampf gegen die Naxaliten von der indischen Luftwaffe unterstützt. Bei der Operation, und bereits zuvor, kam es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen der Sicherheitskräfte auf die Zivilbevölkerung und zu Misshandlungen und Morden von Verdächtigen im Polizeigewahrsam.

Zur Bekämpfung der Guerilla wurde eigens eine Sondereinheit gebildet: das “Commando Battalion for Resolute Action” (COBRA), dem gegenwärtig 10’000 Mann unterstellt sind. Obwohl die Naxaliten 2010 eine ihrer größten Einzeloperationen in der Geschichte des Naxalitenaufstandes starteten, zeigte die Aufstandsbekämpfung sukzessive Wirkung, insbesondere kombiniert mit dem Arbeits- und Sozialmaßnahmengesetz NREGA, und spätestens 2013 war der “rote Korridor” fast vollständig zerschlagen worden. Die kommunistische Guerilla musste sich aus den meisten Bundestaaten zurückziehen, sodass sie nur noch im Nordosten von Andhra Pradesh, im südwestlichen Teil von Jammu & Kashmir, im Süden von Chhattisgarh sowie in der Grenzregion zu Maharashtra, in Jharkhand, Meghalaya, Assam, im Osten Tripuras, im Norden von Mizoram, in südöstlichen Teilen von Arunachal Pradesh sowie in ganz Manipur und Nagaland eine nennenswerte Bedrohung darstellt – und der Kampf wird gegenwärtig von fast 390’000 paramilitärischen Kräften der CAPF weitergeführt.

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Indische Paramilitärs während der Operation Green Hunt.

Fazit
Am 8. Juni 2014 wurde bekannt, dass im Bundesstaat Chhattisgarh, eines der Zentren der Naxaliten-Bewegung, zehn weitere, zu den bereits dort 36 eingesetzten, Bataillone verlegt werden. Insgesamt sollen 10’000 Paramilitärs den Kampf gegen die Naxaliten verstärken. Dass die indische Regierung unbedingt eine Zerschlagung der Aufstandsbewegung in den Distrikten von Chhattisgarh will, zeigt auch die Neubesetzung des Amtes des Generalinspekteurs der Polizei in Bastar durch Shivram Kalluri, einen engagierten Anti-Naxaliten.

Mit der Regierung der CPI(M) in Westbengalen hätte eine linke Partei die Durchsetzungsmacht gehabt, die Arbeits- und Lebenssituation der Landbevölkerung nachhaltig verbessern zu können. Doch weder die Landesregierung noch die verschiedenen Naxaliten-Organisationen konnten substantielle Verbesserungen durchsetzen. Obwohl das Bruttoinlandsprodukt des Bundesstaates in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, leidet Westbengalen weiterhin an übergreifender Korruption, wiederkehrenden Arbeiterstreiks, an einem miserablen Gesundheitssystem, fehlender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektive sowie schlechter Regierungsführung, die zwar 2011 zur Abwahl der CPI(M) führte, aber die dringenden Probleme durch die Nachfolgeregierungspartei bisher nicht gelöst werden konnten, außer dass die Naxaliten in Westbengalen deutlich an Anhängerschaft verloren haben.

Obwohl der naxalitische Impetus, den Menschen ein besseres, sicheres und freies Leben zu ermöglichen, nach wie vor das Ziel der Guerillakämper ist, kann man die Frage stellen, ob sich dieser Krieg nicht zu einer sich selbst ernährenden Kriegsökonomie entwickelt hat. Als 1967 der Aufstand in Naxalbari begann, dachte niemand daran, dass mehr als 40 Jahre später der Guerillakampf immer noch toben, bis dato mehr als 12’000 Tote fordern und eine “Revolutionssteuer” den Naxaliten jährlich etwa 44 Mio. Euro in die Kassen spülen würde. Nach mehr als vier Dekaden Krieg könnte man meinen, dass der Naxaliten-Aufstand die Situation der Landbevölkerung eher zementiert als verbessert hat. Doch selbst wenn die Naxaliten-Guerilla zerschlagen wird, ist es fraglich, ob sich die Lebensbedingungen der Menschen nachhaltig verbessern werden oder man die Situation von 1967 nacherleben wird, als Großgrundbesitzer ihre Arbeiter ausbeuteten und die Regierung die Menschen aus Profitgier vertreiben wollte.

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