Al-Shabaab in Somalia: Mit militärischen Mitteln kaum zu schlagen

von Peter Dörrie

14096001190_bab8bd28e5_bNicht einmal die Villa Somalia ist mehr sicher. Mitte Juli attackierten Kämpfer der radikal-islamistischen Al-Shabaab-Miliz das schwer bewachte Gebäude, in dem neben dem Präsidenten auch viele andere hohe Regierungsbeamte leben und arbeiten. Es war der vorläufige und blutige Höhepunkt einer Terrorkampagne, mit der die Miliz aktuell die somalische Regierung und die internationale Gemeinschaft herausfordert.

Seit 2003 kämpft Al-Shabaab für einen Gottesstaat in Somalia. Gegründet wurde “Harakat Al Shabaab Al Mujahedeen”, die “Jugendbewegung der Mujahedeen”, von einer kleinen Gruppe Islamisten in einer Autowerkstatt in Mogadischu. Es folgte ein rasanter Aufstieg. Zwischenzeitlich kontrollierte Al-Shabaab fast das gesamte südliche Somalia. Erst als ab 2010 AMISOM, die Friedenstruppe der Afrikanischen Union auf inzwischen mehr als 20’000 Soldaten verstärkt wurde, konnte die Gruppe aus den großen Städten des Landes zurückdrängt werden.

Stig Jarle Hansen, Autor des Buches “Al Shabaab in Somalia“, zweifelt im Interview mit Offiziere.ch allerdings daran, dass AMISOM die Miliz militärisch besiegen kann. Es stünden viel zu wenige Soldaten zur Verfügung, um das große somalische Hinterland von Al-Shabaab zu befreien. Die Afrikanische Union und die somalische Regierung sollten sich auf einen langen Krieg einrichten, so Hansen. “Die Herausforderung ist jetzt, wer die stärkeren Strukturen hat.”

Anpassungsfähig und lokal verwurzelt
Laut Cedric Barnes vom Think Tank “International Crisis Group” liegt die Stärke von Al-Shabaab darin, ihre militärische Taktik den Umständen anzupassen. “Sie haben aus ihren früheren Fehlern gelernt, dass sie konventionelle Kriegsführung teuer zu stehen kommt”, so Barnes. Anstatt sich mit AMISOM und der somalischen Armee offene Schlachten zu liefern, zieht sich Al-Shabaab bei Konfrontationen lieber kampflos zurück. Dadurch erhält sich die Organisation ihre Kampfstärke. Al-Shabaab schneidet befreite Städte vom Umland ab und greift die Versorgungswege an, um ihre Gegner zu zermürben. Dasselbe Ziel verfolgen auch die vielen gezielten Tötungen, etwa des Parlamentariers Mohamed Mohamud Hayd im Juli 2014. International erregen vor allem Terrorangriffe in der Hauptstadt Mogadishu und dem benachbarten Kenia Aufsehen. 2013 besetzen Kämpfer von Al-Shabaab das Westgate Shopping Center in Nairobi und töteten mindestens 67 Menschen.

Barnes warnt davor, die Debatte über Al-Shabaab auf militärische Fragen zu reduzieren: “Wir sollten nicht so viel über die Organisation von Al-Shabaab nachdenken, sondern darüber, was die Gründe für ihren Erfolg sind.” Die Stärke der Miliz liege darin, dass sich die Gruppe sehr erfolgreich lokalen Missständen annehme, so Barnes. Dem stimmt Matthew Bryden zu. Der Kanadier war von 2008 bis 2012 Koordinator der Beobachtungsgruppe der Vereinten Nationen für Somalia. Bedeutend sei nicht Al-Shabaabs eigene Stärke, sagt er, sondern ihre Fähigkeit, die Schwächen ihrer Feinde auszunutzen. Erfolg habe sie dort, wo es eine unfähige oder unbeliebte Regierung gebe.

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Die islamistischen Freiheitskämpfer
Zugute kommt Al-Shabaab dabei, dass kein anderer Akteur in Somalia über eine derart gefestigte Ideologie und stimmige politische Agenda verfügt. Als Ursache für die Krise Somalias hat die Miliz den Abfall vom Islam und die Intervention ausländischer Mächte ausgemacht. Diese Botschaft kommt in der somalischen Gesellschaft durchaus an, die schon vor dem Bürgerkrieg, der 1991 zum Sturz des Diktators Siad Barre führte und immer noch anhält, stark nationalistisch geprägt war.

Äthiopien und Kenia, zwei der größten Truppensteller von AMISOM, seien nicht sehr populär in Somalia, sagt Abdi Aynte, ein somalischer Journalist und Analyst. “Ihre Präsenz ist eine stetige Quelle der Rekrutierung für Al-Shabaab. Eine große Mehrheit der somalischen Bevölkerung sieht sie als Kolonialmächte und Aggressoren.” Al-Shabaab wird auch langfristig mit rein militärischen Mitteln kaum zu besiegen sein, da sind sich die Experten einig. Erst wenn der politische Prozess das Leben der somalischen Bevölkerung spürbar verbessert, könne der radikalen Ideologie der Islamisten der Nährboden entzogen werden.

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