Rezension: „Die Rote Armee: Uniformen, Ausrüstung und Bewaffnung 1939-1945“

von Seka Smith. Seka Smith ist Politikwissenschaftlerin, lebt in Berlin und arbeitet im Politikbereich. Für Offiziere.ch schreibt sie unter Pseudonym.

In den Wirren des russischen Bürgerkrieges gegründet, wurde die Rote Armee (Rabotschi krestjanskaja krasnaja armija) zum bewaffneten Rückgrat der Sowjetunion im Vaterländischen Krieg.

RoteArmee_MotorbuchAm 22. Juni 1941 überschritten 121 deutsche Divisionen auf einer Länge von 2’130 km die Grenze zur Sowjetunion. Drei Heeresgruppen mit einer Stärke von mehr als 3,5 Millionen Soldaten der Achsenmächte, ausgerüstet mit 3’350 Panzern und ca. 2’000 Flugzeugen, wurden für das Unternehmen Barbarossa zusammengezogen. Die Heeresgruppen trafen auf einen unvorbereiteten, von den großen Säuberungen ausgemergelten und taktisch schlecht geführten Gegner. Allein am ersten Kriegstag wurden ca. 1’200 feindliche russische Flugzeuge am Boden zerstört und zig tausende Sowjetsoldaten gingen in Gefangenschaft.

Bis 1942 hatte die deutsche Armee einen erfolgreichen Bewegungskrieg geführt. Die Blitzkriegstrategie, bestehend aus aggressiven Panzer- und Luftwaffenvorstößen sowie großflächigen Umfassungen, hatte ihre Effektivität bereits im Polenfeldzug sowie bei der Eroberung der Benelux-Länder und Frankreichs erfolgreich demonstriert. Der letzte Vorstoß der Wehrmacht endete schließlich mit der Schlacht um Stalingrad. Der Bewegungskrieg hatte sich ab diesem Zeitpunkt für das Deutsche Reich zu einem unaufhaltsamen Rückzugskrieg entwickelt. Vier Jahre nach dem Einmarsch der Achsenmächte auf sowjetisches Territorium und nach vier Jahren erbarmungslosem Kampfes marschierte die Rote Armee in Berlin ein. In der Nacht des 30. April 1945 hisste schließlich Michail P. Minin die Rote Fahne auf dem Reichstag.

Der Vaterländische Krieg ist bis heute ein fester, kultureller Bestandteil des russischen Patriotismus. Ganze Heerscharen von internationalen Historikern befassten sich mit den politischen und militärischen Hintergründen des Deutsch-Sowjetischen Krieges. Unter der Vielzahl von Monographien, Dokumenten, wissenschaftlichen und populären Artikeln und der oftmals politisch gefärbten Erlebnisprosa von einfachen Soldaten und hohen Offizieren hat ein Sachbuch bisher vollkommen gefehlt: eines, das sich detailliert mit der Ausrüstung der sowjetischen Armee im Zweiten Weltkrieg befasst.

Russ_Rekruten

Russische Rekruten auf dem Weg zur Front, 1941 (RIA Novosti archive, image #662733 / Anatoliy Garanin / CC-BY-SA 3.0)

Philippe Rio hat diese Lücke mit seinem Buch “Die Rote Armee: Uniformen, Ausrüstung und Bewaffnung 1939-1945” nun geschlossen – und er hat dabei überragende Arbeit geleistet, denn Rio geht ganz tief ins Detail. Nach einer kurzen Einführung in die Historie der Roten Armee seit 1917 beginnt das erste Kapitel dem Leser die militärische Ausbildung, politische Indoktrination und auch Regelungen zum Urlaub, zur Disziplin und zur Truppenverpflegung nahe zu bringen. Im nächsten Abschnitt geht die Detailtreue unvermindert weiter. Eine schier endlose Auswahl an Orden und Medaillen werden dem Leser vorgestellt. Wurden alle Auszeichnungen zu Anfang des Krieges noch spärlich verliehen, wurde die Stawka später mit der Verteilung deutlich großzügiger. Bestimmte Orden konnten nur an hohe Offiziere ausgegeben werden, andere Abzeichen hingegen ehrten gleich eine gesamte Einheit. So wurde beispielsweise der Siegesorden von 1943 bis 1945 nur insgesamt 17 mal verliehen, weil ausschließlich Armee-Befehlshaber ausgezeichnet werden konnten. 392 Offiziere wurden hingegen mit dem Suworow-Orden 1. Klasse geehrt. Den Orden des Vaterländischen Krieges bekamen indessen mehr als eine Millionen sowjetischer Soldaten unterschiedlicher Dienstgrade. Rio behandelt alles sehr ausführlich: seien es die zahlreichen Tapferkeitsorden, unterschiedlichen Feldzugsmedaillen, Dankes- und Ehrenurkunden, Garde-, Erinnerungs- oder Bestenabzeichen.

Insgesamt kann sich der Leser an sechs reich bebilderten und fachkundig erklärten Kapiteln erfreuen. Rio behandelt nicht nur den Bürger in Waffen, sondern neben den Abzeichen der Roten Armee auch umfassend die verschiedenen Bekleidungsstücke, Ausrüstungsgegenstände sowie die Bewaffnung des sowjetischen Soldaten. Der Autor ist so detailverliebt, im positiven Sinne, dass er ebenfalls die unterschiedlichen Waffenfarben der Infanterie, Artillerie, Panzereinheiten, Luftstreitkräfte, Kavallerie, Pioniere, Technischen Truppen, des Sanitätswesens, des NKWD, der Grenztruppen und der Milizen aufschlüsselt und nach Kragenplatten der Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, Schiffchenbesätze, Besatzstreifen der Schirmmütze und des Mützenbesatzes in mehreren Tabellen farblich sortiert.

Der Detailgrad des Buches ist durchweg atemberaubend. Selbst die Uniformknöpfe erhalten eine eigene Seite im Buch und wir erfahren, dass es 15 verschiedene Blusenknöpfe im Durchmesser von 16 mm, fünf in 18 mm und zwei in 22 mm gab. Die verschiedenen Knöpfe für die See-, Luft- und Heerestruppen sowie die Sonderanfertigungen für Generäle und Marschälle nicht mit eingerechnet.

Ausbildung von russischen Rekruten, 1941 (RIA Novosti archive, image #640806 / Anatoliy Garanin / CC-BY-SA 3.0)

Ausbildung von russischen Rekruten, 1941 (RIA Novosti archive, image #640806 / Anatoliy Garanin / CC-BY-SA 3.0)

Blättert man durch das bildgewaltige Buch, blickt man erstaunt auf die Fleißarbeit des Autors, die auf jeder Seite nur zu deutlich zu Tage tritt. Jedes nur erdenkliche Detail von verschiedenen Ausrüstungsgegenständen, wie die Zeitvorgaben zur Erneuerung von Bekleidung und Ausrüstung, das Dutzend unterschiedlicher Leibriemen und Patronentaschen usw., wird auf 176 reich bebilderten Seiten beschrieben.

Ganz besonders interessant ist das sechste Kapitel des Buches. Moderne und großformatige Fotografien zeigen auf 67 Seiten die Bekleidung und Ausrüstung der sowjetischen Soldaten seit 1941 bis 1945. So bspw. die eines Mladschi Serschant der 8. Schützendivision (1941), eines Krasnoarmejez vom 5. Strafbataillon (1942) oder eines Desantik der 1. Garde-Luftlandedivision, der im August 1945 in der Mandschurei gegen die Japaner eingesetzt wurde.

Fazit
Das Buch ermöglicht mit 677 Farbbildern und 213 weiteren s/w-Fotos einen überaus vielfältigen Überblick über die Rote Armee und seine Soldaten. In keinem anderen Sachbuch wird der sowjetische Soldat und seine Ausrüstung so umfassend porträtiert und präsentiert. Das Buch “Die Rote Armee: Uniformen, Ausrüstung und Bewaffnung 1939-1945” ist ein Standardwerk zur sowjetischen Heeresuniformierung. Es wird lange dauern bis ein anderes Werk dieser Qualität erscheint, dass dem Buch von Rio den Rang ablaufen kann.

Rio, Philippe (2013): Die Rote Armee: Uniformen, Ausrüstung und Bewaffnung 1939-1945. Motorbuch Verlag. Preis: 29,90 Euro. 176 Seiten.

This entry was posted in Authors, Book Reviews, General Knowledge, History, Seka Smith.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This blog is kept spam free by WP-SpamFree.