X-Files: Skurrile Notfallpläne und das Spiel mit der Angst

Von Danny Chahbouni. Danny studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.

Zombies, Aliens und radioaktive Monster – im Mai konnte man zumindest den Eindruck gewinnen, dass die größte Gefahr für die internationale Sicherheit aus Hollywood kommt. Nachdem Foreign Affairs in den letzten Wochen mehrmals Artikel über Game of Thrones veröffentlicht hatte, zog diese Woche Foreign Policy nach und grub einen Notfallplan des US Strategic Command aus, der im Rahmen der Ausbildung erstellt wurde. Die Ausgangslage: Eine Zombie-Apokalypse! Das war sogar den meisten deutschen Medien eine Meldung wert. Sind solche Übungen eine gewaltige Steuergeldverschwendung oder ein Versuch die “Unknown Unknowns” des Donald Rumsfeld zu identifizieren? Eine ironische Gratwanderung zwischen Popkultur und Sicherheitspolitik.

Realistische Schiessausbildung. Quelle: US-Army

Realistische Schiessausbildung. Quelle: US-Army

 
Entschlossene Killer ohne Furcht
Die lebenden Toten, gemeinhin als Zombies bekannt, haben nur ein Ziel: Ihre noch richtig lebenden Mitmenschen zu verspeisen. Als wäre das noch nicht schlimm genug, infizieren sie dabei diejenigen Opfer, die sich vermeintlich vor der kannibalistichen Attacke retten können, mit der unbekannten Krankheit, die aus den Infizierten in kurzer Zeit ebenfalls untote Kannibalen macht.

Interessanterweise fallen diese Horden entschlossener Killer, die aufgrund der Tatsache, dass sie tot sind, auch keine Angst mehr vor selbigem haben, immer sehr plötzlich und ohne Vorwarnung über ihre Mitmenschen her. Die Staatsgewalt ist dagegen ausnahmslos unvorbereitet und kann die Katastrophe trotz technischer Überlegenheit nicht stoppen, geschweige denn die Bevölkerung schützen. Ist es jetzt noch verwunderlich, dass das Genre des Zombie-Films nach dem 11. September 2001 eine Renaissance erlebte?

Diese Interpretation muss als Sinnbild für das Gefühl der plötzlichen Angreifbarkeit durch einen Gegner, der eben noch als Mitbürger betrachtet wurde, gesehen werden, welches vor allem die US-Gesellschaft nach den Anschlägen in New York ergriffen hatte. Übrigens beschäftigen sich neben Hollywood und dem US-Militär auch Politikwissenschaftler mit dem Thema: 2011 veröffentlichte Professor Daniel Drezner von der renommierten Fletcher School sein – vermutlich nicht ganz ernst gemeintes – Buch Theories of International Politics and Zombies.

In eher didaktischer Art und Weise verwendet die US-Seuchenschutzbehörde (CDC) das Thema Zombies: Mit Zombie Preparedness 101 bot die Behörde eine Selbstschutz-Broschüre, die durch die unkonventionelle Themenwahl auch Menschen erreichen soll, die sonst keinen Bezug zu diesem Thema bekommen würden. In puncto Seuchenschutz hat das Thema Zombies darüber hinaus eine sehr realistische Dimension: Wie jüngst in der Verfilmung von World War Z besonders deutlich zu sehen war, würde sich durch offene Grenzen und globale Verkehrswege jeder Ausbruch der „Zombie-Seuche“ als weltweite Pandemie auswirken. Wie aktuell das MERS-Virus, vorher SARS und die jährlichen Grippewellen zeigen, sind solche Szenarien nicht zu unterschätzen und bedürfen einer staatlichen Notfallvorsorge.

Betrachtet man sich den veröffentlichten CONPLAN 8888 außerdem etwas genauer, wird der geschulte Betrachtet schnell erkennen, wer die richtigen Zombies sind: Was hier eigentlich geübt wird, ist die Aufstandsbekämpfung. Geplant wird ein Militäreinsatz gegen einen asymmetrisch agierenden Gegner, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. So weit wäre das nichts anderes, als das Tagesgeschäfft aus dem Irak und Afghanistan, nur das dieser Plan vom Militäreinsatz gegen die eigene Bevölkerung ausgeht.

Kein Protest gegen zu hohe Mietpreise, sondern der Urgroßvater aller Film-Monster. Quelle: Warner Brothers

Kein Protest gegen zu hohe Mietpreise, sondern der Urgroßvater aller Film-Monster. Quelle: Warner Brothers

 
Von Monstern und dem amerikanischen Militär
2008 zertrampelte zuletzt ein riesiges Monster New York und zerstörte den Big Apple in einem übernatürlichen Pearl Harbor. Der Film trägt die nichtssagende Bezeichnung Cloverfield und zeigt vor allem eines: Trotz geballter technologischer Überlegenheit und des Einsatzes der stärksten Waffensysteme, wie M1-Panzer und B2-Bomber, kann das US-Militär das Unheil nicht stoppen.

Der Film spielt mit den gleichen Ängsten, die bereits weiter oben angesprochen wurden. So wird das Eintreffen des Monsters, welches sich durch eine infernalische Explosion ankündigt und darin mündet, dass der Kopf der Freiheitsstatue den Protagonisten vor die Füße geworfen wird, kommentiert mit der Frage: “Waren das Terroristen?” Die Ultima Ratio am Ende ist die Zerstörung der Stadt im Sinne eines “verbrannte Erde-Befehls” mittels GBU-43/B, besser bekannt als “Mother of all Bombs”, oder Massive Ordnance Air Blast. Eine düstere Prophezeiung für das durch den Terrorismus herausgeforderte Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit?

Die Rückkehr des Königs der Monster auf die Kinoleinwand fordert da natürlich eine entschlossene Reaktion. Im Sinne der Bush-Doktrin verkündete das 18th Wing der US Air Force in Japan preemptiv, dass man für die Großwildjagd gewappnet sei. Die optimistische Einschätzung: Vier Ah-1W “Cobra” Kampfhubschrauber mit Kaliber 50 Maschinengewehren reichen aus. Ein namentlich nicht genannter US-Militärwissenschaftler nimmt die Bedrohung etwas ernster und schlägt im Interview mit War ist Boring eine Doppelstrategie vor: Zunächst sollte versucht werden das Ungetüm durch ungelenkte Raketen, die mit weißem Phosphor gefüllt sind, zu blenden. Ist das Monster hilflos, sollte durch einen B-2 Bomber die stärkste konventionelle Waffe eingesetzt werden, die sich im Arsenal des US-Militärs befindet: Der Massive Ordnance Penetrator, besser bekannt als Bunker Buster. Mit ihren fast drei Tonnen Hochbrisanzsprengstoff soll die Bombe die dicke Haut von Godzilla durchbrechen.

Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität sind spätestens jetzt endgültig verschwommen. Was von Godzilla übrig bleibt, wenn man die Möglichkeit des Angriffs einer mutierten Riesenechse einmal verdrängt, ist die Tatsache, dass man im Grunde über die Geister, die man einst rief, nachdenkt. Schließlich ist das Ungetüm durch den verantwortungslosen Umgang der Menschen mit der Natur entstanden und kann gewissermaßen als Altlast des Nuklearzeitalters gesehen werden. Auf der anderen Seite scheint hier das Motiv durch, dass der Mensch durch den Einsatz der Technik die Natur beherrschen könne.

Nach 1814 der zweite Angriff auf die Schaltzentrale der Macht. Quelle: 20th Century Fox

Nach 1814 der zweite Angriff auf die Schaltzentrale der Macht. Quelle: 20th Century Fox

 
Sind wir allein im Universum?
UFOs und der Nachweis außerirdischen Lebens sind sicherlich die größte Schnittstelle zwischen tatsächlicher Sicherheitspolitik und der Popkultur. Nach dem Roswell-Zwischenfall 1947 und einer sprunghaft steigenden Zahl an UFO Sichtungen startete der Nachrichtendienst der US-Air Force das Project Blue Book. Das Ziel war eine wissenschaftliche Untersuchung der Sichtungen. Daneben war die US-Regierung allerdings stets bemüht, derartige Vorfälle möglichst „auf kleiner Flamme“ zu kochen. Der Grund dafür war naheliegend: Man befand sich gerade am Anfang des Kalten Krieges und vermutete sowjetische Spionageflüge hinter den Phänomenen. Das Project Blue Book wurde 1969 ergebnislos eingestellt. Wirklich geklärt sind die Vorfälle darüber hinaus nicht, auch wenn viele Sichtungen und ein vermeintliches Alien-Obduktionsvideo als Fälschung identifiziert werden konnten.

Militärs und Strategen machen sich augenscheinlich über Monster und Zombies Gedanken, wie aber sind die Regierungen dieser Welt für den Fall gerüstet, dass Außerirdische mit uns in Kontakt treten? Das britische Verteidigungsministerium beobachtete seit den 1950er Jahren ebenfalls UFOs und veröffentlichte seine Akten 2010. Dort gab es bis 2009 sogar einen „UFO-Beauftragten“. Die Planstelle ist jedoch den allgemeinen Budgetkürzungen im Zuge der Finanzkrise 2008 zum Opfer gefallen.

1989 ließ die belgische Regierung sogar F-16 Kampfpflugzeuge aufsteigen, um eine ganze Serie von UFO-Sichtungen aufzuklären. Leider ohne Erfolg. Ob es heute Pläne für den Kontakt mit oder gar den Angriff einer außerirdischen Zivilisation gibt, ist nicht genau bekannt. Vermutlich würde ein derartiger Kontakt für die Menschheit heute ähnlich ausgehen, wie die Besiedlung Amerikas, für die dort lebenden Ureinwohner. 2006 veröffentlichten die US-Wissenschaftler Travis S. Taylor und Bob Boan ihr Buch “An Intruduction to Planetary Defense: A Study of Modern Warfare Applied to Extra-Terrestrial Invasion“. Das durchaus ernst gemeinte Werk zieht vor allem ein Fazit: Um einer solchen Bedrohung widerstehen zu können, müsste die Menschheit den Kampf asymmetrisch aufnehmen, um der technologischen Überlegenheit des Angreifers begegnen zu können. In diesem Kontext wird jede Planung zur Schicksalsfrage: Könnte der Mensch seine dominierende Stellung verteidigen, wenn diese durch eine ebenbürtige oder gar überlegene Spezies herausgefordert wird?

Fazit
Das Spiel mit der Angst vor Tod, Gewalt und Krieg ist ein Teil der Popkultur. Sicherlich, Gewaltdarstellungen in allen möglichen Formen, gibt es seit Menschengedenken. Erst die Allgegenwart der Medien aber, konfrontiert uns permanent damit. Gepaart mit unserer menschlichen Arroganz, uneingeschränkte Herrscher des Planeten zu sein, entsteht der Glaube alle Urgewalten bezwingen zu können. Besonders deutlich wird das natürlich in dem Land, das als Mutterland dieser kulturellen Prägung gilt: den USA. So verwundert es nicht, dass die Hemmschwelle Fiktion und Realität zu verknüpfen niedriger liegt: Auch in eigentlich sehr nüchternen Themen wie der Sicherheitspolitik.

Im deutschsprachigen Raum dürfte man Einsatzpläne für Zombie-Apokalypsen und Militärs, die sich über die Abwehr radioaktiver Riesenechsen Gedanken machen, vergeblich suchen. Immerhin enthält der Katalog der Einsatzoptionen des Technischen Hilfswerks ein Kapitel, welches sich dem “Absturz kosmischer Flugkörper” widmet. Wer den CONPLAN 8888 vorher genau studiert hat, der weiß, dass ein solches Ereignis eine Zombie-Apokalypse zur Folge haben kann. Wir sind also nicht gänzlich unvorbereitet!

This entry was posted in Danny Chahbouni, International, Security Policy.

Leave a Reply