Ist die Zentralafrikanische Republik über den Berg?

von Peter Dörrie

Ein ruandischer Soldat am Flughafen von Bangui, im Hintergrund ein Flüchtlingslager. CC-BY US Military Africa

Ein ruandischer Soldat am Flughafen von Bangui, im Hintergrund ein Flüchtlingslager. CC-BY US Military Africa

General Francisco Soriano, der Befehlshaber der französischen Operation Sangaris in der Zentralafrikanischen Republik ist optimistisch. Die französischen Soldaten hätten die Gewalt in dem Staat seit dem Einsatzbeginn im Dezember “drastisch reduziert”, wird er in der Jeune Afrique zitiert.

Die französische Mission habe bisher mehr als 1.000 leichte und schwere Schusswaffen, sowie über 4.000 Hieb- und Stichwaffen beschlagnahmt. Entsprechend sei die Anzahl der Toten von dem Hoch von etwa 60 pro Tag auf nur zwei bis drei pro Tag gefallen.

Kann die Zentralafrikanische Republik also aufatmen und sich nun dank verbesserter Sicherheit der schwierigen Aufgabe der Versöhnung und dem Wiederaufbau widmen? Leider nein, denn viel spricht dafür, dass der Optimismus von General Soriano fehl am Platze ist.

Blau oder Grün und andere wichtige Fragen
Zuerst muss bezweifelt werden, ob der Befehlshaber der französischen Soldaten seinen eigenen Worten wirklich glauben schenkt. Vermutlich war das Interview in erster Linie dazu gedacht, den französischen Parlamentariern die anstehende Verlängerung der Operation so leicht verdaulich wie möglich zu machen. Denn eine ehrliche Analyse des internationalen Einsatzes in der Zentralafrikanischen Republik dürfte – gerade von einem ihrer höchsten Offiziere kommend – eigentlich nicht so positiv ausfallen.

Vor allem hat die internationale Truppe, zu der neben den 1.600 französischen Soldaten auch etwa 5.000 afrikanische Friedensschützer zählen, bisher nur einen relativ kleinen Teil des Landes unter Kontrolle. Die Franzosen konzentrieren sich vor allem auf die Hauptstadt Bangui und eine wichtige Überlandroute nach Kamerun. In die ländlichen Gebiete, wo der Großteil der Bevölkerung lebt, ist bisher noch niemand vorgedrungen. Wenn hier aber die gleichen Konfliktdynamiken herrschen wie an jenen Orten, von denen eine internationale Berichterstattung möglich ist, dann steht die Herstellung der Sicherheit im Land erst am Anfang.

Um hier erfolgreich zu sein, müsste vor allem die Zahl der internationalen Soldaten deutlich aufgestockt werden. UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon fordert etwa 3.000 zusätzliche Soldaten – was bei einer Gesamtzahl von dann etwa 10.000 Truppen immer noch eine extrem optimistische Einschätzung ist, wenn man die Erfahrungen aus der benachbarten Demokratischen Republik Kongo berücksichtigt.

Ein burundischer Soldat der Friedenstruppe in der zentralafrikanischen Republik. CC-BY US Military Africa

Ein burundischer Soldat der Friedenstruppe in der zentralafrikanischen Republik. CC-BY US Military Africa

Wo diese Truppen herkommen sollen ist unklar, vor allem da sich die Europäer weiter zieren. Die deutsche Bundesregierung hat zwar ein stärkeres Engagement in Afrika groß angekündigt, auf mehr als die als symbolisch zu wertende Entsendung eines Lazarettflugzeugs will man sich aber nicht einlassen.

Und auch die schon vor Ort befindlichen Kontingente sind bisher alles andere als effektiv. Mit der Ausnahme der ruandischen Armee haben die Soldaten der Afrikanischen Union bisher kaum positive Schlagzeilen gemacht. Der Tschad hat vermutlich die größte, am besten ausgerüstete und schlagkräftigste Einheit vor Ort. Diese hat sich auch schon bei der sicheren Evakuierung tausenden Muslime aus Bangui und anderen Orten verdient gemacht. Von der christlichen Mehrheit im Land werden die Soldaten aus dem Nachbarland aber verabscheut, weil man sie als Kollaborateure der Rebellen aus dem Norden betrachtet. In eine glaubhafte und legitimierte Friedensmission lassen sich die tschadischen Soldaten auch wegen der Vielzahl der gewaltsamen Übergriffe auf Zivilisten in den letzten Monaten kaum integrieren.

Wichtig wäre jetzt schnelles Handeln: die International Crisis Group warnt in ihrem jüngsten Bericht, dass die Reorganisation und Aufstockung der Friedensmission vor dem Einsetzen der Regenzeit im April abgeschlossen sein muss. Ansonsten sei die Chance, die ländlichen Regionen des Landes zu sichern für die nächsten Monate verspielt.

Da ist es wenig ermutigend, dass sich die UNO und die Afrikanische Union einen unwürdigen Kleinkrieg um die Frage liefern, welche der Organisationen die Operation leiten soll, ob also zukünftig Grün- oder Blauhelme das Sagen in dem Land haben. Viele afrikanische Länder wollen die Präsenz westlicher und asiatischer Friedenshüter auf dem Kontinent begrenzen und lieber selber Verantwortung übernehmen. Gerade in der Zentralafrikanischen Republik steht dem aber das vollkommenen Versagen der Regionalmächte bei der Vorbeugung der Krise entgegen.

Ein Zentrum der Instabilität
Sowohl die International Crisis Group als auch Amnesty International heben außerdem hervor, dass ein “weiter so” in der Zentralafrikanischen Republik massive Konsequenzen für die ganze Region haben könnte. Wenn die gegenwärtige ethnische Säuberung weiter Landstriche nicht gestoppt werde, so Donatella Rovera von Amnesty International, dann könnte sich das Land auf lange Zeit entlang religiöser Linien spalten. Langwierige Konflikte und neue Rebellengruppen wären die Folge.

Bisher hat die Krise in der Zentralafrikanischen Union noch keine übermäßigen Konsequenzen in den Nachbarländern gehabt. Aber der Sudan, Südsudan und Kongo haben mit ihren eigenen Bürgerkriegen zu kämpfen. Diese könnten mit einer zerfallenden und unkontrollierten Zentralafrikanischen Republik vor der Haustür noch schwieriger zu lösen sein. Da sich der Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik zudem von einem politischen Macht- zu einem Religionskonflikt entwickelt hat, warnen zudem immer mehr Beobachter vor der Gefahr der “Somalisierung” des Landes, also der Ansiedlung radikaler islamistischer Gruppen. Momentan ist das nicht besonders wahrscheinlich, aber wenn nach dem Exodus tausender Muslime aus Bangui eine ganze Generation junger Zentralafrikaner in Flüchtlingslagern aufwächst, muss man nicht viel Fantasie aufbringen um sich die möglichen Langzeitfolgen auszumalen.

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