Blogtreffen Teil 1: Wie relevant sind sicherheitspolitische Blogs?

Am Samstag, 22. Februar 2014, führte Felix Seidler von Seidlers Sicherheitspolitik das erste Blogtreffen durch, an dem ich aus gesundheitlichen Gründen leider nicht teilnehmen konnte. In zwei Teilen möchten wir je ein Aspekt des Blogtreffens näher bringen. Im ersten Teil geht es um die Relevanz sicherheitspolitischer Blogs. Auch wenn sich dieser Kommentar von Felix Seidler auf die Situation auf Deutschland bezieht, so sind die Verhältnisse in der Schweiz ziemlich ähnlich. Dies wird auch im zweiten Teil offensichtlich, in dem vom Administrator von offiziere.ch der sicherheitspolitischen Diskurs in der Schweiz etwas näher betrachtet wird. Ein weiteres Blogtreffen ist für den kommenden Herbst geplant.

In Analyse, Information und Debatte füllen Blogs viele Nischen. International ist ihre Situation jedoch viel besser als in Deutschland. Nichtsdestotrotz können Blogs dieses Jahr einen wichtigen Beitrag zum mentalen Abzug Deutschlands aus Afghanistan leisten.

earlybloggersWer ist Blogger?
Blogs haben ihre Existenzberechtigung darin, dass sie Informationen, Einsichten und Analysen liefern, die anderswo schwer oder gar nicht zu finden sind. Blogs im engeren Sinne stehen nicht in Konkurrenz zu den etablierten Medien, da sie nur in den Nischen wachsen und gedeihen können, in denen etablierte Medien nicht aktiv sind. Daher sind bezahlte, festangestellte Journalisten auch keine Blogger im eigentlichen Sinne. Wenn Tageszeitungen Blogs betreiben, sind das Meinungsseiten einzelner Journalisten, aber eben keine Blogs. Der Blogger im engeren Sinne ist jemand aus der Mitte der Zivilgesellschaft, der auf einer eigenen Online-Plattform Fachwissen, Informationen oder politische Meinung veröffentlicht. Sprich, Blogger kann jeder werden. Ihre Motivation beziehen Blogger aus Aktivismus, Enthusiasmus, als Hobby, Projekt-Denken, Selbstdarstellung, Verbreitung ihres Fachwissens, politischen Gründen oder auch kommerziellen Interessen.

Warum überhaupt bloggen?
Die größten Stärken von Blogs sind zweifelsfrei ihre Funktionen als Mittel der Krisenberichterstattung, als Forum für Regimekritiker und als Forum für Aktivisten. So geschehen in der Ukraine, Syrien, China und anderswo. Darüber hinaus liefern Blogs neuen Debatten-Input und Analysen, die es mangels kommerzieller Verwertbarkeit nicht in etablierte Medien schaffen würden. Diese Art der Informationsverbreitung ist sicher ein Mehrwert von Blogs. Gleiches gilt für die Vernetzung von Gleichgesinnten, -motivierten und -interessierten. Nicht zuletzt geben Blogs Menschen, die sonst nicht Möglichkeit dazu hätten, den Raum sich öffentlich und, wo notwendig, auch anonym zu äußern.

Gegen Blogs spricht die Gefahr von Informationsüberfluss und Manipulierbarkeit. Blogs sind (leider) zu oft auch eine Plattform für “krude” Gedanken und Verschwörungstheorien. Außerdem sind Blogs oft kurzlebig und verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Grund für das schnelle Verschwinden sind oft zu hohe Erwartungen. Man sieht in den Nachrichten irgendeinen Blogger, aber das sind nur wenige und nur die wenigsten werden “gehypt”. Blogs leben von Authentizität und Glaubwürdigkeit, aber die muss man sich verdienen – und das dauert.

Die Argumente für Blogs überwiegen. Gerade mit Blick auf ihre Nischenfunktion, als Plattform für Aktivisten und als Form internationaler Vernetzung sind Blogs unverzichtbar geworden.

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Internationale Wertschätzung
Global ist die Bloglandschaft quasi grenzenlos. Brisantes, kritisches Denken auf Blogs wird geschätzt und als Fortschritt wahrgenommen. Sicherheitspolitische Blogs genießen in den USA, Großbritannien, Asien und Australien einen hohen Stellenwert. Information Dissemination, War is Boring, European Geostrategy, The Diplomat und The Interpreter sind nur einige Beispiele von vielen. International leisten sicherheitspolitische Blogs einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der interessierten Community über den Globus hinweg. So auch in meinem Fall mit meinen Artikeln bei Offiziere.ch, CIMSEC und India Defense News. Wichtige vernetzende Plattformen sind ferner Project Syndicate oder Atlantic Community.

Es existiert eine globale, allerdings oft nicht vernetzte Bloggerlandschaft zu allen Themen, wobei man sich nach und nach findet und kennenlernt. Wenn man sucht, findet man Blogs zu alles und jedem. Aber man muss eben suchen. Watch-Blogs sind auch ein interessantes Instrument neuer zivilgesellschaftlicher Kontrolle von Politik, Wirtschaft und Medien.

Allerdings ist die Meinungsführerschaft, Informations- und Deutungshoheit von sicherheitspolitischen Blogs international begrenzt und wenn doch, dann handelt es sich um einzelne Phänomene “Scoops” oder Aktivisten. Wichtig sind Krisen-Blogs, die Aktivisten die Möglichkeit zur unmittelbaren, ungefilterten Außendarstellung geben. Ohne auf irgendwas Rücksicht nehmen zu müssen, erreichen Krisenblogger das internationale Publikum ohne Verzerrung. Allerdings liegen die etablierten Medien aufgrund ihrer größeren Ressourcen weiterhin vorne. Blogger als Einzelkämpfer können nicht mit der New York Times konkurrieren.

Nicht nur Zeitungen, sondern Medien aller Art und ein öffentlicher Diskurs sind notwendig für eine funktionierende Demokratie.

Nicht nur Zeitungen, sondern Medien aller Art und ein öffentlicher Diskurs sind notwendig für eine funktionierende Demokratie.

Die Lage in Deutschland
In Deutschland sieht die Lage deutlich anders aus. Es gibt zu wenig außen- und sicherheitspolitische Blogs mit Substanz. Unangefochtener Platzhirsch mit weitem Abstand ist zweifelsfrei Thomas Wiegold, wobei Augen geradeaus! mehr Informations- als Meinungsplattform ist – wenngleich auch eine sehr gute.

Zu den generell aktiven Blogs zähle ich u. a. Offiziere.ch, Bendler Blog, Bretterblog, Nordkorea-Infoblog, Sicherheitspolitik Blog, Sicherheit vernetzt, Deutschlands Agenda und Ulrich Speck (nur auf Facebook). Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Ergänzungvorschläge sind sehr gerne gesehen. Daneben kann man Plattformen wie The European eine außen- und sicherheitspolitische Relevanz unterstellen. Schließlich gibt es diverse weltanschauliche Blogs, vor allem aus der linken Szene, interessanterweise aber kaum konservative oder liberale Gegenstücke. Über die Jahre hinweg kamen und gingen außerdem eine Reihe studentischer Blogs. Leider gibt es kaum wirklich gute deutsche Regional-Blogs über andere Teile der Welt.

Warum ist die Lage in Deutschland so schlecht?
Zum einen sind deutsche Debatten ziemlich mager und bewegen sich immer in engen Bahnen. “Thinking outside the box” ist etwas, mit dem man sich in Deutschland schnell unbeliebt macht. Kritisches Denken erfährt in unserer Debattenkultur wenig Wertschätzung. Für den deutschen Trend zum Konformismus lohnt die Lektüre dieses Cicero Artikels:

Nun sind mehrheitsfähige Ideologien in allen Gesellschaften zuhause, in Deutschland allerdings werden sehr viele der herrschenden Mainstreamthesen nicht nur von einer großen Mehrheit geteilt, sondern auch als letztgültige Wahrheiten aufgefasst. Wer dem “Konsens” dann nicht zustimmt, kann somit nur verrückt, böswillig oder korrupt sein: Statt Argumenten setzt es dann Hiebe mit der Moralkeule. Verkürzt lässt sich der deutsche Mainstream-Konsens so zusammenfassen: mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Pazifismus, weniger Markt, weniger individuelle Freiheit, mehr Staat. Stille Voraussetzung: Wir Deutsche stehen immer auf Seiten des Reinen und Guten. — Hans-Dieter Radecke, Lorenz Teufel, “Die Diktatur der politischen Korrektheit”, Cicero, 21.02.2014.

Diese Debattenkultur ist mitschuldig an der im internationalen Vergleich vergleichsweise kargen sicherheitspolitischen Bloglandschaft. Außen- und gerade Sicherheitspolitik sind Themen, mit denen man wenig gewinnen kann, da Deutschland an vielen Stellen immer noch viel zu sensibel ist.

In der älteren Generation werden Blogs oft immer noch belächelt. Ein Beispiel: Die NATO hat zwei Mal in Brüssel (2011, 2013) eine Bloggerkonferenz gemacht. Mir ist nicht bekannt, dass das Auswärtige Amt, das Bundesministerium der Verteidigung, die Bundeswehr oder die politischen Stiftungen Ähnliches versucht haben. Ein weiteres Beispiel: Das heute offizielle Facebook-Profil der Bundeswehr wurde über Jahre hinweg von einer Einzelperson betreut und die Bundeswehr hat Jahre gebraucht, um sich dazu durchzuringen, dieses Profil zum 01. Oktober 2013 zu übernehmen.

Sind Blogs in Deutschland überhaupt relevant?
Thomas Wiegold hat auf dem Feld der Sicherheits- und Verteidigungspolitik sicher eine sehr große Relevanz. Dahinter wird die Luft aber dünn. Alle Blogs hinter Wiegold haben sicher keine Relevanz im “Mainstream”, sondern – der Logik ihrer Existenzberechtigung folgend – haben sie eine Relevanz in ihren Nischen. Abseits von Nordkorea-Infoblog, wo sonst findet man in Deutschland Infos über Nordkorea?

Die Presse wird einerseits zunehmend zum reinen Verwertungsinstrument für Agenturmaterial und andererseits zur Skandalisierungsplattform, die eine Sau nach der anderen durchs Debattendorf treibt. Ferner fehlt vielen Journalisten die sicherheitspolitische Expertise. Der iranische “Hubschrauber-Träger” von Spiegel Online grüßt! Diese Lage macht Blogs nicht nur relevant, sondern notwendig. Blogs sammeln Expertise und Fachwissen und machen dieses Interessierten zugänglich.

thinkthereforeBringen Blogs in Deutschland einen Mehrwert?
Ja, aus drei Gründen. Am Google Suchverhalten kann ich seit über vier Jahren sehen, dass es genug Zeitgenossen gibt, die generell und anlassbezogen nach Blogs als Informationsquellen suchen – eben um sich Infos zu holen, die anderswo nicht verfügbar sind. Dazu kommen on- und offline immer wieder Leseranfragen mit dem Tenor: “Kannst du mir das mal erklären?”. Die Artikel “Warum der Westen nicht Syrien interveniert” und “Warum Sicherheitspolitik zu wenig diskutiert wird” entstanden aus solchen Leseranfragen.

In der deutschen Debattenkultur liegt eine weitere Chance für Blogs, einen Mehrwert zu generieren. Die deutschen Debatten hinken den internationalen strategischen und sicherheitspolitischen Debatten oft weit hinterher. Maritime Sicherheit ist ein gutes Beispiel. Um das zu ändern, muss Deutschland dieses Jahr auch mental aus Afghanistan abziehen. Kommentare wie dieser bei Zeit Online zeigen, dass noch nicht der Fall ist. Mehr militärisches Engagement bedeutet nicht erneute große Auslandseinsätze wie ISAF. Von Staatsaufbau und Good Governance redet in der Politik niemand mehr. Militär bleibt ein Mittel der Politik, aber in anderer Form.

In dem Blogs Infos und Analysen liefern, die anderswo nicht zu finden sind, können sie zum mentalen Abzug der deutschen Debatte aus Afghanistan, zu Anpassung an die neuen Herausforderungen und zum Anschluss an die globalen Debatten einen wichtigen Beitrag leisten. Im Falle Seidlers Sicherheitspolitik gilt das auf den Themenfeldern maritime Sicherheit, Indo-Pazifik, NATO und strategische Trends. Gerade der Blick in die weite Zukunft ist in Deutschland eher verpönt und strategische Wissenschaft bleibt “eine marginale Angelegenheit”. Nischenblogs sind aber zu klein, als dass sie jemals Meinungs-, Informations- oder Deutungshoheit ausüben werden.

This entry was posted in Editorial Announcements, Felix F. Seidler.

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