Der Traum ist aus: Der Südsudan steht vor den Trümmern seines innenpolitischen Versagens

If you don’t understand German, then check out “South Sudan’s Dream Is Over—The Nightmare Is Just Beginning ” about the same topic, also written by Peter Dörrie, published on “War is Boring”.

Südsudans Präsident Salva Kiir sitzt in Uniform in einem Sessel.

Südsudans Präsident Salva Kiir sitzt in Uniform in einem Sessel.

Gegen sechs Uhr abends wurden am Sonntag dem 15. Dezember in Juba, der Hauptstadt des Südsudans, die ersten Schüsse abgefeuert. Hunderte Menschen flohen in den örtlichen Stützpunkt der Vereinten Nationen, während sich rivalisierende Teile der Armee die Nacht hindurch schwere Gefechte lieferten.

Am nächsten Tag stellte sich Präsident Salva Kiir den Kameras, in einer Uniform mit Tarnmuster anstatt wie üblich in Anzug und Cowboy-Hut. Kiir ist gleichzeitig Führer der Sudan People’s Liberation Movement/Army (SPLM/A). In der Organisation ist die politische und militärische Macht des jungen Landes zentralisiert, sie war die Speerspitze im Kampf um die Unabhängigkeit. Kiir sprach klare Worte und bezichtigte seinen ehemaligen Stellvertreter, Riek Machar, eines versuchten Staatsstreichs. Die Regierung habe die Situation jedoch “unter Kontrolle”.

Machar lies die Anschuldigungen zurückweisen, zog es aber dennoch vor, an einen bisher unbekannten Ort zu flüchten. Mit Grund, denn noch während die ersten Kämpfe in Juba andauerten wurden mindestens sechs ehemalige Spitzenpolitiker in Juba verhaftet. Alle hatten, genau wie Machar, bis Juli der Regierung angehört, bevor Präsident Kiir diese auflöste.

Während sowohl im Südsudan, als auch in den internationalen Medien über die Verantwortlichen für die Eskalation spekuliert wurde, erreichte die Gewalt schnell weitere Teile des Landes. In Bor, einer Stadt etwa 150 Kilometer nördlich von Juba, meuterten Soldaten unter der Führung von General Peter Gadet, einem Angehörigen von Machars Ethnie der Nuer. Die Vereinten Nationen berichten das sich inzwischen 35,000 Menschen im ganzen Land in Einrichtungen der Organisation geflüchtet haben. Drei indische Blauhelme kamen bei einem Angriff auf eines der Flüchtlingslager ums Leben, bei dem auch dutzende Zivilisten den Tod fanden. Insgesamt soll die Gewalt bisher über 500 Opfer gefordert haben. Der Südsudan erfährt die erste existenzielle Krise seiner noch jungen Existenz und Schuld ist vor allem die systematische Vernachlässigung der innenpolitischen Probleme durch die Angehörigen der regierenden Klasse.

South Sudan army soldiers pose for a photo while celebrating their victory in Bor, 108 miles northwest from capital Juba, December 25, 2013 (Photo: James Akena / Reuters).

South Sudan army soldiers pose for a photo while celebrating their victory in Bor, 108 miles northwest from capital Juba, December 25, 2013 (Photo: James Akena / Reuters).

Verfeindete Verbündete
Südsudans Kampf für die Unabhängigkeit war alles andere als ein heroischer gemeinsamer Aufstand gegen einen gemeinsamen Feind. Kiir und Machar verbindet eine lange Geschichte von Bündnissen, Verrat und macht-orientierten Kompromissen. Beide begannen ihre politische und militärische Karriere in den Achtzigern bei der SPLM/A im Kampf gegen die nördlich dominierte Regierung des Sudans. Machar trennte sich 1991 von der Organisation im Streit und gründete seine eigene Rebellengruppe, mit der er zeitweise sogar auf die Seiten der Regierung wechselte. 2003 kehrte er zurück in die SPLM/A und wurde 2005 Vizepräsident der autonomen Region Südsudan nach dem Friedensvertrag mit dem Norden. Nach der Unabhängigkeit 2011 behielt er den Posten, bis ihn Kiir in diesem Jahr feuerte.

Machar gilt als wichtigster Vertreter der Nuer, der zweitgrößten ethnischen Gruppe des Landes. Präsident Kiir hingegen ist Dinka. Ethnische Zugehörigkeit wird im Südsudan seit Jahrzehnten als Mittel der politischen und militärischen Mobilisierung eingesetzt und auch nach der Unabhängigkeit hat die Elite des Landes diese Denkmuster nicht überwinden können – dem Traum eines Vereinigten Südsudans zum Trotz.

Refugees at a U.N. compound in South Sudan (Photo: U.N.).

Refugees at a U.N. compound in South Sudan (Photo: U.N.).

Mehr als “Stammeskonflikte”
Trotzdem wäre es falsch, die aktuelle Gewalt auf ethnisch motivierten Hass zu reduzieren. Zwar wird schon jetzt von gezielten Tötungen Angehöriger einzelner ethnischer Gruppen auf allen Seiten berichtet, die Frage der individuellen ethnischen Identität ist insgesamt aber eher Mittel als Zweck in einer Auseinandersetzung, in der es zuallererst um persönliche und kollektive Macht geht. Und Macht manifestiert sich im Südsudan vor allem in zwei Dingen: Waffen und Erdöl. Südsudans Spitzenpolitiker sind samt und sonders ehemalige Rebellen, geprägt von oft jahrzehntelangem Kampf als Rebellen in einem der brutalsten Konflikte unserer Zeit. Erdöl ist das einzige vorhandene Kapital des Landes, in dem alle anderen Wirtschaftssektoren (vielleicht mit Ausnahme der Entwicklungshilfe) komplett zerstört wurden.

Diesen schädliche Dualismus von Waffen und Erdöl konnte oder wollte die Elite des Landes auch mit der Unabhängigkeit nicht überwinden. Er spiegelt sich in allen Facetten des Staates, in dem die politische Macht in den Händen des Präsidenten zentralisiert ist und die Armee mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen verschlingt, während praktisch keine Straße in der Regenzeit befahrbar ist. Jetzt eskalieren die internen Konflikte um die Verteilung von Macht und Ressourcen zwischen Akteuren, die nie gelernt haben sich zu vertrauen. Und weil niemand einen anderen Weg kennt, wird zu den Waffen gegriffen. Die meisten Angehörigen der Elite, deren Statements man jetzt im Fernsehen sieht und in den Zeitungen liest, haben wenig zu verlieren und viel zu gewinnen, wenn sie sich nach Tagen, Wochen oder Monaten des Kampfes wieder an den Verhandlungstisch setzen. Den waren Preis zahlt die Bevölkerung, die diese Elite zu repräsentieren behauptet.

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One Response to Der Traum ist aus: Der Südsudan steht vor den Trümmern seines innenpolitischen Versagens

  1. Ein interessanter Artikel von Peter Dörrie.

    Ein Detail fehlt mir jedoch, welches seine Feststellung unterstreicht, dass es sich nicht um einen ethnischen Konflikt, sondern um einen Machtkampf handelt. Gemäss Johannes Dieterich, Afrika Korrespondent mehrerer Zeitungen und Magazine im deutschsprachigen Raum, weist in einem Artikel darauf hin, dass die Entlassung Riek Machar mitsamt seinem gesamten Kabinett auf seine Bekanntmachung in den Wahlen 2015 als Präsidentschaftskandidat anzutreten folgte.

    Dietrich weist ausserdem auf die unterschiedlichen Charakteren der beiden Widersacher hin. Salva Kiir ist ein Berufskämpfer, der 2010 eher durch Zufall Präsidentschaftskandidat wurde. Er macht anscheinend einen wenig eloquenten Eindruck und “böse Zungen behaupten, er trage sein Markenzeichen, den riesigen Stetson-Hut, um damit die sich unter ihm ausbreitende Leere zu verbergen”. Das sieht bei Riek Machar anders aus: Er studierte Ingenieurwissenschaft an der Universität Khartum und erzielte 1984 einen Ph. D.-Abschluss an der Universität von Bradford. Aber auch er weiss, wie ein Krieg zu führen ist.

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