Können Friedenstruppen die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik stoppen?

von Peter Dörrie

Ein französischer Soldat sichert den Flughafen von Bangui im November 2013 (Foto: Joe Penney / Reuters).

Ein französischer Soldat sichert den Flughafen von Bangui im November 2013 (Foto: Joe Penney / Reuters).

Der zentralafrikanische Premierminister Nicolas Tiangaye hat nach einem Gespräch mit dem französischen Außenminister Laurent Fabius angekündigt, dass noch im Dezember bis zu 1.000 zusätzliche Soldaten der ehemaligen Kolonialmacht in der Zentralafrikanischen Republik eintreffen werden, um friedenssichernde Aufgaben zu übernehmen.

Bisher sind in dem Land 400 französische und etwa 2.500 afrikanische Soldaten stationiert. Diese Truppen waren aber zuerst nicht Willens, den Sturz des Präsidenten François Bozizé durch die Rebellenkoalition Séléka zu verhindern und dann nicht in der Lage, das Land vor dem Abrutschen in das totale Chaos zu bewahren. Inzwischen warnen die Vereinten Nationen vor der akuten Möglichkeit eines Völkermords, während Organisationen wie Human Rights Watch systematische Menschenrechtsverletzungen durch die zentralafrikanische Armee, Milizen und ehemalige Rebellen nachgewiesen haben.

Der neuen Regierung unter dem selbsternannten Präsidenten und ehemaligen Rebellenführer Michel Djotodia war es nicht gelungen, nach ihrer Machtübernahme die Kontrolle über die mit ihr verbündeten bewaffneten Gruppen zu festigen. Jetzt bekämpfen sich Unterstützer des ehemaligen Präsidenten Bozizé, die Streitkräfte der aktuellen Regierung, ehemalige Rebellen, Banditen und Bürgerwehren im ganzen Land mit bisher vermutlich hunderten Toten. Die Gewalt ist teils religiös motiviert, da die Rebellen vor allem aus Vertretern der muslimischen Minderheit des Landes bestehen.

Die katastrophale Sicherheitslage hat auch dramatische Konsequenzen für die humanitäre Lage im Land. Rund 460.000 Menschen sind zu Flüchtlingen geworden und laut Hilfsorganisationen sind 1.000.000 Zentralafrikaner auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Die internationale Gemeinschaft beginnt jetzt zu reagieren. Neben der französischen Ankündigung, mehr Soldaten “für einen kurzen Zeitraum, etwa vier bis sechs Monate” zur Verfügung zu stellen, will auch die Afrikanische Union ihre Truppen in der Zentralafrikanischen Republik auf mindestens 3.500 Mann aufstocken. Bei einem Land doppelt so groß wie Deutschland, aber mit erheblich schlechterer Infrastruktur, ist dies aber kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Entsprechend sollen sich die zusätzlichen französischen Soldaten auch darauf konzentrieren, die Überlandverbindung ins benachbarte Kamerun zu sichern. Die ist zur Zeit unterbrochen, Hilfslieferungen gelangen darum nicht ins Land. Die zusätzlichen afrikanischen Soldaten werden wohl ausreichen, um einige weitere humanitäre Korridore und Flüchtlingslager zu sichern – für die meisten Menschen, die weitab der Hauptstadt und Hauptsstraßen in kleinen Dörfern leben, ist das aber keine Lösung. Eine Flüchtlingswelle in Ausmaßen, wie sie aus den Nachbarländern DR Kongo oder Südsudan bekannt ist, scheint vorprogrammiert.

Ein Flüchtlingscamp in Bossangoa im November 2013.

Ein Flüchtlingscamp in Bossangoa im November 2013.

Kristalina Georgieva, EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, geht davon aus, dass insgesamt mindestens 12.000 Soldaten zur Friedenssicherung in der Zentralafrikanischen Republik benötigt werden, eine Vervierfachung der bisher entsandten Zahl. Die UN scheinen das ähnlich zu sehen, denn der Sicherheitsrat soll bald beschließen, dass die bisherige Friedensmission der Afrikanischen Union unter die Ägide der UN gelangt und auch über die jetzt schon geplante Entsendung zusätzlicher Soldaten hinaus aufgestockt wird. Dies wird aber wohl Monate in Anspruch nehmen – die Situation in der Zentralafrikanischen Republik wird sich also noch auf absehbare Zeit eher verschlechtern.

Gefährlich ist das nicht nur für das Land selber. Auch viele Nachbarländer könnten unter dem Chaos in der Zentralafrikanischen Republik leiden. Sowohl der Südsudan, als auch die DR Kongo stehen am Beginn eines fragilen Friedensprozesses mit ersten zarten Erfolgen. Kamerun hat sowieso alle Hände voll mit dem aus Nigeria übergreifenden Bürgerkrieg zwischen der islamisch-extremistischen Sekte Boko Haram und Regierungstruppen zu tun (vgl.: Peter Dörrie, “Nigeria geht gegen Boko Haram in die Offensive“, offiziere.ch, 11.09.2013). Und in der weiteren Region machen sich neben Boko Haram auch immer mehr andere islamistische Gruppen breit, was das Entführungsrisiko für westliche Hilfskräfte erhöht und damit Hilfseinsätze erschwert.

Die Nachbarländer und die internationale Gemeinschaft, allen voran das regionale Schwergewicht Tschad und die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, müssen sich aber auch fragen, wieso sie es soweit kommen haben lassen. Die Zentralafrikanische Republik war kein demokratischer Musterschüler, sondern steuerte seit Jahren auf die jetzige Krise zu. Aktiv wurde die Weltgemeinschaft erst, als die Rebellen praktisch schon vor den Toren der Hauptstadt standen und der Sturz des korrupten, autoritären und unfähigen Regimes von François Bozizé (selbst ursprünglich durch einen Putsch an die Macht gekommen) nicht mehr zu verhindern war.

Der Fall der Zentralafrikanischen Republik zeigt, dass die internationale Gemeinschaft immer noch viel zu sehr im Konflikbearbeitungsmodus ist. Krisen werden nicht antizipiert, sondern nur gemanaged. Wer es mit seiner Betroffenheit über die Lage in Zentralafrika ernst meint, muss es zu seiner Priorität machen, dies zu ändern.

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3 Responses to Können Friedenstruppen die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik stoppen?

  1. The Central African Republic is now on the brink of collapse. Violence pitting ex-Seleka rebel fighters against civilians and self-defence groups is on the rise and assuming an ever more intercommunal and religious dimension. The national authorities are powerless to tackle growing insecurity as reports of massacres emerge. France has begun deploying troops, but as the country slips further into chaos, the risk of much larger-scale violence and spillover to neighbouring countries, Cameroon in particular, is growing. — International Crisis Group, “CrisisWatch N°124“, 01.12.2013.

  2. Thousands of Christian residents of the Central African Republic’s capital Bangui sought refuge at the airport on Friday where French troops arrived on a mission to bring stability (Nick Ottens, “French Troops Land in Central African Republic, Thousands Flee Carnage“, Atlantic Sentinel, 07.12.2013).

  3. Ohne die Unterstützung der USA läuft nichts:

    Die USA beteiligen sich mit Transportflugzeugen am internationalen Militäreinsatz in der Zentralafrikanischen Republik. Das Pentagon teilte in Washington mit, dass das US-Militär etwa 850 Soldaten der Afrikanischen Union von Burundi in das Einsatzgebiet bringen werde. Dafür würden zwei Flugzeuge vom Typ C-17 bereitgestellt. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel habe die Entscheidung nach einem Telefonat mit seinem französischen Kollegen Jean-Yves Le Drian getroffen, der um eine «begrenzte» Unterstützung durch die USA gebeten hatte. — “USA stellen Transportflugzeuge für Einsatz in Zentralafrika“, news.ch, 09.12.2013.

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