China und Brasilien als neue maritime Achse?

von Felix F. Seidler. Felix F. Seidler ist freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität in Kiel und Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Dieser Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Pekings unerfahrene Marine sucht Sparringspartner. Doch kaum eine schlagkräftige, expeditionäre Marine will mit ihr in den Ring steigen. In Brasilien ist die Marine der Volksrepublik China (People’s Liberation Army Navy, PLAN) jedoch willkommen. Entwickelt sich daraus mehr als nur ein paar Manöver?

PLAN-Zerstörer in der Magellanstraße

PLAN-Zerstörer in der Magellanstraße

Mangel an Erfahrung
Auf ihrem Weg nach Brasilien passierten drei chinesische Kriegsschiffe im Oktober 2013 erstmalig die Magellanstraße. Natürlich stolz verkündet von Pekings Staatspresse. Ob man einen Zerstörer, eine Fregatte und einen Versorger wirklich als “Task Force” bezeichnen kann, sei mal dahingestellt. Reiseziele der Schiffe waren Manöver mit Brasilien sowie Hafenbesuche in Argentinien und Chile.

Warum ausgerechnet diese Route, der Südatlantik und Brasilien? Kritische Engpässe oder geostrategische Brennpunkte gibt es auf dem Weg durch den Pazifik nicht. Der Südatlantik ist alles andere als ein Hort geopolitischer Auseinandersetzungen.

Der Reisegrund liegt in der größten Schwäche der PLAN. Seit 1979 hat Chinas Militär keine Kampferfahrung. Die Marine schon gar nicht. Dagegen steht die US Navy als größter Rivale seit Jahrzehnten ununterbrochen weltweit im (Kampf-)Einsatz. Japan, Südkorea und Indien verfügen zwar auch nicht über nennenswerte Kampferfahrung auf See, können aber mit Amerikanern und Europäern üben.

China allein zu Haus
Unter den westlichen Marinen findet sich keine, die mit der PLAN Manöver durchführt, die über relativ banale Maßnahmen wie humanitäre Hilfe und Pirateriebekämpfung hinaus gehen. Abseits von Chinas indo-pazifischen Rivalen und den NATO-Staaten finden sich weltweit nur noch zwei Marinen mit expeditionärer Aktionsfähigkeit. Das sind Russland und – zumindest auf dem Papier – Brasilien. Allerdings war Russlands Hilfsbereitschaft bisher begrenzt. Die Trägerpiloten Chinas wurden auch deswegen in Brasilien ausgebildet, weil Moskau “Njet” gesagt hat.

Ein Sparringspartner der PLAN muss aus ihrer Sicht drei Kriterien erfüllen:

  1. Nicht in einem Bündnis mit den USA, sonst hat die US Navy bei den Übungen Augen und Ohren.
  2. Kein Rivale im Indo-Pazifik, denn möglichen Gegnern gibt man keinen Einblick in die eigenen Karten.
  3. Möglichst viel expeditionäre Aktionsfähigkeit, denn diese möchte die PLAN schließlich erwerben.

Weltweit treffen diese Kriterien nur auf Russland und Brasilien zu. Somit ist das südamerikanische Land ein natürlicher Partner der PLAN. Brasilien gehört keinem Bündnis an und hat keine geopolitischen Ambitionen im Indo-Pazifik. Zumindest auf dem Papier verfügt die brasilianische Marine über expeditionäre Aktionsfähigkeit – über den real-operativen Wert kann man streiten. Mit Kampferfahrung kann Brasiliens Marine ebenfalls nicht dienen. Höchstens gibt es ein paar Lessons-Learned aus UN-Operationen und Manövern mit den USA.

Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, heißt es so schön. Die Manöver im Südatlantik sind ein Versuch Chinas, den Mangel daran irgendwie wettzumachen. Aber mit wenig Erfolgschancen. Allein schon die geografischen und klimatischen Bedingungen im Südatlantik sind völlig anders als im Ostchinesischen Meer. Außerdem spielt Brasilien sicher nicht in der gleichen maritimen Fähigkeitsliga wie Japan oder Südkorea.

Chinesisch-brasilianische Übung

Chinesisch-brasilianische Übung

Wider den PLAN-Alarmismus
Eine weite PLAN-Fahrt erfährt natürlich den mittlerweile normalen Grad an Alarmismus. Wichtig ist aber nur: Zu mehr als brasilianisch-chinesischen Manövern reicht es für die PLAN einfach nicht. Der Gewinn von Einsatzerfahrung wird sich daher in Grenzen halten. Es ist schon eine eindeutige Botschaft, dass außer Russland und Brasilien kein Land mit expeditionärer Marine mit China Manöver durchführen will.

Das große, fast schon verzweifelte Bemühen der PLAN-Führung, irgendwie Einsatzerfahrung zu gewinnen, ist auch darin zu erkennen, dass die Verbände im Golf von Aden nach der Pirateriebekämpfung noch auf Marinediplomatiefahrten u.ä. geschickt werden (Mittelmeer, Australien). Man hat offensichtlich großen Lernbedarf. Über den Militäretat Chinas und die diversen großen Rüstungsprojekte muss man nichts mehr schreiben. Die Bettelei der PLAN um Einsatzerfahrung lässt ihren gegenwärtigen Kampfwert allerdings eher fraglich erscheinen.

Brasiliens Marine im Pazifik?
Brasilien hat keine geopolitischen Ambitionen oder vitalen Interessen im Pazifik, aber drehen wir das Spiel trotzdem mal um. Könnten brasilianische Schiffe nicht auch in China zu Besuch kommen? Nein. Wofür? Brasilien ist nicht auf den Gewinn von Kampferfahrung angewiesen und hat außerdem Zugang zu Amerikanern und Franzosen.

Bisher gab es noch keine brasilianischen Einsatzfahrten Richtung China. Es wird sie auch nur dann geben, wenn Brasilia der Meinung ist, Marinediplomatie sei ihrer Außenpolitik dienlich. Wo ist also der Mehrwert aus der Kooperation für Brasilien?

Man kann einmal davon ausgehen, dass China Geld fließen lässt. Ohne Gegenleistung bildet Brasilien keine Trägerpiloten aus. Ein militärischer und sicherheitspolitischer Mehrwert ist mangels gemeinsamer Bedrohungen oder Operationen für Brasilien nicht vorhanden. Wichtiger ist derzeit die politische Botschaft vor allem Richtung USA, die durch eine solche Kooperation entsteht. Sieh her, Uncle Sam! In der neuen maritimen Weltordnung kommen wir auch ohne dich aus.

The guided missile destroyer "Lanzhou" arrive at Valparaiso of Chile on October 6, 2013 for a five-day-long friendly visit to Chile (Photo: Zeng Xingjian).

The guided missile destroyer “Lanzhou” arrive at Valparaiso of Chile on October 6, 2013 for a five-day-long friendly visit to Chile (Photo: Zeng Xingjian).

Eine maritime Achse?
Außer Katastrophenhilfe und Teilnahme an UN-Missionen darf man keine chinesisch-brasilianischen Operationen erwarten. Sicherlich zu reden ist aber über Forschungs- und Technologiekooperation, etwa bei Flugzeugträgern, Zerstörern und Fregatten, U-Booten und Kampfjets. China kann über Brasilien indirekt von französischem Know-How (U-Boote) profitieren, so es Pekings SIGINT noch nicht abgezapft hat.

Brasilien könnte chinesische Waffen kaufen, etwa einen Flugzeugträger. Die Sao Paulo ist spätestens in der nächsten Dekade ersetzungsbedürftig. Über die industrielle Basis zum Eigenbau verfügt man Südamerika nicht. Vier Lieferländer kommen daher infrage: Großbritannien, Frankreich, Indien und China. Gut möglich, dass eine chinesische Werft eines Tages den Zuschlag erhält.

Außerdem ist Brasilien auf dem Weg zum Öl-Staat. Gleichzeitig gerät China in das Dilemma, dass die USA noch vor zehn Jahren hatten: Die vitale Abhängigkeit vom nahöstlichen Öl. So wird Peking, ähnlich wie früher Washington ein Interesse entwickeln, von Öl-Importen aus Nahost unabhängiger zu werden. Neben dem Öl Angolas kommen Brasiliens Vorkommen daher auch auf Chinas Wunschliste. Der große Vorteil: Die Südspitze Südamerikas ist zwar ein unwirtlicher Seeweg, aber nicht blockierbar. Eine Pipeline von Brasilien an die Pazifikküste ist auch denkbar, zumal es in Ecuador ebenso Öl gibt. Eines Tages schaut die PLAN vielleicht mal als Demonstration politischen Willens zum Schutz chinesischer Interessen im Südatlantik vorbei.

Eine neue Dimension erhielte die brasilianisch-chinesische Partnerschaft, wenn das Jahrhundertprojekt Nicaragua-Kanal tatsächlich verwirklicht würde. Bis dahin ist es aber noch extrem weit hin.

Es wird dauern, bis China und Brasilien überhaupt in der Lage wären, eine maritime Achse bilden zu können, die diesen Namen auch verdient. Brasiliens expeditionäre Aktionsfähigkeit existiert weitgehend nur auf dem Papier. Die PLAN beginnt gerade erst mit der Entwicklung von Machtprojektionsfähigkeit auf zwei Ozeanen. Bei weiterem Absinken amerikanischer und europäischer Kapazitäten könnten jedoch den Marinen Chinas und Brasiliens, aber auch denen Russlands, Indiens, Japans, Südkoreas und Australiens im globalen maritimen System ganz neue Ordnungsrollen zukommen.

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3 Responses to China und Brasilien als neue maritime Achse?

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