Rezension: Vier Tage im November – Mein Kampfeinsatz in Afghanistan

von Dr. Rüdiger von Dehn

Vier Tage im November. Mein Kampfeinsatz in Afghanistan“Lieber Johannes, meinen letzten Feldpostbrief habe ich 1943 geschrieben, das war in der 4. Klasse. Kannst Du Dir das vorstellen?” Es sind die Worte der Großmutter von Johannes Clair, die dem Leser des 17 Kapitel starken Erfahrungsberichts schlagartig vor Augen führt, dass Soldaten der Bundeswehr im Krieg stehen. Clair, Jahrgang 1985, wusste, auf was er sich einließ, als er sich nach seiner Wehrdienstzeit auf vier Jahre als Zeitsoldat verpflichtete. So nahm er als Infanterist – besser: als Fallschirmjäger – an den Kämpfen in Afghanistan von Juni 2010 bis Januar 2011 an vorderster Front teil.

Was ist von einem Buch zu erwarten, das die persönliche Sicht – ja, die Sicht eines Veteranen (und dieser Begriff ist angemessen) – auf einen Krieg gibt, den die meisten Menschen in der Bundesrepublik aus dem Fernsehen kennen? Von der ersten bis zur letzten Seite ist zu spüren, dass es die Kameradschaft ist, die die Soldaten zusammenhält, die ihnen aber auch Kraft zum Durchhalten gibt, wenn man Tage lang in der “Raumverantwortung” steht, nicht ausreichend verpflegt wird – oder aber die eigene Freundin “Schluss gemacht” hat. Es sind die Bilder, fernab der Tagesschau-Kameras, die Clair hier zeichnet und an den interessierten Leser weiterzugeben versteht. Dazu zählt u.a. die Tatsache, dass die Soldaten der Bundeswehr sich mit ihrem “Job” identifizieren – trotz all der Probleme, die sich im Feld ergeben. Sie sehen die Idee und die Werte, für die sie selbst stehen. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass sie in einem eigenen Kosmos leben. Dies zeigt sich dann, wenn die deutsche Verwaltungsbürokratie im Feldlager Einzug hält oder aber Klimaanlagen zum größten Geschenk für das Zusammenleben in einer soldatischen Unterkunft werden.

Durch Clairs Bericht wird der nun seit über zehn Jahre andauernde Krieg unglaublich greifbar. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass er ohne viel Pathos beschreibt, was den Alltag im Krieg wirklich ausmacht. Ihm gelingt es, die Atmosphäre der Fußpatrouillen, Gefechte und Besuche in afghanischen Dörfern so zu beschreiben, dass der Leser den Eindruck vermittelt bekommt, mit in der Mission zu sein. Er schaut Clair praktisch über die Schulter und bekommt auf diese Weise den Einblick in das wirkliche Frontgeschehen, in dem Soldaten fallen bzw. durch IEDs verwendet werden. Zudem kommt auch das Gefühl der Angst – wenn wieder eine Bombe explodiert ist und der der eigene Wagen mit Panzerabwehrraketen beschossen wird. Dies wechselt sich umgehend wieder mit der Euphorie ab, die die Angehörigen seiner Einheit erfasst, wenn alle heil und gesund aus den Gefechten wieder zurück ins Feldlager gekommen sind.

Herbert Hoover stellte einst fest: “Ältere Herrn erklären Kriege. Aber es ist die Jugend, die kämpfen und sterben muss.” Die Bewertung mag auch am Anbeginn des 21. Jahrhunderts nichts an ihrer Bewertung verloren haben. Clair weiß, sie durch seine eigenen Kriegserfahrungen genau auf den modernen Alltag hin anzupassen. Es ist ein persönlicher Bericht, der hilft, ein Verständnis für die im Kampf stehenden Soldaten der Bundeswehr zu entwickeln und einstweilen darüber nachzudenken, wie mit den Veteranen in Zukunft umgegangen werden kann und muss.

Johannes Clair, “Vier Tage im November: Mein Kampfeinsatz in Afghanistan“, Oktober 2012, p. 416

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