Rezension: Kampfpanzer Tiger: Geschichte – Technik – Erfahrungsberichte

von Seka Smith

tigerDer Tiger-Kampfpanzer ist neben dem russischen T-34 einer der bekanntesten Panzer des Zweiten Weltkrieges. Kein anderer Panzer hat bei den Alliierten wohl mehr Angst und Respekt sowie bei den Soldaten der deutschen Panzertruppe mehr Vertrauen und Zuversicht als der Tiger hervorgerufen.

Beim Auftauchen des Tigers im Jahr 1942 war der Panzer allen gegnerischen Panzerfahrzeugen überlegen – hinsichtlich der Panzerung, Bewaffnung, der Ausbildung der Panzerbesatzungen sowie im taktischen Einsatzkonzept. Sehr schnell machte der Tiger seinem Ruf alle Ehre: bei der eigenen Truppe war er für seine Überlebensfähigkeit geschätzt. Beim Feind für seine Kampfkraft gefürchtet.

Tiger (Panzerkampfwagen VI)
Der Tiger war ein schwerer Kampfpanzer der Wehrmacht, der von Henschel im Zeitraum 1942 bis 1944 gefertigt wurde. Im Spätsommer 1942 trat der Tiger zum Einsatz an und wurde in elf schweren Panzerabteilungen des Heeres und drei der Waffen-SS eingesetzt. Die Rolle des Tigers wurde als „Rammbock“ beim Angriff und „Prellbock“ bei der Verteidigung definiert. Der Tiger-Kampfpanzer galt laut Doktrin als Durchbruchswaffe.

Kampfpanzer Tiger – das Buch
Der Autor, Thomas Anderson, gibt in seinem Buch „Kampfpanzer Tiger: Geschichte – Technik – Erfahrungsberichte“ Aufschluss über einen der interessantesten Panzer des Zweiten Weltkrieges, so u.a. über die historische Entwicklung der Panzertruppe bis zum Kriegsausbruch, über die technische Entwicklung des Tigers, das Waffensystem (Beweglichkeit, Feuerkraft, Panzerschutz), die Organisation der Tiger-Einheiten und deren Einsätze im Gefecht sowie über die Themen Instandsetzung, Bergung und Eisenbahntransport.

Anderson räumt auch mit dem Mythos auf, dass der Tiger als Reaktion auf den T-34 auf den Plan getreten ist. Bei der Recherche bedient er sich Originalquellen aus dem Bundes- und Militärarchiv in Freiburg sowie aus Beständen der National Archives and Records Administration (NARA) und stützt sich auf Augenzeugenberichte von Soldaten der schweren Panzerabteilung 503, 504, 508 und der schweren SS-Panzerabteilung 503.

Kampfwert des Tigers
Der Kampfwert eines Tiger-Panzers war beachtlich. Bei den schweren Panzerabteilungen betrug das Verhältnis von verlorenen und zerstörten Panzern im Kampf zwischen 1:5,7, so z.B. bei der schweren Panzerabteilung 510, bis zu 1:50 bei der SS-Abteilung 103. So kamen auf insgesamt 712 Verluste im Kampf etwa 9850 Abschüsse feindlicher Panzer.

Die T-34 und M4 Shermans waren für den deutschen Panzer keine ebenbürtigen Gegner. Vor allem nicht die amerikanische Panzer, wie z.B. der M3 Grant, die im Rahmen des Lend-and-Lease-Abkommens in größeren Stückzahlen an die Sowjetunion geliefert und von russischen Panzersoldaten als „Grab für sechs Brüder“ bezeichnet wurde. So konnte der M3 mit seiner 75 mm Kanone auf eine Distanz von 150 Metern die Panzerung des Tigers nicht durchschlagen.

Tigerkratzer

Zwei Soldaten beim Betrachten eines nicht durch gedrungenen Treffers an einem Tiger, 1943, Unternehmen Zitadelle

Erst mit dem Erscheinen des schweren JS-2 im Jahr 1944 (insbesondere mit dem Modell ab Juni 1944) erhielt der Tiger an der Ostfront erstmals einen gleichwertigen Gegner auf dem Schlachtfeld. Mit seiner 122 mm Kanone konnte der JS-2 dem Tiger sehr gefährlich werden. Deutschen Besatzungen wurde empfohlen, den JS-2 in der Flanke oder im Rücken zu fassen und den Panzer im zusammengefassten Feuer zu vernichten. Nichtsdestotrotz waren die Tiger-Besatzungen bis zum letzten Kriegstag von ihrem Panzer mehr als überzeugt. Ein Panzerkommandant schilderte seine persönliche Lebenserinnerungen vom 30. April 1945:

„Befehl zum Reichstag über Funk nachmittags. […] Das Reichstagsgebäude war schon ziemlich zerbombt, ausgebrannter Plenarsaal. Auf der Eingangsseite sehen wir zur Kroll Oper hinüber, und rechts von uns stand eine große Anzahl T-34, wohl 30 Stück, mit Rohr auf das Reichstagsgebäude. Nach genauer Einweisung der Besatzung haben wir den Sprung um die Ecke gewagt und gegen diese große Zahl das Feuer aufgenommen.“ (S. 135)

Überschätzung der Möglichkeiten und Leistungen des Tiger-Panzers führten zu taktischen Fehleinschätzungen und damit entweder zum Verlust des Panzers oder zu ernsthaften Beschädigungen. Der Tiger-Panzer war kampfstark, aber keineswegs unverwundbar. Die besten Kampferfahrungen machten die Besatzungen in gemischten Einheiten. Die Tiger bildeten die Speerspitze des Angriffs und wurden von Panzer IV und Panzer III an den Seiten flankiert.

Leutnant Zabel und sein Tiger
Leutnant Zabel war Panzerkommandant eines Tigers während des Angriffs der Kampfgruppe Sander auf eine stark verteidigte Kolchose bei Sserernikowo am 10./11. Februar 1943. Beim Vorrücken erhielt sein Panzer aus unterschiedlichen Entfernungen Beschuss von Panzerabwehrkanonen und Panzerbüchsen der verschiedensten Kaliber. Insgesamt zählte der Panzer 227 Treffer von Panzerbüchsen, 14 Treffer von 5,7 cm und 4,5 cm sowie elf Treffer von 7,62 cm Panzerabwehrkanonen. Der Tiger überlebte das Gefecht schwer beschädigt und konnte noch weitere 60 km nach dem Kampf weiterfahren.

Interessant ist auch hervorzuheben, dass der Tiger in gewissen Grenzen auch artilleristisch eingesetzt werden konnte, auch wenn diese Art des Feuerkampfes wohl eine nur sehr begrenzte Verwendung fand. So wurde bei einem Schul-Gefechtsschießen der Schweren Panzerabteilung 503 mit einem Höhen-Richtaufsatz auf 8000 Meter gefeuert.

Letztlich konnte die Produktionszahl der Tiger von 1350 Panzerkampfwagen nicht kriegsentscheidend wirken. Insbesondere, wenn man sich vergegenwärtigt, dass alleine vom russischen T-34 54.600 Exemplare gebaut worden sind. Der materiellen Übermacht des Gegners konnte der Tiger, die Besatzung und die Einsatztaktik nichts entgegensetzen. Ein gefangener deutscher Offizier eines Tigers gab, als er auf einen Schrottplatz mit mehreren M4 Sherman-Panzern gebracht wurde, zu Protokoll:

„Ein Tiger kann leicht zehn Ami-Panzer zusammenschießen. Ihr habt halt immer einen 11. Panzer in der Hinterhand.“ (S. 153)

 
Dokumentation über den Tiger-Panzer
 

 
Fazit
Das Sachbuch „Kampfpanzer Tiger: Geschichte – Technik – Erfahrungsberichte“ beschreibt den Tiger in historischen und technischen Einzelabschnitten, ohne in technische Details, die oft nur für Ingenieure zu verstehen sind, abzudriften. Anderson gibt einen sehr guten Überblick über den stärksten, aber auch am meisten überschätzten, Panzer der Wehrmacht. Schön ist, dass das Buch auf Legendenbildung verzichtet und sich vor allem der Analyse der Fakten widmet, um die Leistungsfähigkeit und Unzulänglichkeiten des Tiger-Panzers objektiv darzustellen.

„Im Ergebnis bleibt die Legende unangetastet. Der Tiger bleibt ein Faszinosum. Gut für die Besatzungen, die sich in ihm sicher fühlen konnten. Ein Glücksfall für jede Propaganda. Eine wahrlich schlechte Meldung für den russischen Soldaten in seinem T-34.“ (S. 154)

„Kampfpanzer Tiger“ ist ein hervorragendes Sachbuch. Der Kauf ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Anderson, Thomas (2013): Kampfpanzer Tiger: Geschichte – Technik – Erfahrungsberichte. GeraMond. 160 Seiten. 19,99 Euro.

Weiterführende Informationen

Bildnachweis
Treffer am Tiger: Bundesarchiv, Bild 101I-022-2935-24 / Wolff/Altvater / CC-BY-SA

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