Aufgeschnappt: Wieso so viele Offiziere abmarschieren

Die Neue Luzerner Zeitung vom letzten Samstag greift ein Thema auf, welches bereits seit rund 10 Jahren der Schweizer Armee anlastet (siehe beispielsweise hier) und welches – trotz Beteuerung verschiedenster Höheren Stabsoffiziere – nie wirklich ernsthaft angepackt wurde: die Schweizer Armee verliert als Arbeitgeber seine Attraktivität. Kari Kälin schreibt dazu auf der Titelseite der Neuen Luzerner Zeitung (der dazugehörige Artikel befindet sich weiter unten):

Sie erhalten selten ein Lob, erfahren wenig Wertschätzung, die Vereinbarung von Beruf und Privatleben ist schwierig, Kritik ist unerwünscht und kann sogar die Karrierechancen schmälern: Aus diesen Gründen kam es in den letzten Jahren bei den Berufskadern der Schweizer Armee zu einer Kündigungswelle. Dies zeigt eine neue Studie der ETH Zürich. Die Abgänge schmerzen umso mehr, als eher talentiertere Köpfe die Armee verliessen.

Die Schweizer Armee beschäftigt gut 3’300 Berufskader. Und die Rekrutierung von gut qualifiziertem Personal fällt schwer. Immer seltener peilen junge Menschen eine militärische Karriere an, die sie aus Berufung bis zur Pension verfolgen. Im Zivilleben schwindet die Bedeutung militärischer Weihen. Wer in der Armeehierarchie nach oben klettert – sei es als Berufskader oder als Milizoffizier –, kann deswegen in der Privatwirtschaft nicht mehr automatisch eine “Weitermachen”-Rendite abschöpfen. Die Strahlkraft der Armee als Arbeitgeberin verblasst zusehends.

Zahlreiche Vorgesetzte scheinen sich nicht um diese Entwicklung zu kümmern. Nur so ist es zu erklären, dass sie weichen Faktoren wie Arbeitszufriedenheit, Wertschätzung oder positiven Feedbacks so wenig Beachtung schenken, dass scharenweise Berufskader ihre Militärkarriere beenden. Mit einem veralteten Führungsstil à la «Nicht fragen, machen!» und dem Ignorieren legitimer Bedürfnisse wie der Mitsprache bei der konkreten Arbeit lassen sich heute gute Leute nicht mehr halten. Mit der von VBS-Chef Ueli Maurer bereits angekündigten Weiterentwicklung der Armee bietet sich nun die Chance, einen überfälligen Kulturwandel einzuleiten.

Dass sich mit der Weiterentwicklung der Armee etwas ändern wird, ist unwahrscheinlich. Erstens ist der Wille nicht da und zweitens hat die als “Weiterentwicklung” der Armee getarnte Armeereform das Ziel Kosten zu sparen – auch beim Personal. Der eine oder andere in Bern hat sicherlich bereits jetzt schon das Gefühl, dass mit dem Wechsel vom Dreistart- auf das Zweistart-Modell nur noch 2/3 des jetzigen Personals benötigt wird. Das Gegenteil ist der Fall: zwar fallen die Überlappungen der Rekrutenschulen weg, doch die Anzahl der Rekruten bleibt gleich. Verteilen sich momentan rund 20’000 Rekruten auf 3 Starts (rund 6’500 – 7’000 Rekruten pro Start), so müssen mit dem Zweistartmodel rund 10’000 Rekruten pro Start ausgebildet werden. Da seit 2004 permanent Infrastruktur und Personal abgebaut wurden, braucht es bei einem Zweistartmodell nicht weniger, sondern mehr Personal, Material und Infrastruktur.

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