Klar zum Atomkurs! Neue Pläne für Chinas Träger

von Felix F. Seidler. Felix F. Seidler ist Freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität in Kiel und Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Dieser Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Chinesische Träger mit Nuklearantrieb waren lange Spekulation. Jetzt gibt es glaubhafte Bestätigungen für die Existenz so eines Projekts. Wie weit entfernt ist China von Bau und Einsatz solcher Schiffe?

Die Liaoning (Admiral-Kusnezow-Klasse) stammt ursprünglich aus sowjetischer Produktion, lief 1988 vom Stapel. Die Arbeiten am Flugzeugträger wurden nach dem Ende des Kalten Krieges eingestellt. Über den Umweg eines Unternehmers aus Macao landete der Flugzeugträger in den Besitz Chinas und wurde fertig ausgebaut. Am 25. September 2012 wurde der Flugzeugträger von der chinesischen Marine in Dienst gestellt. Die Liaoning wird konventionell angetrieben.

Die Liaoning (Admiral-Kusnezow-Klasse) stammt ursprünglich aus sowjetischer Produktion, lief 1988 vom Stapel. Die Arbeiten am Flugzeugträger wurden nach dem Ende des Kalten Krieges eingestellt. Über den Umweg eines Unternehmers aus Macao landete der Flugzeugträger in den Besitz Chinas und wurde fertig ausgebaut. Am 25. September 2012 wurde der Flugzeugträger von der chinesischen Marine in Dienst gestellt. Die Liaoning wird konventionell angetrieben.

Im Januar wurde der Trend zu Flugzeugträgern und Nuklearisierung für Chinas Marine wie im gesamten Indo-Pazifischen Raum hier bereits genannt. Allerdings ohne Kenntnis eines Berichts der South China Morning Post vom 23. Februar (Hongkong), in dem der Start eines Forschungsprojekts und die Bewilligung der Mittel zur Entwicklung von Reaktoren für Flugzeugträger bestätigt werden:

Beijing has approved funding for major projects to develop core technologies for nuclear-powered vessels, a first official indication of plans to build nuclear-powered aircraft carriers. But military experts said it was too early to determine when China would have its first nuclear-powered carrier because it would take time to develop a safe and powerful engine. — Minnie Chan, “PLA on course for nuclear-powered aircraft carriers“, South China Morning Post, 23.02.2013.

Die Prognose meiner ISPK-Analyse vom Januar lautete demgegenüber:

Langfristig, definitiv nach 2030 denkbar sind nukleargetriebene Flugzeugträger Chinas und Indiens. Nachdem beide Länder beim Bau und Betrieb von U-Booten Erfahrungen mit Nuklearantrieben und mit konventionell angetriebenen Flugzeugträgern gewonnen haben, könnten sich diese Länder schließlich zum Bau nukleargetriebener Flugzeugträger nach amerikanischem oder französischem Vorbild entscheiden. — Felix F. Seidler, “Maritime Machtverschiebungen im Indo-Pazifischen Raum: Geopolitische und strategische Trends“, Kieler Analysen zur Sicherheitspolitik Nr. 33, Januar 2013, 5.

Eine endgültige Bauentscheidung wird in Peking wohl kaum bereits gefallen sein. Das dürfte erst dann passieren, wenn die Forschungs- und Entwicklungsabteilung substanzielle Ergebnisse liefert. Die Bewilligung von Geld zur Forschung ist jedoch ein Beweis für die Existenz des politischen Willens zur Beschaffung nukleargetriebener Träger. In der South China Morning Post stoßen chinesische Militärexperten ins gleiche Horn:

Military experts said the report indicated that Beijing was formally kicking off its plan to develop indigenous nuclear-powered carriers. “The report told us that our country is going to introduce nuclear-powered technology on large-tonnage ships, including aircraft carriers, submarines and other warships,” said Li Jie, a Beijing-based naval expert. — Minnie Chan, “PLA on course for nuclear-powered aircraft carriers“, South China Morning Post, 23.02.2013.

Ein sehr ernst zu nehmendes Indiz ist, dass die Werftengruppe mit der Erforschung von Nuklearantrieben beauftragt wurde, die auch Chinas zwei selbst entwickelte Flugzeugträger baut. Der Erfahrungsschatz für Träger und Antriebe findet sich somit im “selben Haus”. Das macht die spätere tatsächliche Umsetzung so eines Projekts deutlich einfacher, als wenn mehrere Köche den Brei verderben.

A report posted on the website of the China Shipbuilding Industry Corporation, the largest state-owned shipbuilder, this week said the Ministry of Science and Technology had approved funding to its 719th Research Institute for two research projects, including core technologies and safety studies for nuclear-powered ships, as well as technical support for small nuclear reactors. The shipbuilding giant is also the top contractor of the People’s Liberation Army Navy and took charge of the refitting work for China’s first aircraft carrier, the Liaoning. — Minnie Chan, “PLA on course for nuclear-powered aircraft carriers“, South China Morning Post, 23.02.2013.

Es stellen sich nun zwei Fragen. Erstens: Warum wird so ein Projekt zu diesem Zeitpunkt bewilligt? Zweitens: Was ist die Motivation dahinter?

Der Zeitpunkt ist im Grunde nur eine logische Fortsetzung des Verlaufs von Chinas Trägerprogramm. Nach dem die Liaoning nun tatsächlich fährt und konventionell getriebene Träger immer mehr Form annehmen, ist die Entscheidung zum Nuklearantrieb für eine massiv aufrüstende Seemacht wie China nur folgerichtig. Ferner passt der Zeitpunkt ins aktuelle maritime Konfliktbild. Im Süd- und Ostchinesischen Meer wurde die Lage in den letzten Jahren immer angespannter. Staaten wie Südkorea und Japan, aber auch andere rüsten auf und die USA erhöhen ihre militärische Präsenz trotz knapper Kassen ebenfalls. Das dürfte für bei der Entscheidung für Bewilligung von Forschungsgeldern eine erhebliche Rolle gespielt haben. Geldsorgen kennt man in Peking ohnehin nicht.

Chinesische Darstellung angedachter Marinebasen.

Chinesische Darstellung angedachter Marinebasen.

Die Motivation ergibt sich aus Chinas immer deutlicher werdenden expeditionären, maritimen Ambitionen im Westpazifik und im Indischen Ozean; evtl. auch darüber hinaus. Die USA verlegen ihre nukleargetriebenen Träger i.d.R. für ein Jahr in ein Einsatzgebiet. Konventionelle Träger kommen dafür nur begrenzt infrage. Folglich wäre Schiffe diesen Typs ein starker Schub für die Reichweite und Ausdauer der chinesischen Marine. Darüber hinaus ermöglicht der Nuklearantrieb den Betrieb eines Katapultsystems für Flugzeugstarts. Das höchstzulässige Abfluggewicht von Trägerflugzeugen steigt damit und ermöglicht den Einsatz größerer Typen, höhere Reichweite und größere Waffenlasten. Ein Projekt für einen trägergestützten Stealth-Jet (J-31) existiert. China Ziel scheint der Gewinn der Fähigkeit zu sein, im gesamten Indo-Pazifischen Raum weit stärker als bisher Macht projizieren und ggf. auch militärische Überlegenheit herstellen zu können.

Aufgrund der Fortschritte seines nuklearen Brennstoffkreislaufs sowie der Erfahrung mit Reaktoren auf U-Booten ist China zur Entwicklung eines eigenen Reaktors für Träger sicherlich in der Lage. Ein Fokus auf “Entwicklung” greift jedoch zu kurz. Wie bei anderen Projekten auch dürfte sich China per Cyber-Spionage entsprechende amerikanische oder französische Konzepte besorgen und diese je nach Bedarf nachbauen.

Song Xiaojun, a Beijing-based warship expert, said China was capable of developing nuclear-powered carriers because its navy had at least eight nuclear-powered submarines. “Both France and the United States developed nuclear-powered submarines first and then carriers,” he said. “I think we can follow them too”. Minnie Chan, “PLA on course for nuclear-powered aircraft carriers“, South China Morning Post, 23.02.2013.

Die Nennung Frankreichs weißt allerdings auch auf die Probleme von Nuklearantrieben hin. Die Charles de Gaulle gilt als verhältnismäßig unzuverlässig, ihr Reaktor als störanfällig. Die Sowjetunion hat zwar Pläne für nukleargetriebene Flugzeugträger der Uljanowsk-Klasse entwickelt und mit dem Bau begonnen, das Programm wurde aber 1991 eingestellt. Das einzige Land, das komplett erfolgreich nukleargetriebene Träger bauen und betreiben kann, sind die USA.

Professor Arthur Ding Shu-fan, secretary general of the Taipei-based Chinese Council of Advanced Policy Studies, said that Beijing needed to tackle a traditional headache – the engine. “The engine is one of the core technologies for a nuclear-powered carrier project,” he said. “Compared with submarines, a carrier is much bigger. It’s not an easy job for Beijing to develop a safe and powerful engine capable of driving a huge platform of more than 100,000 tonnes. — Minnie Chan, “PLA on course for nuclear-powered aircraft carriers“, South China Morning Post, 23.02.2013.

Einen bleibenden politischen Willen und finanzielle Mittel vorausgesetzt, könnte sich die Einschätzung “nach 2030” durchaus bewahrheiten. Wenn jetzt die Entwicklung beginnt, ist mit dem Baubeginn vor 2020 nicht zu rechnen. Die Erfolge und Misserfolge mit den selbst gebauten Trägern sind noch völlig offene Fragen. In den USA dauert der Bau eines Trägers rund sechs Jahre. Allerdings auf Basis langer Erfahrung. China dürfte daher länger brauchen. Nach Indienststellung wird die PLAN ferner Jahre für Training und Übung aufwenden müssen, bevor so ein Schiff operationsfähig ist. Steht dann eine Flotte von Begleitschiffen (Zerstörer, U-Boote, Versorger) bereit und sind Basen im Indischen Ozean wie Gwadar betriebsbereit, steht einer chinesischen Präsenz dort nur noch wenig im Wege.

Die USA, Japan Südkorea und Indien (u.a.) werden aber zweifelsohne auf Chinas neue Projekte reagieren. Der ohnehin schon angeheizte maritime Rüstungswettlauf im Indo-Pazifischen Raum könnte dadurch noch weiter eskalieren.

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