Rezension “Jahrbuch Terrorismus 2012” und Anmerkungen zur Malaise deutscher Debatten

von Felix F. Seidler, Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Der Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Im September erschien der neueste Band des “Jahrbuch Terrorismus 2011/12“. Diese Kurzrezension skizziert einige Beiträge des Buches, dessen “Leckerbissen” dabei unmittelbar Salz in die tiefen Wunden deutscher Debatten streut. Passend zum Thema gestattet sich dieser Blogartikel zwei Exkurse zu militärischer Terrorismusbekämpfung und zum viel gescholtenen Bundesnachrichtendienst (BND).

Terroranschlag in Beirut, Libanon vom Freitag, 19.10.2012 (Foto: Anwar Amro)

Terroranschlag in Beirut, Libanon vom Freitag, 19.10.2012 (Foto: Anwar Amro)

Ist Terrorismus noch eine Bedrohung?
Ja, aber kaum jemand merkt das. Terrorismus und al-Qaida scheinen nach dem Tod Osama bin Ladens von der Tagesordnung verschwunden zu sein. Die Euro-Krise hat die Agenda fest im Griff und der nun startende Bundestagswahlkampf wird neben der Krise von Wirtschaft- und Sozialpolitik dominiert. Obwohl die Bundesrepublik Deutschland von Terroranschlägen bedroht bleibt, werden weder diese konkrete Gefahr noch Sicherheitspolitik generell in den kommenden Monaten eine Rolle in der öffentlichen Debatte spielen. Dies geschieht in Deutschland immer nur nach gravierenden Ereignissen. Ein Beispiel dafür ist die Diskussion über die Anwendung militärischer Gewalt nach dem Kunduz-Bombardement 2009.

Nachdem es früher oder später in Deutschland einen größeren Terroranschlag gegeben hat, wird die Debatte darüber so suboptimal wie immer geführt. Claudia Roth, Jürgen Todenhöfer, Henryk M. Broder und Wolfgang Bosbach werden bei Beckmann, Jauch, Will und Illner ebenso wie das Kommentariat jeweils ihren bekannten Feindbildern die Schuld in die Schuhe schieben. Ein Untersuchungsausschuss wird schwere Versäumnisse feststellen. Darauf folgen einige Rücktritte. An der grundsätzlichen Malaise des kurzfristigen, nicht-strategischen Denkens und Handelns deutscher Sicherheitspolitik wird sich nichts ändern.

Das Jahrbuch
Die Debatte über den globalen und nationalen Grad der Gefährdung und die strategischen wie sicherheitspolitischen Handlungsoptionen nach einem Anschlag bleibt demnach (leider) auf die üblichen Fachzirkel beschränkt. Denen steht allerdings seit sechs Jahren mit dem Jahrbuch Terrorismus des Institut für Sicherheitspolitik (ISPK) eine wissenschaftliche Reihe zur Verfügung, die Problematik und Aktualität der terroristischen Bedrohung allgemeinverständlich darstellt. Bemerkenswert ist der ganzheitliche Ansatz aus umfangreichen Statistiken, Analysen strategischer Trends, Regionen und Politikfragen sowie theoretisch-methodischer Fragen.

Für jeden ist etwas dabei. Den eher innen- bis tagespolitisch Orientierten seien die Kapitel über Islamisten aus Deutschland, Rechtsterrorismus und den Norweger Anders Breivik besonders ans Herz gelegt. Ständige Leser und die Klientel dieses Blogs werden aber vor allem in den Länder- und Regionalanalysen (Ägypten, Pakistan, Kaukasus, Nigeria, Somalia) sowie den Beiträgen über Politikfragen finden, wonach sie suchen. Da die islamistisch terroristische Organisation Boko Haram “innerhalb kürzester Zeit solch einen enormen Zulauf erhalten und sich international so erfolgreich vernetzt hat” (S. 262), ist der Blick nach Nigeria nicht verkehrt. Zumal die Deutsche Bundeswehr wohl bald in Mali Zeltlager nur rund 1’500 km Luftlinie (oder 26-27 Stunden Autofahrt, laut Google Maps) entfernt von Nord-Nigeria beziehen wird, um evtl. den Kampf gegen militante Islamisten zu unterstützen.

Und aufgepasst! Mit John Nagl ist der wohl international renommierteste Counter-Insurgency-Experte ebenfalls als Autor im Jahrbuch Terrorismus vertreten. In “The Future of U.S. Counterterrorism” erklärt Nagl, wie der Schattenkrieg Amerikas in Zukunft geführt wird. Nichtsdestotrotz, der angekündigte Leckerbissen ist nicht der Popularität des Autors gewählt.

Der “Leckerbissen” des Buches
Bei der Lektüre des Aufsatzes von Dirk Freudenberg über “Moderne Risikoanalyseansätze” mit Rückgriff auf Clausewitz (S. 359-388) läuft jedem Leser mit Interesse an strategischen Fragen das Wasser im Munde zusammen. Freudenberg setzt drei, für jeden Berufs- oder Hobbystrategen wichtige Punkte: I. “Seriöse Krisenvorsorge” und deren Bewältigung erfordern vorausschauende Analyse (S. 359) und diese muss so weit und so früh wie möglich ansetzen (S. 381); II. Der Faktor Mensch ist nur mangelhaft objektivierbar (S. 373) und dessen Irrationalität kann man nicht quantifizieren (S. 380).

Ein Leckerbissen sind diese Punkte, weil sie sowohl Salz in die offenen Wunden deutscher Debatten streuen und gleichzeitig auf Möglichkeiten für – bildlich gesprochen – bessere diesbezügliche Gesundheitsvorsorge hinweisen. Vorausschauende Analyse über das Ende der Legislaturperiode findet in Deutschland kaum statt. Die simple Einsicht darüber bei politischen Entscheidungsträgern mit nachfolgenden Weisungen an die Arbeitsebene wäre schon ein Anfang. Punkt II. führt uns weg von der Wissenschaft in die politische Debatte, die Talkshows und zum Kommentariat, in denen alle Protagonisten eben entsprechend ihrer politischen Couleur genau das Gegenteil von Freudenbergs Schlussfolgerungen versuchen werden. Die Ergebnislosigkeit der Debatte ist damit vorherbestimmt. Wegen der Kritik an der Debatte seien hier noch zwei kurze, aber terrorismus-bezogene Exkurse gestattet:

Djenna Moschee in der Provinz Timbuktu, Mali

Djenna Moschee in der Provinz Timbuktu, Mali

Exkurs 1 – Militärische Terrorismusbekämpfung
Die Argumentation, dass Militär als Instrument der Terrorismusbekämpfung durchaus erfolgreich sein kann, wird auf “Seidlers Sicherheitspolitik” bereits seit seinem Beginn vertreten. Wenngleich in Deutschland politisch unkorrekt, hat der Schattenkrieg Barack Obamas mit Drohnen und Spezialkräften durchaus Wirkung gezeigt. Regionale Ableger al-Qaidas sind auf dem Vormarsch, so dass Deutschlands Sicherheit nach dem Hindukusch bald auch in Timbuktu verteidigt wird.

Die Kriegsmüdigkeit nach über zehn Jahren Afghanistan wird zum Ende des Zeitalters großer Auslandseinsätze mit vierstelligen Kontingenten deutscher Bodentruppen führen. Zurecht hat der deutsche Verteidigungsminister, Thomas de Maizière, den Ankauf bewaffneter Drohnen auf die Tagesordnung gesetzt. Neue Hubschrauber für das Kommando Spezialkräfte (KSK) sind überfällig. Nach den Erfolgen der USA, durch das Szenario Mali, aber auch wegen Jemen und Somalia könnte die Frage nach deutscher Beteiligung an solchen Operationen durchaus einmal auf die Tagesordnung des Bundestags kommen.

Exkurs 2- Die gute Arbeit des BND
Außerdem noch ein paar Zeilen zum Bundesnachrichtendienst. Dessen Arbeit war seit langem nicht mehr Gegenstand öffentlicher Debatte. Das sind gute Nachrichten. Schließlich ist ein Nachrichtendienst – gerade bei der Terrorismusbekämpfung – nur dann erfolgreich, wenn keiner merkt, was er tut. Kommt der BND wieder in die öffentliche Diskussion, wird sich das Kommentariat die Gelegenheit zur massiven BND-Kritik nicht entgehen lassen. Daher hier einfach mal ein Lob an den BND für die gute Arbeit im Stillen.

Ausblick
Auch 2013 wird es ein neues Jahrbuch geben. Was könnte auf der Agenda stehen? Mali wurde genannt. Cyber-Terrorismus wird sicher ein Problem. Wann knöpft sich eine linksextremistische Gruppe mal die IT der Finanzmärkte vor? Auf den Philippinen haben die Regierung und die Moro Islamic Liberation Front nach einem langen Konflikt gerade Frieden geschlossen. Wird das zu einer Erfolgsstory?

Kunduz 2009, Terrorismus, Euro-Krise, Fukushima, strategische Fragen – Sensationsorientiertheit gepaart mit Initiativ-Resistenz ist die große Malaise deutscher Politik und Debatten. Mehr finanzielle und personelle Investitionen in moderne Risikoanalyse, wie sie Dirk Freudenberg skizziert, wären ein Ausweg.

Joachim Krause, Stefan Hansen (Hg.) (2012): Jahrbuch Terrorismus. Opladen u.a.
Links zum Buch: Übersicht beim ISPK, Verlag Barbara Buderich, Amazon

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