Was läuft eigentlich in Afghanistan 06?

Ende Oktober fand unter dem Patronat der Sicherheitspolitik VBS und in der Zusammenarbeit mit der Chance Schweiz das 16. Colloquium Sicherheitspolitik unter dem Titel “Afghanistan – Wege zur Stabilisierung” statt. Die militärische Sichtweise wurde von Generalleutnant Hans-Lothar Domröse, zwischen Januar 2008 und Januar 2009 Stabschef der ISAF vertreten, der zivile Ansatz von Michael Gerber, bis 2009 Programmverantwortlicher Afghanistan und Sri Lanka der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Leider bezogen sich beide Referenten auf den Zeitraum ihres Engagements in Afghanistan und liessen ein aktualisiertes Bild der Lage vermissen. Sie waren sich einig, dass militärische sowie zivile Hilfe koordiniert und gleichzeitig erfolgen muss und dass die Zukunftsaussichten von Afghanistan eher düster zu beurteilen sind. Es ist also höchste Zeit wieder einmal die Frage zu stellen, “was läuft eigentlich in Afghanistan” und zu überprüfen, ob die düsteren Zukunftsaussichten der beiden Referenten tatsächlich berechtigt sind.

Die Ausgangslage in Afghanistan ist schwierig – schwieriger als im Irak. In Afghanistan herrscht seit über 30 Jahren Krieg und Unterdrückung. Als Konsequenz davon ist die Wirtschaft am Boden und das Bildungsniveau schlecht: nicht einmal die Hälfte der Männer kann lesen (43,1%) und bei den Frauen sieht es mit 12,6% noch schlechter aus (Quelle: CIA World Factbook). Ein funktionierendes Rechtssystem fehlt weitgehend, ebenso eine nach westlichen Vorstellungen demokratisches Verständnis (unter König Mohammed Sahir Schah gab es 1965 und 1969 relativ freie Parlamentswahlen). Unter diesen Voraussetzungen eine Polizei, ein Rechtssystem und ein politisches System aufzubauen, stellt sich als besonders schwierig dar. Ursprünglich gab die erste Präsidentschaftswahl nach der US-Besetzung im Jahre 2004 mit einer Wahlbeteiligung von rund 70% und die deutliche Wahl von Hamid Karzai mit 55,4% Grund zur Hoffnung. Fünf Jahre später ist diese Hoffnung verflogen. Die Präsidentschaftswahl 2009 wies bloss noch eine Wahlbeteiligung von rund 35% auf, was sowohl auf das Desinteresse der Wahlberechtigten, wie auch auf eine drastisch verschlechterte Sicherheitslage zurückzuführen war (Quelle: Kenneth Katzmann, “Afghanistan: Politics, Elections, and Government Performance“, CRS Report for Congress, Congressional Research Service, 13.10.2010, p. 33). In den beiden in weiten Teilen von den Taliban beherrschten Provinzen Helmand und Kandahar war die Wahlbeteiligung mit teilweise nicht einmal 10% besonders tief (Quelle: Ben Farmer, “Afghanistan election: Hamid Karzai widens lead over Abdullah Abdullah“, Telegraph, 27.08.2009). Wie sich herausstellte waren Wahlfälschungen weit verbreitet: von den rund 4,6 Millionen abgegebenen Stimmen waren rund 1,3 Millionen gefälscht, wobei beinahe 1 Million der gefälschten Stimmen an Karzai gingen (Quelle: Archie Tse, “Audit Finds Almost a Quarter of Afghan Vote Is Fraudulent“, The New York Times, 20.10.2009). Karzai holte nach Abzug der gefälschten Wahlzettel zwischen 48% und 49,7% der Stimmen (je nach Quelle; vgl.: Kenneth Katzmann, “Afghanistan: Politics, Elections, and Government Performance“, CRS Report for Congress, Congressional Research Service, 13.10.2010, p. 34) und An Afghan National Army soldier places marks on a zeroing target to show another student where his shots were and what adjustments to make during the Basic Rifle Marksmanship Instructor Course at Kabul Military Training Center, Afghanistan, Nov. 06, 2010. (ISAF photo by U.S. Air Force Staff Sgt. Joseph Swafford)hätte sich einem zweiten Wahlgang stellen müssen, wenn sein Hauptkonkurrent Abdullah Abdullah (30,6% der Stimmen im 1. Wahlgang) auf einen 2. Wahlgang verzichtet hätte. Das beschämende Resultat wiederholte sich mit den Parlamentswahlen im September 2010: von (geschätzten) 17 Millionen Wahlberechtigten partizipierten nur 5,6 Millionen, was einer Wahlbeteiligung von rund 33% entspricht, wobei jedoch 1,3 Millionen dieser Stimmen im Nachhinein als ungültig erklärt wurden. Interessanterweise war am Wahltag noch von 3,6 Millionen abgegebenen Stimmen die Rede. Unabhängige Wahlbeobachter berichteten von systematischem Betrug an den Wahlurnen, Stimmenkauf, Einschüchterung der Wähler und von massenhaft gefälschter Stimmzetteln – Wahlfälschungen wurden sogar auf Videos festgehalten. (Quelle: “Plötzlich tauchen Zehntausende Stimmzettel auf“, Welt Online, 08.11.2010). Gemäss Gerber wurde die afghanische Regierung durch diese Wahlfälschungen diskreditiert und sie verlor weitgehend das Vertrauen der Bevölkerung. Diese Einschätzung ist jedoch zu pessimistisch, denn bei der Beurteilung der Wahlen in Afghanistan können kaum westliche Massstäbe herangezogen werden, denn nur schon die Tatsache, dass die Wahlen tatsächlich durchgeführt wurden und dass gefälschte Wahlzettel identifiziert bzw. als ungültig erklärt wurden, kann durchaus als Teilerfolg gewertet werden. Gemäss einer Meinungsumfrage der Asia Foundation vom 09.11.2010 sind 73% der afghanischen Befragten der Meinung, dass die Zentralregierung eine gute Arbeit macht (dies ist der höchste Wert seit 2007). Positiv schneiden die Bemühungen im Gesundheitssektor (63% positiv) ab, negativ die Bemühungen in der Schaffung von Arbeitsstellen (67% negativ) und im Kampf gegen die Korruption (69% negativ). Besonders hohes Vertrauen geniesst die afghanische Armee (91%) und die afghanische Polizei (79%). Das afghanische Parlament hat zwar nur das Vertrauen von 59% der Befragten, dies hängt jedoch weniger mit den Parlamentswahlen zusammen, sondern basiert auf der Meinung, dass das Parlament aus Eigennutz und nicht zu Gunsten Afghanistan handle (die gleiche Meinung vertreten die Befragten auch gegenüber den Gerichten und den NGOs). Bezüglich der Umfrage muss jedoch erwähnt werden, dass die Provinzen mit einer schlechten Sicherheitslage aufgrund fehlendem Datenmaterial unterrepräsentiert sind und sie deshalb in Bezug auf das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung nicht herangezogen werden kann.

Anzahl getötete Soldaten OEF (Afghanistan)

Wird die Anzahl der getöteten Soldaten in Afghanistan betrachtet, so hat sich die Sicherheitslage seit 2004 stetig verschlechtert. Gemäss dem “Report on Progress Toward Security and Stability in Afghanistan” vom April 2010 waren die afghanischen Aufständischen im Jahre 2009 am erfolgreichsten und auch wenn das obige Diagramm für das Jahr 2010 nur die Gefallenen bis anfangs November 2010 berücksichtigt, übersteigen die diesjährigen Zahlen diejenigen von 2009 bereits jetzt.

From a security standpoint the situation in Afghanistan is worse than at any point in the past nine years. Already 406 U.S. troops have been killed this year – if the trend continues, the highest annual death toll since the conflict began. A recent report by the Afghan NGO Safety Office (ANSO), a respected independent group that advises non-governmental organizations about the security situation in Afghanistan, paints a very different picture than the one described by U.S. officials. The authors conclude that the insurgency is in its ascendancy and describe it as “increasingly mature, complex and effective.” ANSO also reports that between July and September of this year Taliban attacks rose by 59 percent compared with the same period in 2009. One recent week in September saw 1,600 attacks across Afghanistan, 500 more than in the any previous week of the war. And in the north a third of the region’s provinces have seen significant increases in violence. — Michael A. Cohen, “Petraeus Versus Obama“, Foreign Policy, 29.10.2010.

Dies ist insbesondere bezüglich den hohen Erwartungen an die im Februar 2010 gestartete Operation Moshtarak ernüchternd. Mit dieser Operation will die ISAF in der Provinzen Helmand (bzw. mit Folgeoperationen in der Provinz Kandahar) die Vorherrschaft der Taliban durchbrechen. Mit einer gesamten Truppenstärke von 15’000 Mann handelt es sich dabei nicht nur um die bis dahin grösste Joint-Operation in Afghanistan, sondern mit dem “einpflanzen” von afghanischen Regierungsangestellten und Polizisten nach den militärischen Offensiveaktionen auch um einen neuen Ansatz, wie erkämpftes Gebiet gehalten werden soll. General Stanley A. McChrystal, bei Operationsbeginn noch Kommandant der ISAF und der US-Streitkräfte in Afghanistan brachte diesen Ansatz mit einem kurzen Statement auf den Punkt: “We’ve got a government in a box, ready to roll in” (Quelle: David E. Sanger, “A Test for the Meaning of Victory in Afghanistan“, The New York Times, 13.02.2010). Unterstützt werden die zivilen Elemente von Stabilisierungstruppen und Genieformationen, welche Sicherheit, Elektrizität und Wasser garantieren sollen. Die Operation Moshtarak läuft in drei Phasen ab: als erstes wurde die Bewegungsfreiheit der Truppe auf den wichtigsten Achsen sichergestellt und die Task Force in Kandahar verstärkt. In einer zweiten Phase wurde mit drei afghanischen Brigaden, unterstützt durch die Kollitionstruppen, Zentral-Helmand inklusive das Gebiet um Marja von Aufständischen gesäubert. Gestartet wurde diese zweite Phase mit der Verlegung von über 2’300 Soldaten auf dem Luftweg in den Raum Marja und nördlich davon. Parallel zu den ersten beiden Phasen wurden auch die militärischen Kräfte in der Provinz Kandahar verstärkt und mit Auslösung der dritten Phase (Operation Dragon Strike) Ende September begonnen, die Kontrolle in Kandahar ganz zu übernehmen und die Aufständischen zurückzudrängen. Auch wenn die Streitkräfte innert kürzester Zeit die Kontrolle über die Region Marja sicherstellen und die Taliban grösstenteil vertreiben konnten, werden die Truppen bis zum jetzigen Zeitpunkt beinahe täglich durch nadelstichartige “Hit and run”-Aktionen attackiert (Quelle: Jason Motlagh, “Afghanistan: How Well Is the U.S. Really Doing in Kandahar?“, Time, 09.11.2010). Der hartnäckige Widerstand der Aufständischen ist auch am verspäteten Start der 3. Phase zu erkenne, welche ursprünglich bereits für den Juni 2010 vorgesehen war (Quelle: Rod Nordland, “American and Afghan Troops Begin Combat for Kandahar“, The New York Times, 26.09.2010).

ISAF Concept of Operations

Alle militärischen Aktionen in den beiden Provinzen Helmand und Kandahar laufen über das Regional Command South (RC-South), quasi flankierend dazu bemüht sich das Regional Command East (RC-East) in den ost-afghanischen Provinzen um den Schutz der Bevölkerung sowie im Aufspüren bzw. Entschärfen von IEDs, im Zerschlagen von Taliban-Gruppierungen durch Festnahme bzw. Töten von aufständischen Führungskräfte und das Ausheben von Nachschubsdepots. Gleichzeitig führen pakistanische Streitkräfte in Koordination mit dem RC-East im pakistanischen Waziristan, in den Federally Administered Tribal Areas (FATA) und in der Northwest Frontier Provinz Operationen gegen die Rückzugsgebiete der Taliban durch. Dabei sind über 130’000 pakistanische Soldaten eingesetzt, wobei rund 100’000 dieser Soldaten von der pakistanisch-indischen Grenze abgezogen wurden. Dieses pakistanisches Engagement ist bemerkenswert, denn einerseits stellten die FATA bis mindestens 2004 ein Gebiet begrenzter Staatlichkeit dar, in welcher sogar die pakistanische Armee wenn immer möglich nicht interveniert, andererseits betrachtet die pakistanische Armee Indien immer noch als ein verfeindeter Staat (siehe dazu auch “Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen”: Teil 1, Teil 2). Gemäss dem “Report on Progress Toward Security and Stability in Afghanistan” scheinen die Aktionen des RC-East vielversprechend zu verlaufen und das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung nachhaltig zu verbessern. Neben diesen beiden Schlüsselaktionen sind die Streitkräfte auch im übrigen afghanischen Gebiet aktiv. Die ISAF unterstützt afghanische Truppen in Kabul bzw. östlich davon und konnte so die Anzahl grösserer Anschläge in der Hauptstadt verhindern, welche von den Aufständischen medial hätten ausgenutzt werden können. Im Norden ist die ISAF durch die Erschliessung neuer Nachschubslinien und durch die Verschiebung des operativen Schwergewichts in den Süden mit zunehmenden Attacken konfrontiert, welche insbesondere der Deutschen Bundeswehr zu schaffen machen. Im “Report on Progress Toward Security and Stability in Afghanistan” kaum erwähnt, sind die Einsätze der US-Spezialkräfte, die sich auf nächtliche Durchsuchungen (rund 200 pro Monat) und das Festnehmen bzw. Töten von aufständischen Schlüsselpersonen (368 Personen in den letzten 3 Monaten) spezialisiert haben. Auch wenn diese Aktionen notwendig sind, Sergeant Richie Burwell, 1 Royal Irish and Sergeant Mivullah Afghan National Army, check the route of the Afghan Army led patrol. The B Company of 1st Battalion The Royal Irish Regiment are forward mounted into Patrol Bases and Check Points within the Nad-e-Ali area of Helmand. The B Company supports an Afghan National Army Tolay (100 Afghan soldiers). This is a partnership; however the ANA take the main lead in all aspects, providing security to the population of Char-e-Mirza.so untergraben sie das Ansehen der ISAF bei der Bevölkerung, weshalb der afghanische Präsident Karzai eine Einstellung dieser Aktionen fordert (vgl. Amy Goodman, Jeremy Scahill und Rick Rowley, “Killing Reconciliation: Military Raids, Backing of Corrupt Government Undermining Stated US Goals in Afghanistan“, Democracy Now, 29.10.2010).

Besonders zu schaffen machen den Streitkräften die Geschwindigkeit und Entschlossenheit mit der die Aufständischen ihre Attacken ausführen, die mediale Verbreitung der Misserfolge der Streitkräfte bzw. der afghanischen Regierung und die Zunahme der IEDs. Seit dem Juni 2009 bis zum Mai 2010 lag die Anzahl der IEDs monatlich zwischen 800-1’100 Stück (mehr als die Hälfte entfallen auf das Gebiet des RC-South), wobei jedoch “nur” rund 250 monatlich tatsächlich explodiert sind. Aufgrund explodierter IEDs starben in diesem Zeitraum 30-35 Soldaten monatlich und rund 215 wurden verwundet. Zum Vergleich: am Höhepunkt des Irakkriegs von Mitte 2006 bis Mitte 2007 lag die Anzahl der IEDs 2-2,5 Mal höher, wobei die Anzahl der tatsächlich explodierten IEDs ungefähr auf dem gleichen Niveau lag. Aufgrund explodierter IEDs starben in diesem Zeitraum im Irak rund 60 Soldaten monatlich und rund 430 wurden verletzt (Quelle: Anthony H. Cordesman, Marissa Allison, Vivek Kocharlakota, Jason Lemieux, Charles Loi, “Afghan and Iraqi Metrics and the IED Threat“, Center for Strategic and International Studies, 10.11.2010). Die vielversprechenste Strategie der Streitkräfte und der Regierung liegt darin das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und so die Unterstützung der Aufständischen langfristig zu unterbinden. Dass dies bis jetzt nicht gelungen ist, zeigt sich unter anderem an den erfolglosen Versuchen mit den Taliban Friedensgespräche aufzunehmen – der Druck auf die Taliban ist dazu noch nicht ausreichend. Deshalb ist es wichtig, dass die Streitkräfte die offensiven Aktionen auch während des Winters weiterführen, um den Taliban ihre jährliche Erholungsphase während den Wintermonaten zu verwehren.

Security and stability conditions in the 80 Key Terrain districts and 41 Area of Interest districts are presently far from satisfactory. — “Report on Progress Toward Security and Stability in Afghanistan“, Departement of Defense, April 2010, p.34.

Auch wenn die Lage in Afghanistan derzeit nicht zuversichtlich stimmt, so ist der Krieg in Afghanistan noch nicht verloren. Die momentanen Probleme sind Konsequenzen eines halbherzigen militärischen Engagaments zwischen 2001-2009, den gebundenen Mitteln im Irakkrieg, den von den internationalen Partnern nur sehr zurückhaltend gestellten Truppenkontingente und den nationalen Vorbehalten, welche einen umfassenden Einsatz dieser Truppenkontingente teilweise verunmöglichte. Erst mit General Stanley A. McChrystal bekam der Krieg in Afghanistan wieder mehr Aufmerksamkeit. Im September 2009 verlangte er in einem Bericht an den US-Verteidigungsminister Robert Gates einen Strategiewechsel zu Counter-Insurgency (COIN) Operationen, welche den Schutz der Bevölkerung ins Zentrum stellen, verbunden mit einer massiven Truppenerhöhung. Um seiner Forderung mehr Gewicht zu verschaffen, veröffentlichte McChristal seinen Bericht, was ihm viel Kritik einbrachte. Ausserdem mussten die verfolgten Ziele in Afghanistan nach unten korrigiert werden, denn das ursprüngliche Vorhaben eine westliche Demokratie einzuführen, stellte sich als unrealistisch heraus. Heute geht es darum, der Bevölkerung weitgehend ein Leben in Sicherheit zu ermöglichen, eine möglichst anständige Regierung mit grundlegenden Institutionen aufzubauen, die Stammesstrukturen möglichst positiv miteinzubeziehen und eine nachhaltige Entwicklung einzuleiten (vgl. Stephen Biddle, Fotini Christia, und J Alexander Thier, “Defining Success in Afghanistan“, Foreign Affairs, 89:4, Juli/August 2010, p.48-60). Die Aufrechterhaltung der Sicherheit, die Bekämpfung der Aufständischen, des Terrors und des Drogenanbaus ist mittelfristig hauptsächlich den Afghanen selber zu überlassen.

I don’t think that anyone is under any illusion that we’re going to turn Afghanistan into Switzerland in five years or less. President Obama has said that our aspirations should be realistic. We are not going to turn one of the poorest countries in the world, that was plunged into 30 years of war, into an advanced, industrialized, Western-style democracy. What we want to achieve is Afghanistan’s capacity to secure and govern itself. — General David Petraeus in einem Interview mit Ullrich Fichtner, Spiegel, 19.09.2010.

Im Irak führte die Einbindung der Suniten (Sons of Iraq) zu einer deutlichen Verminderung der Unterstützung der al-Qaida in Irak und zu einer Zunahme des Vertrauens in der Bevölkerung. Wenn auch das afghanische Stammessystem viel komplexer ist, verfolgt die “Local Defense Initiative” einen ähnlichen Ansatz. Shuras (eine Art Dorfrat) stellen dabei mit Unterstützung der US Spezialkräften eine bewaffnete Bürgerwehr auf. Die US Spezialkräften trainieren bzw. betreuen diese Bürgerwehren und stellen eine Kooperation mit der afghanischen Streitkräften sicher. Auch wenn mit diesem Projekt einige Risiken verbunden sind (beispielsweise könnte zwischen zwei verfeindeten Stämmen bewaffnete Konflikte ausbrechen), zeigt die Erfahrung aus dem Irak, dass es sich dabei um ein vielversprechender Ansatz handelt.

Auch der Aufbau der afghanischen Armee und der afghanischen Polizei wird vorangetrieben. Seit 2009 wurde die Ausbildung und das Training von afghanischen Soldaten stark verbessert und das zahlenmässige Verhältnis zwischen Ausbildern und Auszubildenden beinahe verdoppelt (auch wenn es immer noch zu wenig Trainer gibt). Damit verbunden ist eine Grundausbildung in Lesen und Schreiben. Afghanische Offiziere werden nun auch tatsächlich im Feld eingesetzt und nicht wie in den vorhergehenden Jahren in Kabul zurückbehalten. McChrystal war die massgeblich treibende Kraft, dass afghanische Verbände mit den internationalen Truppen integriert eingesetzt werden. Dies gibt den afghanischen Streitkräften zusätzliches Vertrauen und der ISAF die Möglichkeit zusätzlicher Betreuung (Quelle: Michael O’Hanlon, “Staying Power: The U.S. Mission in Afghanistan Beyond 2011“, Foreign Aiffairs, 89:5, September/Oktober 2010, p.70ff). Bis Ende März 2010 verfügte die afghanische Armee über 113’000 ausgebildete Soldaten, die afghanische Polizei über 102’000 Polizisten. Bis Oktober 2010 sind 171’600 Soldaten und 134’000 Polizisten vorgesehen. Dies ist insbesondere deshalb von Bedeutung, weil der US-Präsident Barack Obama ab dem Juli 2011 mit einem stetigen Truppenabzug beginnen will, wobei die Übergabe der kompletten Verantwortung an die afghanischen Sicherheitsbehörden für 2014 vorgesehen ist.

Nebst der Verbesserung der Sicherheitslage darf die ökonomische Entwicklung nicht aus den Augen gelassen werden, denn momentan kann der afghanische Staat nicht mit eigener Kraft für seine Kosten aufkommen. Für die afghanische Armee sind langfristig Kosten von 2,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr budgetiert – 2008 konnte die afghanische Regierung zu diesen Kosten nur grad 320 Millionen US-Dollar beisteuern (Quelle: Steve Bowman und Catherine Dale, “War in Afghanistan: Strategy, Military Operations, and Issues for Congress“, CRS Report for Congress, Congressional Research Service, 08.06.2010, p.64). Im Gegensatz zum Irak besitzt Afghanistan zwar kein Erdölvorkommen, jedoch andere Bodenschätze, die als Grundlage für ausländische (insbesondere chinesische) Investitionen dienen könnten. Ein Beispiel dafür ist ein chinesisches Kupferabbau-Projekt in Aynak in der Logar-Provinz, welches momentan wegen Sicherheitsbedenken zwar in Verzug ist, aber langfristig 3’000 Arbeitsplätze, 300 Millionen US-Dollar staatliche Einnahmen, Infrastruktur und Kraftwerke generieren soll. Ein weiteres Schwergewicht ist auf den Ausbau der Agrarwirtschaft zu legen, weil damit die eigenständige Versorgung der Bevölkerung sichergestellt und mit entsprechenden Abkommen Exporte in die umliegenden Staaten sowie nach Indien ermöglicht werden kann. Ausserdem könnten die ausländischen Streitkräfte in Afghanistan vermehrt einheimische Erzeugnisse kaufen, was nicht nur den notwendigen Import von Gütern für die Streitkräfte verringern, sondern auch zusätzlich Geld ins Land bringen würde. Mit geeigneten Programmen und finanziellen Anreizen könnte damit auch ein Wechsel vom Drogenanbau zum Anbau anderer landwitschaftlichen Gütern erreicht werden.

Update vom 26.11.2010
Der unabhängige Filmemacher Rick Rowley (Big Noise Films) war diesen Sommer in Afghanistan und zeigt in einem 7-minütigen Video-Clip einige Schwierigkeiten auf, mit welchen die US-Truppen in Helmand konfrontiert sind. Der sich kritisch äussernde zivile Interviewpartner in Rowleys Clip ist Andrew Bacevich, Professor für Internationale Beziehungen der Universität Boston und ein ehemaliger Oberstlt der US Army. Er kritisierte die Bush Doktrin der preemptiven Interventionskriege, somit auch die US-Invasion im Irak und die massive Truppenaufstockung 2007 im Irak. Dementsprechend steht er der Truppenaufstockung im Irak kritisch gegenüber. Sein Sohn, ebenfalls ein Offizier der US-Army starb im Mai 2007 auf einer Patrouille im Irak.

Hauptquelle
Report on Progress Toward Security and Stability in Afghanistan“, Departement of Defense, April 2010.

Weitere Informationen

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