Raketenschutzschild der NATO im Osten: Putins Ärger

von Oberst aD Gregor Anton Roos, ehemaliger Verteidigungsattaché in Wien, Belgrad und Prag.

Radar, Rechner und Raketen der NATO auf dem Militärstützpunkt Deveselu bei Bukarest: Mitte Mai wurde im Beisein von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg in Rumänien ein neues Raketenabwehrsystem in Betrieb genommen. Russland hat mit heftiger Kritik reagiert.

raketenabwehr

Aus der Sicht der NATO
Für Stoltenberg ist die Inbetriebnahme ein wichtiger Schritt, weil es das erste System dieser Art an Land ist, das in Europa in Dienst geht. Es vereint die drei R (Radar, Rechner und (Abfang-)raketen). Wenn die Staats- und Regierungschefs heute in Warschau zum NATO-Gipfeltreffen zusammenkommen, können Fortschritte beim 2010 in Lissabon auf US-Betreiben beschlossenen Aufbau einer NATO-Raketenabwehr als Speerspitze realisiert werden. In Warschau soll das Projekt weiter vorangetrieben werden und ab 2020 vollständig zur Verfügung stehen.

Schon jetzt sind im spanischen Rota vier US-Schiffe mit Raketenabwehrsystemen im Einsatz. Hinzu kommt eine Frühwarn-Radarstation in der Türkei. Die Kommandozentrale befindet sich auf dem US-Stützpunkt in Ramstein in Deutschland. Schon im Jahre 2018 soll in Polen eine weitere Anlage dieser Art in Betrieb gehen (siehe Graphik Raketenabwehr der NATO).

Das alles diene dem Schutz der Bevölkerung vor den zunehmenden Bedrohungen durch die Verbreitung von ballistischen Raketen aus dem Iran und dem Nahen Osten, wie auf dem NATO-Gipfel 2014 in Wales festgehalten wurde.

Als Wende im Jahre 2014 und als Reaktion auf die Annexion der Krim und den von Russland geschürten Krieg in der Ostukraine hatte die Allianz die praktische Zusammenarbeit mit Russland eingestellt und sich wieder auf Abschreckung in Richtung Osten eingestellt. Es gehe um den Schutz der östlichen Bündnispartner vor einer russischen Aggression angesichts der NATO-Osterweiterung, wobei die Aufnahme des Balkanstaates Montenegro am 19. Mai 2016 beschlossen wurde. In ihrer Beziehung zu Russland kommt aber Bewegung, da beschlossen wurde, den NATO-Russland-Rat einzuberufen und zweigleisig zu agieren: Abschreckung verbunden mit politischem Dialog.

Aus der Sicht Russlands
Der russische Präsident Wladimir Putin sieht in den Schutzschildplänen der NATO eine Unterminierung der globalen Stabilität und die Gefährdung des bei den Nuklearraketen bestehenden Gleichgewichtes. Er sieht darin einen Akt der Feindseligkeit, welcher gegen sein Land gerichtet sei und betrachte dies als “Streben nach absolutem Triumph“. Für Russland ist dies der willkommene Anlass, das eigene Atomwaffenarsenal aufzurüsten. Dabei betonen russische Armeeexperten, der Raketenschirm der NATO könne den strategischen russischen Atomwaffen kaum etwas anhaben. Die neuen russischen “Hyperschall-Raketen” würden alle Abwehrschilde in Europa wie in den Staaten nivellieren. Es sei unmöglich, diese tonnenschweren Meteoriten aufzuhalten, die mit 15-facher Schallgeschwindigkeit vom Himmel stürzen wie die X-101-Luft-Boden-Raketen der Tu-160-Bomber. Und gemäss Aussagen des Kommandeurs der Raketenstreitkräfte, Generaloberst Sergei Karakajew, werde man den Anteil moderner Raketen bis 2022 von heute 56% auf 100% steigern. Die schweren ballistischen Satan-Raketen würden durch Jars-, Bulawa- und vor allem Sarmat-Komplexe ersetzt, die als eigentliche “Raketenabwehrkiller” gelten und allen westlichen Gegenstücken um 30 Jahre voraus seien.

Russland rüstet weiterhin auf: Bis zum Jahre 2020 sollen die russischen Landstreitkräfte mehr als 11’000 neue gepanzerte Kampffahrzeuge sowie rund 14’000 weitere Militärfahrzeuge erhalten.

[…] it is important to keep in mind that Gerasimov is simply explaining his view of the operational environment and the nature of future war, and not proposing a new Russian way of warfare or military doctrine, as [Gerasimov’s] article was likely drafted well before the start of the Maidan protests. — Charles K. Bartles, “Getting Gerasimov Right“, Military Review 96, January-February 2016, p. 31.

“Gerasimov-Doktrin”
General Wladimir Gerasimov ist seit 2012 Generalstabschef der russischen Streitkräfte. Seine “Eckwerte der Gerasimov-Doktrin” sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Sie fanden zum Teil bereits Anwendung in der Ost-Ukraine, wo Russland den Krieg schürt, und bei der Annexion der Krim. Diese “Doktrin” zeigt klar auf, wie strategisch und taktisch gegenüber einem Angreifer oder gegen Terroristen vorgegangen werden soll.

Gemäss Jānis Bērziņš, Direktor des Center for Security and Strategic Research der National Defence Academy of Latvia können sie wie folgt dargestellt werden (Jānis Bērziņš, “Russia’s New Generation Warfare in Ukraine: Implications for Latvian Defense Policy“, National Defence Academy of Latvia, Center for Security and Strategic Research, Policy Paper, no. 2, April 2014, p. 4; diese Sichtweise wird offensichtlich auch vom Chef der Armee, Korpskommandant André Blattmann geteilt):

  • Start der militärischen Operationen zu Friedenszeiten durch bewaffnete Gruppen (keine Kriegserklärung);
  • Führung der Kräfte im Rahmen einer gemeinsamen Informationssphäre;
  • Bewaffnete Zusammenstösse zwischen hoch-mobilen gemischt regulär-irreguläre Gruppierungen;
  • Vernichtung des gegnerischen militärischen und wirtschaftlichen Potentials durch kurzfristige präzise Schläge gegen strategische militärische und zivile Infrastruktur;
  • Simultane Angriffe auf die gegnerischen Kräfte und die gegnerische Infrastruktur im gesamten Territorium;
  • Massiver Einsatz von hochpräzisen Waffen und SOK, Robotern und Waffensystemen, die nach “neuen” physikalischen Prinzipien wirken (Laser, Strahlung etc.);
  • Einsatz von bewaffneten Zivilisten (vier Zivilisten auf einen Militärangehörigen);
  • Simultaner Kampf zu Lande, zu Wasser, in der Luft und in der Informationssphäre;
  • Einsatz unkonventioneller und indirekter Aktionsformen.

Weitere Informationen
Gemäss Charles K. Bartles, russischer Linguist und Analyst am Foreign Military Studies Office am Fort Leavenworth sei die westliche Auffassung falsch, dass es sich bei der “Gerasimov-Doktrin” um eine neue Art der russischen Kriegsführung und um eine neue russische Militärdoktrin handle. Seine Ausführungen würden bloss seine persönliche Sichtweise auf das operationelle Umfeld und auf die Natur zukünftiger Kriege erklären (siehe Zitat oben).

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5 Responses to Raketenschutzschild der NATO im Osten: Putins Ärger

  1. Thorben Meyer says:

    Bleibt die Frage: Warum dann die Beschwerden? Objektiv ist es derzeit nicht möglich, sich gegen ein erstrangiges Atomarsenal wie das der USA oder Russlands effektiv zu schützen. Also warum regt sich Russland so sehr auf?

  2. Sebastian Diehl says:

    Das Rakettenabwehrschild war/ist ja angeblich gegen Raketten aus “Rogue-States”, wie dem Iran und Nordkorea gerichtet. Eine Argumentation Russlands nach dem Iran Deal ist ja das dies nun nicht mehr nötig sei, zumindest für die Ostflanke der NATO. Das hört sich oberflächlich nach einem gutem Argument an, aber Iran schaft ja nicht seine Raketten ab, und andere besorgen sich weiter Raketten. Davon abgesehen, das sich die politische Situation ändern kann, und zwar schneller als man so ein Rakettenschild aufbauen kann. Desweiteren geht es hier um ein ABWEHRschild, und nicht um ein System das zum Angriff benutzt werden kann.

    Die russische Sicht ist natürlich dass das System auch gegen ihre Raketten benutzt werden kann, und der NATO einen Vorteil gegenüber Russland in dem Abschreckungsgleichgewicht gibt. Die neuen Hyperschallraketten werden ja hauptsächlich als Reaktion auf das Schild gebaut. Was Russland nicht versteht ist das die NATO bis zur Krim Krise garnicht mehr um eine Abschreckung Russlands besorgt war. Ist jedenfalls meine Sicht, denn sonnst hätte man ja wohl kaum zugestimmt das man in den neuen Ostmitgliedern keine Truppen stationieren darf/werde. Oder hätte in Europa über Jahrzehnte die Verteidigungsausgaben stark vernachlässigt. Das Russland weiter an einem Gleichgewicht der Abschreckung interessiert ist, bzw. diese für nötig hält sagt ja schon einiges. Man hätte vor der Krim Krise wohl vergeblich nach einem deutschen Politiker oder gar Soldaten gesucht der der Meinung wäre das eine weitere Abschreckung Russlands nötig sei. Auch jetzt nach der Krim Sache gibt es reichlich Leute die dies nicht nur für unnötig, sondern für kontraproduktiv halten. (Kommischerweise oft Linke die eigentlich grundsätzlich gegen das ganze Konzept eines Gleichgewichts der Abschreckung/Schreckens sind.)

    Es gibt natürlich so einige die behaupten dass das mit der Bedrohung durch den Iran etc. nur ein Vorwand sei der vorgeschoben werde um den wahren Grund des Abwehrsystems zu verschleiern. Wenn das Rakettenabwehrschild wirklich gegen Russland gerichtet ist dan würde man dieses jetzt aufrüsten, bzw. hätte von Anfang an es so gebaut das es auch diese Hyperschall-Raketten hätte abschiessen können. Problematisch ist jetzt natürlich das jetzt wo Russland wieder eine Bedrohung darstellt das es vielleicht Stimmen geben wird die dafür plädieren das System aufzurüsten damit es auch diese Hyperschallraketten abfangen kann. Einerseits logisch, anderseits würde dies dan Russland und die Kritiker des Systems in ihrer Sicht bestätigen. Da allerdings meiner Meinung nach keine Bedrohung durch Russlands Raketten besteht gibt es keinen Grund das System aufzurüsten. Davon abgesehen das die NATO mit der konventionellen Abschreckung/Aufrüstung am Boden schon Probleme hat.

    Thorben macht oben natürlich die richtige Beobachtung das wenn dieses System nicht gegen Hyperschallraketten funktioniert, und es sogar für die nächste Zeit nicht möglich ist so ein System zu bauen, wozu dann die ganze Aufregung seitens Russlands? Erstmal muss man natürlich drauf hinweisen das die Aufrüstung auf Hyperschallrakaten eine Reaktion der Russen auf dieses Schild ist, zumindest teilweise, da sie davor ja schon welche hatten. Um das vorherige Abschreckungsgleichgewicht zu erhalten war Russland also dazu “gezwungen” Aufzurüsten. Allerdings wieso ein Abwehrschild bauen das nicht alle Raketten abwehren kann, und das relativ leicht umgangen werde kann in dem Russland einfach, wie jetzt der Fall, mehr Hyperschallraketten baut?

    Allerdings, wie ich oben schon angedeutet habe kann man diese grundsätzliche Haltung selbst hinterfragen. Mir ist nicht bekannt das zB. die Chinesen über dieses System besorgt sind. Die USA bauen ja auch eine Station in Alaska. Und dadurch das die chinesischen Raketten weiter weck sind ist das System effektiver. Das erinnert mich an ein Argument dass das System soweiso nicht gegen russische Raketten funktionieren würde da die Warnzeit zu gering wäre, aufgrund der Nähe der russischen Raketten. Erklärt übrigens auch warum Russland damit droht in Kaliningrad/Königsberg Raketten zu stationieren. Allerdings ob Kaliningrad oder St. Petersburg, ist wohl ziemlich egal. Aber zurück zu der Notwendigkeit eines Gleichgewichts der Abschreckung, wärend der Krim Krise wurde beklaggt das Russland noch immer in realpolitischen Machtgleichgewicht und Einflusszonen wie im 20ten Jahrhundert denken würde. Fragt sich natürlich ob man diese Kritik ernstnehmen kann angesichts zumindest des Handels der USA. Also mMn wäre es schwer zu argumentieren das die USA nicht real- und machtpolitisch Denken und Handeln. Bei den Europäern, grade den Deutschen ist das wieder etwas anderes. Allerdings muss man hier drauf hinweisen das es bei dem europäischem Friedensprojekt darum geht innerhalb Europa’s, also untereinander nicht Machtpolitisch zu handeln. Also Deutschland konkurriert da nicht mit Frankreich, oder Polen. Aus Sicht der Europäer, zumindest der westlichen, war Russland durch die OECD, NATO-Russland Rat etc. in diesem Projekt und System mit eingebunden. Grade aus deutscher Sicht war dies ja wünschenswert, bzw. das Ziel. Stichwort Wandel durch Handel und enge Partnerschaft mit Russland. Ist jedenfals mein Eindruck.

    Ein weiterer verkomplizierender Faktor ist das Russland sich weiter als Grossmacht sieht die denn Respekt, bzw. eine Behandlung verdient wie wärend UdSSR Zeiten. Ich erinnere mich in einem der Scholl-Latour Bücher gelesen zu haben das Russland mit dem EU Partnerschafts, bzw. Assoziierungs Angebot/Prozess nicht zufrieden war da Russland den gleichen Prozess wie jedes andere Land durchlaufen musste. Die Sicht aus Moskau war das Russland eben nicht irgend ein Land wäre sondern eine Grossmacht, und dem entsprechend eine Sonderbehandlung verdiene. Ich glaube also dass das russische Ego bei diesem ganzem Konflikt eine grosse Rolle spielt, und das Moskau auch innereuropäisch noch immer in Machtpolitischen und Gleichgewicht Strukturen denkt. Von den Spannungen gar nicht zu sprechen die zwischen einem autokratischem und demokratischem System entsehen.

  3. Um den russischen Standpunkt zu verstehen, kann nicht aus der westlichen Sichtweise argumentiert werden. Im Gegensatz zu den eher vom Liberalismus geprägten westlichen Staaten, betrachtet Russland die Internationalen Beziehungen aus einer neorealistischen Perspektive, bei der Macht, Machtverschiebungen, den eigenen relativen Machtverlust und dementsprechende Kompensationsmöglichkeiten im Zentrum stehen (siehe Patrick Truffer, “Strategic rearmament of the Russian armed forces after end of the Cold War“, offiziere.ch, 09.09.2015).

    Das war nach dem Kalten Krieg nicht immer so, doch der darauf folgende Machtverlust sowie der wirtschaftliche und sozial-gesellschaftliche Zusammenbruch welchem der russische Präsident Boris Jelzin hilflos gegenüber stand und bei welchem der Westen keine helfende Hand reichte, verhärtete den Eindruck, dass die Staaten im internationalen Staatensystem nur sich selber helfen können. Nicht ohne Grund nannte der russische Präsident Vladimir Putin den Zusammenbruch der Sowjetunion bei seiner jährlichen Ansprache an die Föderationsversammlung 2005 “a major geopolitical disaster of the century“. (Mike Bowker und Cameron Ross, “Russia After the Cold War“, Routledge, 2000, S. 264, 336f).

    Entscheidend für das russische Misstrauen gegenüber dem Westen war insbesondere das Jahr 1999: Gegen den Widerstand Russlands fand die erste NATO-Osterweiterung statt. Quasi als Ausgleich dazu wurde im Mai 1997 die NATO-Russland-Grundakte unterschrieben. Russland erhoffte sich damit eine Kooperation auf Augenhöhe und ein Mitspracherecht. Dass die NATO dazu keineswegs bereit war zeigte sich bereits 12 Tage nach der NATO-Osterweiterung mit der Operation “Allied Force”. Ohne Autorisierung des UN-Sicherheitsrats und entgegen dem Willen Russlands bombardierte die NATO Ziele in der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien, welche militärtechnologisch, kulturell, religiös und teilweise auch ideologisch mit Russland verbunden war.

    Nicht zu vernachlässigen war auch die Signalwirkung der neu im NATO Strategic Concept 1999 festgeschrieben Möglichkeit der “out-of-area” Einsätze. Aus Sicht Russlands war damit die NATO bereit, auch in Zukunft ohne Berücksichtigung des UN Sicherheitsrates, offensive ausserhalb des territorialen Bereichs der Mitgliedsländer mit technologisch hochstehenden und im Einsatz sehr effektiven Präzisionswaffen, die Interessen ihrer Mitgliedsstaaten durchzusetzen, die mit den Interessen Russlands nicht zwangsläufig deckungsgleich sind. Aus Sicht Russlands handelte es sich bei der NATO nicht um ein Verteidigungsbündnis, sondern um ein offensives militärisches Sicherheitsinstrument des Westens – insbesondere auch der USA. Diese Sichtweise ist in Russland bis heute vorherrschend. Damit hat die NATO viel Vertrauen gegenüber Russland verspielt und basierend auf der russischen Sichtweise erstaunt es nicht, dass die NATO als Bedrohung aufgefasst wird.

    Sowohl die neorealistische Sicht auf die Internationalen Beziehungen wie auch das fehlende Vertrauen beeinflusst Russlands Beurteilung des NATO Raketenabwehrschilds. Die NATO kann noch so lange beteuern, dass dieses Raketenabwehrschild nicht gegen russische Raketen aufgestellt wird — so lange Russland der NATO keinen Glauben schenkt, bringen diese Beteuerungen nichts. Wer garantiert denn, dass das Raketenabwehrschild langfristig nicht so umgebaut wird, dass es eine massive Zweitschlagsfähigkeit Russlands aushebeln kann?

    Deshalb hat die NATO Russland zur Zusammenarbeit beim Aufbau des Raketenabwehrschildes eingeladen. Anfänglich war der russische Präsident Dmitry Medvedev grundsätzlich positiv eingestellt:

    President Medvedev reiterated Russia’s readiness to assume responsibility for maintaining strategic stability and security, including by creating a European-wide missile defence system, as declared in Lisbon. The messages note that a European missile shield will be truly effective and viable only if Russia participates as an equal partner, and stress the need to ensure that missile defence structures deployed in Europe do not undermine strategic stability nor are directed against any of the parties. — Dmitry Medvedev, “Messages to heads of state of Russia-NATO Council members“, President of Russia, 14.05.2011.

    Medvedev machte jedoch auch von Anfang an klar, dass Russland bei diesem Raketenabwehrschild als gleichberechtigter Partner eingebunden werden will — eine Forderung, welche bei den USA beispielsweise hinsichtlich Technologietransfer, Befehlsgewalt und Kommandostruktur nicht auf offene Ohren stiess (Oliver Thränert und Daniel Trachsler, “Nato und Raketenabwehr“, CSS Analysen zur Sicherheitspolitik, Nr. 86, Dezember 2010, S. 3.; Eric Gujer, “Neue Töne aus Moskau“, NZZ, 10. Dezember 2010, S. 23).

    Our participation [in the missile-defense system] should be absolutely equal. Either we participate in full, exchange information, answer for the resolution of this or that problem, or we don’t participate at all. But if we don’t participate at all, then, for obvious reasons, we will have to defend ourselves.” — Dimitri Medvedev zitiert in Simon Shuster, “NATO and Russia Mend Fences After Years of Tension“, Time, 24.11.2010.

    Trotz aller öffentlichen Verlautbarungen hatten schliesslich weder die USA noch Russland an einer gleichberechtigten Zusammenarbeit beim NATO-Raketenschutzschild ein Interesse. Auf Seite der USA ist man an keiner dominanten Stellung Russlands in der europäischen Sicherheitsarchitektur interessiert. Auf Seite Russlands wird wegen der neorealistischen Sichtweise möglichst alles unternommen um einen relativen Machtzuwachs des Westens zu verunmöglichen.

    Fazit
    Wegen dem fehlenden Vertrauen kann es bezüglich des NATO-Raketenabwehrschildes durchaus sein, dass Russland eine langfristige Gefährdung seines nuklearen Zweitschlagspotentials befürchtet. Vermutlich geht es Russland bei seinem vehementen Protest gegen das Vorhaben jedoch mehr um die Verhinderung eines relativen Machtzuwachs des Westens bzw. um die Rechtfertigung der Erneuerung und des Ausbaus seines eigenen strategischen und nuklearen Arsenals.

  4. Peter Hofmann says:

    Gerasimov fasst einfach nur das Vorgehen der NATO in Libyen zsammen.

  5. European Air and Missile Defense after Warsaw” von Tom Karako, Senior Fellow am Center for Strategic and International Studies, ist ein interessanter, weiterführender Artikel zur ganzen Raketenschutzschild-Thematik.

    Karako argumentiert darin, dass das NATO-Raketenschutzschild zwar nicht auf die strategischen Nuklearwaffen Russlands ausgerichtet sei, doch bei nicht strategischen Systemen durchaus einen Schutz vor russischen Flugkörper aufbauen könnte. Da Russland mit dem Einsatz eines S-400 Triumf (SA-21 Growler) Systems insbesondere die Türkei piesackt, fassen die russischen Streitkräfte ein grossflächig wirksames Raketenschutzschild in der Nachbarschaft sicherlich auch als Einschränkung der eigenen Handlungsfreiheit auf. Vielleicht geht es Russland also weniger um die Gefährdung seines strategisch-nuklearen Potentials sondern mehr um Bedenken über mögliche langfristige Einschränkung seines nicht-strategischen Potentials.

    Folgend einige Auszüge aus dem Artikel (mit Verlinkungen und Markierungen ergänzt):

    […] Besides ballistic missile threats from Iran, NATO now faces a more complex threat consisting of cruise missiles, unmanned aerial vehicles (UAVs), aircraft, maneuvering or hybrid ballistic missiles, and robust air defenses. Of particular concern are Russia’s S-300 and S-400Russia’s own air and missile defense network. […]

    [..] The development of a robust European IAMD [(Integrated Air and Missile Defense network)] would not be inconsistent with past NATO pronouncements. Indeed, past NATO statements and documents have used special care to steward exactly this kind of flexibility. Every summit declaration since 2010 has reaffirmed that U.S. and NATO limited missile defense deployments are not intended to defeat what the West considers to be Russia’s strategic nuclear forces or to affect the strategic balance with Russia. This does not, however, preclude robust lower-tier defenses for nonstrategic air and missile threats.

    A path toward more capable defenses begins with NATO’s 2010 Strategic Concept declaration that the alliance will maintain “the full range of capabilities necessary to deter and defend against any threat” and with its commitment to continue review and take “into account changes to the evolving international security environment.”

    While stopping short of endorsing it, the Warsaw Communiqué hints at the need for this Russia-directed IAMD. To be sure, NATO has thus far refrained from trying to actualize this potentiality. The 2012 Deterrence and Defense Posture Review (DDPR), for instance, stated that “NATO missile defence is not oriented against Russia.” The communiqué likewise observes that NATO missile defense is not “directed” against Russia and that current efforts are only “intended to defend against potential threats emanating from outside the Euro-Atlantic area.”

    Given NATO’s incorporation of missile defense as a core mission and the principle to defend against any threat from any direction, what, after all, does it mean for missile defenses to be or not be “oriented” or “directed” at some particular entity? Purely defensive systems are not aimed at any particular entity, but rather designed to protect against threats aimed at them. It so happens that Russia is an outside entity now aiming lots of threats at NATO, from many directions, and from both within and outside the Euro-Atlantic area.

    Nor would a robust IAMD designed to deter nonstrategic Russian threats be inconsistent with U.S. policy. The 2010 Ballistic Missile Defense Review (BMDR), for instance, arguably encourages such a posture. Such steps would be consistent with the second highest priority expressed in the BMDR, to “defend U.S. deployed forces from regional missile threats while also protecting our allies and partners.” Neither in the BMDR nor elsewhere has the United States said that defenses will stand down if attacked by Russian missiles. To do so would be contrary to the long-running principled opposition to “reject any negotiated restraints” on missile defenses. Indeed, while noting the severely limited capacity to deal with a deliberate Russian attack, the BMDR suggests that even the United States’ homeland missile defenses could be used against a stray launch of a long-range Russian missile. […]

    […] Although SM-3s [(Standard Missile-3)] are ill-suited to defeat Iskanders or Kalibrs, a lower-tier supplement to EPAA [(European Phased Adaptive Approach)] might well be integrated with Aegis Ashore facilities. Besides themselves requiring and providing air defense, Aegis Ashore could help stitch together sensors and shooters distributed across NATO. Each Aegis Ashore site may be able to manage considerably more Mark 41 Vertical Launching System (Mk 41 VLS) launchers than the current 24 — destroyers have 96 cells, cruisers have 122. Instead of simply more SM-3s, additional tubes might hold SM-6s or a spectrum of other effectors, just as Aegis ships afloat carry mixed loads. NATO’s Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence (ALTBMD) command and control network would almost certainly play a part. The U.S. Army’s development of the integrated air and missile defense battle command system (IBCS) could also support multinational and multisystem integration.

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