Ein Rückblick auf die militärische Katastrophenhilfe in Haiti

Die UNO bezeichnete das Erdbeben in Haiti vom 12. Januar 2010 als grösste Katastrophe ihrer Geschichte. Die weitgehende Zerstörung der Hauptstadt, der politischen und zivilen Infrastrukturen inklusive der UN Mission MINUSTAH führte zu einem komplett hilflosen haitianischen Staat. Gemäss UNO waren rund zwei Millionen Haitianer auf Soforthilfe angewiesen, drei Millionen werden in den kommenden sechs Monaten Unterstützung brauchen. Eine solche Aufgabe überfordert nicht nur die UNO, sondern auch zivile Hilfsorganisationen. Militärische Organisationen verfügen über Manpower und schwere Geräte, welche personelle sowie materielle Lücken verkleinern können. Gemäss einem “Joint Communique of the Governments of the United States and Haiti” vom 17. Januar 2010 begrüsste der haitianische Präsident René Préval die amerikanische humanitäre Hilfe. Ohne militärische Katastrophenhilfe wäre der Flughafen von Port-au-Prince kaum so effektiv ausgelastet, kaum Teile des Hafens und der Strassen benutzbar, kaum ein umfassendes Bild der Lage durch Luftaufklärung erstellt, kaum so viele Verpflegungsrationen bzw. Wasserflaschen verteilt und vielleicht auch kaum die jetzige ruhige Lage erreicht worden. Bei einer solch grossen Katastrophe nicht erstaunlich, ist auch das Militär nicht vor Kommunikationsproblemen, logistischem Chaos, mangelnder Koordination und sogar fehlgeleitetem Wohlwollen gefeit.

[…] the men and women on the ground in Haiti are doing an amazing job. Those men and women who train our Soldiers, Sailors, Airmen, Marines, and Guardians should take pride today because US citizens indeed take pride in their representation of us in Haiti. With that said the leaders of the operation need to do a better job organizing, cooperating, and coordinating the response to Haiti, because every problem that pops up can be specifically defined as a leadership issue where Command, Coordination, and Cooperation of operations can be improved – and need to be improved. Countries like France are exactly right to call US actions in Haiti as “occupation” even if it is not true, because in case you haven’t noticed, every US spokesman on TV and covered in press conferences involved in public diplomacy from the ground in Haiti wears combat boots. — Raymond Pritchett, Technologist, Entrepreneur, and Government IT Consultant with specialization in large public and private tech project strategy development and implementation in “Obama’s Public Diplomacy From Haiti Wears Combat Boots“, Blog des US Naval Institute, 19.01.10.

Im Rahmen der US-amerikanischen Operation Unified Response wurde eine Combined Task Force zusammengestellt, welche unter der zivilen Verantwortung von Rajiv Shah, Administrator der USAID und der Führung von Lieutenant General Ken Keen, Stellvertretender Kommandant US Southern Command liegt. Die US-amerikanische Küstenwache war eines der ersten Elemente in Port-au-Prince. Sie begann am 13. Januar 2010 mit der Schadensaufnahme des zerstörten Hafens. Die umfangreichsten Elemente der Task Force sind die 2. Brigade der 82. US-Luftlandedivision mit rund 3000 Soldaten, die 22. Marine Expeditionary Unit und die 24th Marine Expeditionary Unit mit je rund 2000 Marines. Bereits am 14. Januar 2010 konnte der Flughafen von Port-au-Prince unter der Kontrolle der US Airforce seinen Betrieb wieder aufnehmen. Bis Ende 19. Januar 2010 wurden insgesamt 10.000 Soldaten nach Haiti überführt, seit dem 25. Januar 2010 sind rund 20.000 Soldaten, 24 Schiffe und 120 Luftfahrzeuge eingesetzt. Die Task Force verfügt seit dem 21. Januar 2010 mit der USNS Comfort (T-AH-20) über ein Sanitätsschiff mit 1000 Betten (zweistöckig und nur beschränkt für Schwerverletzte geeignet), 12 Operationssäle, 80 Betten auf der Intensivstation und 956 Spitalpersonal im Katastrophengebiet. Nicht einmal 5 Tage später war die USNS Comfort bereits von Patienten mit gravierenden Verletzungen und Verbrennungen überfüllt und lief personell sowie materiell am Limit (vgl.: Robert Little, “Comfort’s ability to help stretched to limit“, Baltimore Sun, 25.01.20). Die USA verfügen noch über ein zweites Sanitätsschiff, die USNS Mercy, welches jedoch wegen Revisionsarbeiten noch bis anfangs März im Trockendock steht. Jetzt dringend benötigt, wurde vor ein paar Jahren noch über die Verschrottung beider Schiffe nachgedacht. Noch nie hatten die USA so viele Soldaten und militärisches Gerät für einen humanitären Einsatz mobilisiert. Das hat auch Konsequenzen auf die geplante Truppenaufstockung in Afghanistan: die 24th Marine Expeditionary Unit war ursprünglich als Reserveeinheit in Afghanistan vorgesehen und auch die Global Hawk, welche zur Erfassung der Erdbebenschäden auf Haiti eingesetzt wurde, wäre in Afghanistan erwartet worden. (Vgl.: Nathan Hodge, “Will Haiti Earthquake Response Slow Afghan Troop Surge?“, Danger Room, 25.02.10).

One of my logistics students did a quick estimate and came up with a requirement for 2,000 cargo trucks per day to supply ONE humanitarian ration to 3 million people per day….and rations are easy compared to water. — Todd H. Guggisberg, Assistant Professor, Department of Logistics and Resource Operations (DLRO) US Army Command and General Staff College zitiert in Raymond Pritchett, Technologist, “Obama’s Public Diplomacy From Haiti Wears Combat Boots“, Blog des US Naval Institute, 19.01.10. Zum Vergleich: ein C-17 Transportflugzeug kann ca. 30.000 Verpflegungsrationen transportieren, ein Frachtschiff der “Lewis and Clark”-Klasse transportiert den Umfang von mindestens 13 C-17 Transportflugzeugen.

Welche Interessen hat die USA Haiti zu helfen? Es mag vielleicht überraschen, doch auch in einem rationalen, berechnenden Weltbild könnte die Vorstellung, dass ohne Hilfe hunderttausende Menschen sterben und Millionen leiden, bereits einen ausreichenden Grund für diese militärische Katastrophenhilfe liefern. Ausserdem hat die USA kein Interesse an Flüchlingsstrom in Richtung USA. Glücklicherweise kommt ein Erdbeben diesen Ausmasses selten vor – zivile und militärische Organisationen können während des Einsatzes wertvolle Erfahrungen sammeln, um beispielsweise bei einem Erdbeben in San Francisco oder Los Angeles besser vorbereitet zu sein. Natürlich sieht sich die USA auch aus historischen und geografischen Gründen – quasi als Defakto-Schutzmacht – zur Hilfe verpflichtet. Schliesslich geht es auch um das Image der Obama-Administration bzw. um das Image der USA: Bilder wohltätiger US-Soldaten in Haiti sprechen die eigenen Wähler bzw. die Weltöffentlichkeit positiver an, als Bilder kämpfender Soldaten in Afghanistan.

In meinem Artikel “Identifizierung staatlicher oder nichtstaatlicher Scheinhilfe” versuchte ich “echte Hilfe” von einer Scheinhilfe durch Betrachtung der Prioritätenfestlegung zu unterscheiden. “Echte Hilfe” priorisiert die Bedürfnisse der Betroffenen vor Ort, Scheinhilfe priorisiert die Durchsetzung politischer Ziele mittels hilfsähnlichen Tätigkeiten. Ob die Hilfe durch zivile oder militärische bzw. staatliche oder nichtstaatliche Organisation erbracht wird, ist dabei unerheblich. Soweit die Theorie, doch in der Praxis zeigt sich, dass militärische Organisationen nur schon auf Grund ihrer Kernkompetenz “Management of Violence” (gemäs Samuel P. Huntington) andere Prioritäten als humanitäre Organisationen festlegen. Diese Fokussierung auf das Gewaltmanagement ist bei den US-amerikanischen Streitkräften besonders ausgeprägt, deshalb stand für das US-Militär das Einfliegen militärischen Personals zur Gewährleistung der Sicherheit an erster Stelle. Ganz unbegründet waren diese Sicherheitsbedenken nicht: Haiti schaut auf eine Geschichte zurück, die teilweise von gewalttätigen Banden und anarchischen Gewaltausbrüchen geprägt ist. Während des Erdbebens wurden Gefängnisse zerstört und damit rund 7000 Gefängnisinsassen auf freiem Fuss gesetzt. Zeitweise konnten gewalttätige Plünderungen beobachtet werden. Verzweifelte, durstende, hungernde und durch die schleppend anlaufenden Hilfe auch zornige Menschen verhalten sich verständlicherweise nicht immer rational. So mussten anfänglich Lebensmittelverteilungen aus Sicherheitsgründen mehrmals abgebrochen und in einem verbesserten Sicherheitsdispositiv wieder aufgenommen werden. Da den Ärzten ohne Grenzen allmählich wichtige medizinische Güter ausgingen, gehörte diese Organisation zu den schärfsten Kritiker der militärischen Priorisierungsliste.

Der Vorwurf, es handle sich bei der militärischen Katastrophenhilfe der USA um eine Besetzung Haitis, kam vor allem aus zwei Richtungen. Ein Kritiker der ersten Stunde war der venezulanische Präsident Hugo Chavez, aus dessen Umfeld die USA bezichtigt wurde, das Erdbeben mit einer seismischen Waffe ausgelöst zu haben (Quelle: Valentina Lares Martiz, “Terremoto de Haití fue causado por un arma de E.U., dice prensa chavista en Venezuela“, Eltiempo). Auch Frankreich, das sich gerne selber als Koordinator der Hilfsmassnahmen gesehen hätte, sparte nicht mit Kritik. Als ehemalige Kolonialmacht Haitis, wegen der französischen Sprache der haitianischen Bevölkerung und auf Grund der rund 70.000 Haitianer in Frankreich, hätte die ehemalige “Grande Nation” gerne eine tragendere Rolle bei der Katastrophenhilfe in Haiti gespielt. Besonders erzürnt hatte Alain Joyandet, französischer Staatssekretär für Zusammenarbeit und Francophonie die Abweisung von Transportflugzeugen mit humanitärem Frachtgut beim Anflug auf den US-amerikanisch kontrollierten Flughafen in Port-au-Prince. Unter dem Frachtgut befand sich auch ein Feldspital der Franzosen, dessen Transportflugzeug erst auf diplomatischen Druck in Port-au-Prince landen konnte. Das US-Militär sorgte auf dem Flugplatz für Ordnung, ordnet sich selber jedoch auch die höchste Priorität ein und stiess so andere Nationen und Organisationen vor den Kopf. Erst nach der Überführung der US-Soldaten nach Haiti und der Evakuierung US-amerikanischer Bürger (bis 21.01.10 wurden insgesamt 10.500 Personen evakuiert, darunter 8.300 US-Bürger) konnte das Welternährungsprogramm den Flughafen von Port-au Prince wieder anfliegen. Andere Hilfsorganisationen, wie beispielsweise das Rote Kreuz oder die Ärzte ohne Grenzen wichen über die Dominikanische Republik aus, was jedoch die Hilfsgüter um bis zu drei Tag verzögerte.

There are 200 flights going in and out every day, which is an incredible amount for a country like Haiti. But most of those flights are for the United States military. Their priorities are to secure the country. Ours are to feed. We have got to get those priorities in sync. — Jarry Emmanuel, Logistikoffizier des Welternährungsprogramm zitiert in Ginger Thompson und Damien Cave, “Officials Strain to Distribute Aid to Haiti as Violence Rises“, The New York Times, 17.01.10.

Wie eingangs erwähnt unterliefen dem US-Militär auch einige Fehler. Beispielsweise wurde am Anfang des Einsatzes tonnenweise Güter mittels Lufttransport auf den Flughafen von Port-au Prince gebracht, ohne zu berücksichtigen, dass die Infrastruktur zum Entladen der Fracht zerstört war. Den Chinesen unterlief übrigens der gleiche Fehler: das komplette Frachtgut einer chinesischen A330 musste vom US-amerikanischen Bodenpersonal in Port-au-Prince während 8 Stunden von Hand ausgeladen werden. Auch die Verteilung von Versorgungsgütern mittels Abwurf aus dem Helikopter kam bei den haitianischen Behörden nicht gut an. Das Problem bei dieser unkontrollierten Verteilung ist, dass dies zu Streitigkeiten führt, bei denen die Schwächeren leer ausgehen. Auf drängen des haitianischen Botschafters in den USA wurde diese Verteilmethode wieder eingestellt. Der Abwurf von Versorgungsgüter aus Transportflugzeugen ist nur dann möglich, wenn Soldaten die Landezonen sichern, die Versorgung in Empfang nehmen und für eine geordnete Verteilung sorgen, wie es im Video rechts oben der Fall war.

Whatever you do, don’t do air drops – you are likely to kill more people than you help by crushing them with pallets or by starting riots. — Gary Anderson, “Some Advice for Military Humanitarians“, Small Wars Journal, 16.01.10.

Noch immer werden nicht alle zerstörten Ortschaften mit medizinischen Gütern, Verpflegungsrationen und Wasser versorgt. Es ist anzunehmen, dass sich die militärische Katastrophenhilfe noch über Monate erstrecken könnte. Der Abzug des Flugzeugträger USS Carl Vinson am 1. Februar 2010 scheint ein Zeichen zu sein, dass die Obama-Administration unnötige Militärpräsenz vermeiden möchte. Zur Zeit sieht es nicht so aus, dass die US-Regierung Haiti eine politische Agenda aufzwingen will. Genaueres werden wir jedoch erst in ein paar Monaten feststellen, wenn es darum geht, die Kontrolle ganz an zivile Organisationen abzugeben und die Truppen komplett aus Haiti abzuziehen.

Update vom 12.03.2010
Die US Truppen haben seit dem letzten Wochenende (6./7.03.2010) mit dem Abzug aus Haiti begonnen. Die Reduktion der Truppenstärke sei möglich, weil die Sicherstellung von Ruhe und Ordnung nun komplett von den UN-Truppen (rund 10’000 Mann) sichergestellt werden könne. Wegen der immer noch unzureichenden Versorgung der Bevölkerung ist die Sicherung von Lebensmitteltransporten und -verteilung immer noch notwendig. Nach der Instandstellung des Spitals in Haiti und der rückläufigen Anzahl der Verletzten, sind auf der USNS Comfort keine Haitianer mehr hospitalisiert. Gemäss General Douglas Fraser, Kommandant des United States Southern Command ist der Einsatz des US Militärs in Haiti grösstenteils beendet. (Quelle: “US Troops Exiting Haiti En Masse“, military.com, 08.03.2010).

Update vom 15.05.2010
Zur Zeit sind noch 850 US-amerikanische Soldaten in Haiti. Mit Stichdatum 1. Juni 2010 wird die Joint Task Force aufgelöst und auch die restlichen US-Soldaten sollten bis dann aus Haiti abgezogen sein. Übrig bleiben wird eine achtköpfige Koordinationszelle des US Southern Command in in Port-au-Prince zu Gunsten der USAID. (Quelle: Nathan Hodge, “Eight U.S. Troops Will Remain in Haiti, Down From 20,000+“, Danger Room, Wired, 14.05.2010).

 
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