US Militärstrategie in Afrika scheitert und wird ausgebaut

von Peter Dörrie

U.S.-Marines in Uganda.

U.S.-Marines in Uganda.

Die US-Streitkräfte übernehmen eine aktivere Rolle in der Bekämpfung von Boko Haram, deren Aufstand seit 2009 mehr als 30’000 Menschen getötet und sich vom Nordosten Nigerias auch auf die benachbarten Länder Kamerun, Niger und den Tschad ausgebreitet hat. Dieses US-amerikanische Engagement vollzieht sich im Einklang mit der Sicherheitsstrategie der USA auf dem afrikanischen Kontinent, die auf der Stärkung lokaler Streitkräfte zur Bekämpfung terroristischer Gruppen beruht, in den letzten Jahren jedoch zunehmend daran scheiterte, den Ausbruch islamistischer Gewalt einzudämmen.

Mitte Oktober setzte US-Präsident Barack Obama den Kongress davon in Kenntnis, dass 300 Militärangehörige in den Norden Kameruns verlegt wurden, um von dort Aufklärungsflüge von MQ-1 Predator-Drohnen zu unterstützen. Die US-Truppen werden dabei nach Aussagen eines anonymen Militäroffiziellen gegenüber Voice of America zusammen mit lokalen Streitkräften Informationen sammeln und auswerten sowie “Einsätze, Grenzsicherheit und die Fähigkeit zu Gegenoffensiven ermöglichen”.

Hans De Marie Heungoup, Analyst der International Crisis Group, sagt dazu, dass die aktuelle Mission der US-Operationen vermutlich über das reine Aufklären und Reagieren auf Aktivitäten von Boko Haram hinausgehen wird. “Sie werden auch verschiedene Aktivitäten in der Nähe des Golfs von Guinea abdecken”, erklärt er gegenüber Offiziere.ch auf Grundlage von Informationen aus kameruner Militärkreisen. Der Golf von Guinea ist eine Brutstätte für Piraterie und Schmuggelaktivitäten und eine der ölreichsten Regionen der Welt.

In vielerlei Hinsicht stellt die Operation in Kamerun ein exemplarisches Beispiel für die Strategie des US-Militärs in Afrika, besonders in Westafrika, und ihrer Probleme dar. Nach Ansicht der meisten Experten ist die Bekämpfung des Einflusses und der Aktivitäten von islamistischen Terrorgruppen seit 2001 das zentrale Ziel des US-Militärengagements. Dies trifft besonders für Regionen im Sahel und rund um das Horn von Afrika, sowie in Nordafrika zu. 2012 veranschaulichte die Obama-Regierung ihre Sicherheitsstrategie für Afrika in der “U.S. Stragegy Towards Sub-Saharan Africa“. Die Messlatte für den Erfolg der Strategie wurde dabei mit dem Ziel der “Störung, Zerschlagung und möglichen Bezwingung von al-Qaida und ihren Verbündeten” recht hoch gehängt.

Abschlusszeremonie der jährlichen Operation Flintlock, eine anti-Terrorismus Übung.

Abschlusszeremonie der jährlichen Operation Flintlock, eine anti-Terrorismus Übung.

Das US-Militär hat dabei seine Präsenz auf dem Kontinent in den letzten Jahren immer weiter ausgeweitet, insbesonders nach der Einrichtung von AFRICOM, einem Regionalkommando der US-Streitkräfte zur Koordinierung der Militäraktivitäten in 53 afrikanischen Ländern, ausgenommen einzig Ägypten. 2014 führten das US-Militär verteilt über den Kontinent 674 militärische Aktivitäten aus, darunter Einsätze, Übungen und Trainingsmissionen. Dies stellt einen Anstieg von 300 Prozent im Vergleich zu 2008 dar, dem Jahr in dem AFRICOM gegründet wurde.

AFRICOM versucht (mit einigen Ausnahmen) jedoch, unaufälliger zu agieren als manche andere Regionalkommandos der USA in der Welt. “Die USA haben sich gesträubt und ich vermute sie werden sich auch in Zukunft davor sträuben, Bodentruppen in den aktiven Kampfeinsatz zu schicken”, analysiert Joseph Siegle, Direktor des Bereichs Forschung am “Africa Center for Strategic Studies” der National Defense University, gegenüber Offiziere.ch. Stattdessen versuchen die US-Streitkräfte, verschiedene “Lücken” zu füllen, besonders im Hinblick auf Aufklärungs- und Fernmeldekapazitäten, Training von Spezialeinheiten und spezifische Ausrüstung für lokale Streitkräfte.

Drohnen, wie sie im Oktober 2015 in Kamerun eingesetzt wurden, und bemannte Aufklärungsflugzeuge spielen dabei eine große Rolle in dieser Strategie. Ein kürzlich erschienener investigativer Bericht von The Intercept listet 14 verschiedene US-Militärbasen in 10 verschiedenen afrikanischen Ländern auf (siehe Infografik unten), die Aufklärungskapazitäten besitzen und alle im sogenannten “Belt of Insecurity” liegen, der sich entlang des Sahel bis zum Horn von Afrika erstreckt. Für diese Missionen werden MQ-1 Predator- und MQ-9 Reaper-Drohnen sowie PC-12 Leichtflugzeuge eingesetzt.

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Außer in dem strategisch wichtigem Camp Lemonier in Dschibuti sind in keiner dieser Militärbasen mehr als ein paar Dutzend Militärangehörige stationiert. Das nach öffentlichen Angaben 300 Mann starke Kontingent in Kamerun ist damit überdurchschnittlich groß.

Viele der 5’000 bis 8’000 auf jährlicher Basis in Afrika stationierten US-Streitkräfte sind dabei jedoch nicht in Aufklärungs-Aktivitäten involviert, sondern Teil der umfangreichen Bemühungen von US-Spezialkräften ihre lokalen Partner zu trainieren. Im Hinblick darauf, dass Operationen zur Aufklärung Teil der umfassenden Trainings-Mission zur Stärkung der afrikanischen Streitkräfte im Kampf gegen terroristische Gruppen sind, sagt Siegle “Die USA wollen sich nicht militärische in Afrika binden. AFRICOM ist dafür da, lokale Kapazitäten aufzubauen”.

Es gibt jedoch einige Ausnahmen von dieser Regel: In Libyen waren die US-Luftstreitkräfte massiv im Kampf gegen Verbündete Muammar al-Gaddafi involviert und trugen damit entscheidend zu seinem Sturz bei. Auch in Somalia operieren US-Drohnen und bemannte Kampfflugzeuge aus Dschibuti, Äthiopien und Kenia heraus, um gezielte Tötungseinsätze gegen Mitglieder von al-Shabab und al-Qaida zu fliegen.

Bislang scheint diese Strategie der US-Streitkräfte jedoch zu scheitern, sowohl in Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung, als auch im Hinblick auf die Datenlage. Islamistische Terroristen haben sich zusätzlich zu den traditionellen Brennpunkten z.B. in Somalia, wo sie nach wie vor höchst aktiv sind, auch permanent in Libyen, Mali und Nigeria eingerichtet. Auch wenn ein kürzlich erschienener Bericht des “South African Institute for Security Studies” die Zahl terroristischer Zwischenfälle als seit mehreren Jahrzehnten konstant beschreibt, ist die Anzahl der Todesopfer pro Zwischenfall steigend, was für eine höhere Professionalität und gesteigerte Kapazitäten terroristischer Gruppen spricht.

Natürlich kann das US-Militär nicht alleine für das unilaterale Scheitern afrikanischer Regierungen verantwortlich gemacht werden. “Die Widerstandsfähigkeit terroristischer Gruppen sagt genauso viel über die Schwäche der Regierungen, wie über die Gruppen selbst aus”, sagt Siegle.

Dadurch wird der innere Widerspruch der U.S. Militärstrategie in Afrika allerdings nur noch deutlicher. Sie verlässt sich im wesentlichen auf eben jene “schwachen Regierungen”, wenn es um die Reaktion auf nachrichtendienslitche Erkenntnisse und die Institutionalisierung erweiterter Kapazitäten der lokalen Streitkräfte geht. Diese Herangehensweise hat zu einigen zweifelhaften Weggefährten geführt. Kameruns Präsident Paul Biya hält sich seit ganzen 33 Jahren an der Macht. Auch Dschibutis Staatsoberhaupt Ismail Omar Guelleh und sein ugandischer Kollege Yoweri Museveni zeigen keine Anzeichen dafür, nach Jahrzehnten an der Macht bald zurückzutreten. Von den 10 Ländern, die US-Überwachungsflugzeuge beherbergen, ist gemäss “Freedom House´s 2015 Freedom in the World Index” eines klassifiziert als “schlimmstes der schlimmen”, fünf als “nicht frei” und vier als “zum Teil frei”.

U.S.-Soldaten beim Schießtraining mit westafrikanischen Kameraden.

U.S.-Soldaten beim Schießtraining mit westafrikanischen Kameraden.

Die Militärunterstützung der USA in Form von Ausbildung, der Bereitstellung von Material und nachrichtendienstlichen Erkenntnissen geht damit auch an Regime, die routinemäßig immer wieder ihre Sicherheitskräfte gegen die eigene Bevölkerung einsetzen und damit zu den Ursachen von Terrorismus beitragen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele dieser Länder die Programme auch selbst finanzieren könnten, wenn ihre politische Elite nicht das Geld dafür verschwenden würde.

Das Beharren der USA auf ihrer ineffizienten Anti-Terror-Strategie in Afrika trotz dieser offensichtlichen Probleme ist noch seltsamer, wird die überwiegend positive Bilanz der anderen militärischen Anstrengungen in der Region betrachtet. Verstärkte Investitionen in UN- und afrikanische Friedenstruppen haben einige Erfolge hervorgebracht, genauso wie der militärische Beitrag zur Bekämpfung der Ebola-Krise oder die Anti-Piraterie-Missionen am Horn von Afrika. Im Hinblick auf das 2018 anstehende 10-jährige Jubiläum von AFRICOM, wäre es an der Zeit eine Bilanz über die bisherige US-Militärstrategie zu ziehen und herauszufinden, was sich wirklich bewährt hat und was nicht.

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