Rezension: Das war die Teilung

Von Danny Chahbouni. Danny hat Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. studiert.

cover_teilungWährend Deutschland am 03. Oktober 2015 den 25 Jahrestag seiner Wiedervereinigung feierte, erleben Grenzen in Europa gegenwärtig eine Art Renaissance. Jeder Verweis auf das überwundene Grenzregime der SED wäre dabei nicht zuletzt den unzähligen Opfern gegenüber respektlos, sondern würde auch schlicht die Dimensionen verkennen, welcher der “Antifaschischtische Schutzwall” bis 1989 in Berlin und quer durch Deutschland angenommen hatte. Dennoch: Auch ein Vierteljahrhundert später bleibt der Gedanke an eine Aufweichung des Schengen-Raums vor allem für die Deutschen mit einem faden Beigeschmack behaftet.

Mit der Literatur über die Teilung überdies lassen sich problemlos viele Regalmeter füllen. In ihrem neuen Werk “Das war die Teilung – Grenzgeschichte und Grenzgeschichten aus der Rhön von 1945 bis 1990”, das kürzlich als Band III der Schriftenreihe Point Alpha erschienen ist, wagen die beiden Autoren Klaus Hartwig Stoll und Diana Unkart sich den Themen “Kalter Krieg” und “Deutsche Teilung” einmal aus einer anderen Perspektive zu nähern. Statt den Blick auf die eingemauerte Halbstadt West-Berlin zu richten, fokussieren beide Autoren die fast 1’400 Kilometer lange Innerdeutsche Grenze.

Mit ihrem regionalhistorischen Ansatz betrachtet das Autorenduo dabei vor allem den Grenzabschnitt, der einst die Bundesländer Hessen, Thüringen und Bayern entlang des heutigen Biossphären-Reservats Rhön trennte. Herausgekommen ist eine Sammlung bis heute beklemmender Einzelschicksale und brisanter Zwischenfälle, die den wenigsten Menschen jenseits der Region, bekannt sein dürften. Wie bereits der im letzten Jahr erschienene Band II (Schlachtfeld Fulda Gap) der Schriftenreihe zeigte, kann die Region aufgrund ihrer geostrategischen Lage durchaus als einen Brennpunkt des Kalten Krieges betrachtet werden.

Bei der Lektüre der fast 270 Seiten des Werkes werden dann auch zwei Dinge besonders schnell deutlich: Erstens war die Innerdeutsche Grenze nicht von Beginn an das unüberwindbare Bollwerk, das die Menschen am 09. November 1989 zu Fall brachten. Seit dem Kriegsende und der Einteilung des Reichsgebiets in Besatzungszonen übernahmen vielmehr zunächst die Besatzungsmächte die Aufgabe den Interzonenverkehr zu kontrollieren, um Schmuggel zu unterbinden und etwaige Kriegsverbrecher aufzuspüren. Erst mit dem Auseinanderdriften der drei Westmächte und der Sowjetunion, welches sich spätestens 1947 eindeutig abzeichnete, wurde auch der Weg über die noch grünen Zonengrenzen zunehmend schwieriger und lebensgefährlicher. Nachdem die Zonengrenzen zunächst nur durch Patrouillen gesichert wurden, begann die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Mai 1952 durch eine Polizeiverordnung das zu installieren, was später als Grenzregime in die Geschichte einging. Von der Grenze aus landeinwärts wurde ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet ausgewiesen. Unmittelbar an der Grenze entstand ein 10 Meter breiter Kontrollstreifen, sowie ein 500 Meter breiter Schutzstreifen. Der ursprünglich installierte Stacheldrahtzaun wurde nach wenigen Jahren bereits durch einen doppelreihigen Zaun und einen Minengürtel ersetzt. Die frühen Jahre der Teilung sind es auch, welche die ersten 50 Seiten des Werkes füllen. Dabei verknüpfen Unkart und Stoll gekonnt die regionale Entwicklung mit der großen Bühne der Weltpolitik.

Mit einigen wenigen Änderungen könnte diese Zeitungsmeldung auch heute noch veröffentlicht werden (Quelle: Point Alpha Stiftung / Sagan).

Mit einigen wenigen Änderungen könnte diese Zeitungsmeldung auch heute noch veröffentlicht werden (Quelle: Point Alpha Stiftung / Sagan).

Trotz der Einmauerung West-Berlins am 13. August 1961, der später folgenden Detente und der neuen Ostpolitik Willy Brandts, ging die Befestigung der Staatsgrenze für die DDR unvermindert weiter. Nachdem sich die bereits sehr martialischen Sperranlagen als nicht sicher genug erwiesen hatten und es immer wieder zu ungewollten Minendetonationen gekommen war, wurde ab den 1970er Jahren mit dem Bau eines Streckmetallzaunes mit installierten Splitterminen (SM-70), einer KFZ-Sperre, sowie eines Signalzauns entlang des 500m-Streifens begonnen. Die ohnehin fast unüberwindbaren Bollwerke wurden zu jeder Zeit durch die mittlerweile in den Verantwortungsbereich des Ministeriums für nationale Verteidigung übergangenen Grenztruppen der DDR bewacht. In mobilen Streifen, sowie von Beobachtungstürmen und aus Erdbunkern heraus wurde “Frontdienst im Frieden” geleistet, was auch den bis heute kontroversen “Schießbefehl” beinhaltete. Trotz dieser mit deutscher Gründlichkeit und preußischem Drill gesicherten Grenze ist es Menschen immer wieder gelungen in den Westen zu gelangen. Viele kamen dabei zu Tode oder wurden schwer verletzt.

Auch eine gelungene Flucht in die Bundesrepublik Deutschland, war jedoch kein Garant dafür, dem SED-Regime endgültig entwischt zu sein, wie Unkart und Stoll anhand der Geschichte des 16-Jährigen Detlef Ritz zeigen. Ritz, der 1962 aus der DDR geflohen war, heuerte in der Bundesrepublik als Handelsmatrose an. Als sein Schiff auf dem Weg nach Dänemark eine Havarie erlitt und in den Hafen von Rostock geschleppt werden musste, begann für ihn ein achtmonatiges Bangen und Hoffe im Stasi-Gefängnis und nur die bundesdeutsche Wehrdiensterfassung führte dazu, dass die Bundesregierung den jungen Mann wieder frei bekam.

Unkart und Stoll erzählen viele derartige Geschichten von jungen Menschen, die in der DDR keine Perspektive mehr für ihre Zukunft sahen. Besonders bewegend ist dabei auch das Schicksal derjenigen, die eigentlich keine Fluchtabsichten hegten, die aber als politisch missliebige Personen in verschiedenen Wellen aus dem 5km-Sperrgebiet entlang der Grenze zwangsausgesiedelt worden oder deren — oftmals hunderte Jahre alte — Höfe geschleift wurden.

Die Innerdeutsche Grenze in den frühen 1960er Jahren (Quelle: Point Alpha Stiftung).

Die Innerdeutsche Grenze in den frühen 1960er Jahren (Quelle: Point Alpha Stiftung).

Das zweite Charakteristikum der Teilung muss klar in der zunehmenden Militarisierung der Demarkationslinie gesehen werden. Auf westlicher Seite oblag die Grenzsicherung zunächst den amerikanischen Constabulary Forces (einer Art Besatzungspolizei), dem Zoll sowie in Hessen und Bayern der Grenzpolizei. Seit 1951 kam der militärisch organisierte Bundesgrenzschutz (BGS) hinzu, der jedoch seit 1956 für den Aufbau der Bundeswehr herangezogen und seit den frühen 1970er Jahren zunehmend zu einer Bundespolizei “abgerüstet” wurde. Die amerikanischen Constabulary Forces wurden seit 1952 zu Panzeraufklärungsregimentern umgegliedert (Armored Cavalry Regiments; ACR). Diese hoch mobilen und schlagkräftigen ACRs blieben bis 1990 als Aufklärungs- und Verzögerungskräfte der beiden in Hessen und Bayern stationierten US-Corps für die militärische Grenzüberwachung in diesem Raum verantwortlich und kooperierten dabei eng mit dem bundesdeutschen BGS.

Während dieser Kräfteaufwuchs defensiv auf die Verteidigung des NATO-Bündnisgebiets ausgerichtet war und “Grenztouristen” sich auf westlicher Seite ungehindert bewegen konnten, nahm die Militarisierung auf östlicher Seite eine andere Stoßrichtung. Sowohl von der Staffelung der Grenzabsperrungen her, als auch vom Sprachgebrauch innerhalb der Verbände stand der Feind für die östlichen Grenztruppen im eigenen Land. Die Deutsche Grenzpolizei der DDR wuchs dementsprechend schnell von einer nur leicht bewaffneten und kaum einheitlich uniformierten Grenzpolizei zu einer mit schweren Infanteriewaffen ausgestatteten Teilstreitkraft der Nationalen Volksarmee (NVA) auf.

Pioniere der DDR-Grenztruppen müssen die Bodenminen räumen. Am Streckmetallzaun im Vordergrund wurden später Splitterminen vom Typ SM-70 befestigt (Quelle: Point Alpha Stiftung / Schätzlein).

Pioniere der DDR-Grenztruppen müssen die Bodenminen räumen. Am Streckmetallzaun im Vordergrund wurden später Splitterminen vom Typ SM-70 befestigt (Quelle: Point Alpha Stiftung / Schätzlein).

Das Buch bietet keine reine “Militärgeschichte der Teilung”, sondern ist eher eine umfassende Geschichte, präsentiert anhand vieler Einzelschicksale und Zwischenfälle. Denn trotz der unterschiedlichen Stoßrichtungen kam es dabei immer wieder zu gefährlichen Scharmützeln zwischen Grenzern aus Ost und West, von denen Unkart und Stoll einige besonders schwere und bis heute teilweise ungeklärte Fälle darlegen. Am 14. August 1962 beispielsweise ereignete sich ein Feuergefecht zwischen Grenzstreifen des BGS und ostdeutschen Grenzsoldaten infolgedessen der Hauptmann Rudi Arnstadt tödlich am Kopf getroffen wurde. Während der ostdeutsche Offizier von der DDR-Propaganda als Held und Opfer faschistischer Aggression verklärt wurde, musste der BGS-Beamte Hans Plüschke, der den tödlichen Schuss abgefeuert hatte, fortan unter Legende leben. Erst nach dem Fall der Mauer, 1997, bekannte sich Plüschke, der mittlerweile ein Taxi-Unternehmen im osthessischen Hünfeld führte, zu dem Vorfall. Am 15. Mai 1998 wurde Plüschke ermordet neben seinem Taxi aufgefunden mit exakt der gleichen Schussverletzung, die auch Arnstadt erlitten hatte. Der Mordfall wird bis heute durch die Staatsanwaltschaft Fulda untersucht und auch die Hintergründe zum Feuergefecht 1962 sind bis heute nicht restlos aufgeklärt.

Unkart und Stoll schaffen es auf packende Art und Weise die große Weltpolitik mit den Schicksalen der Menschen entlang der Innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen zu verknüpfen. Für 19,95 Euro bekommt man ein 340 Seiten starkes, flüssig erzähltes Buch, das zusätzlich mit unzähligen Bildern und originalen Quellenausschnitten gespickt ist. Wer sich für die Geschichte des geteilten Deutschlands interessiert und nicht dezidiert ein wissenschaftliches Fachbuch sucht, dem sei dieses Werk wärmstens empfohlen. Zu beziehen ist es u. a. direkt über den Museumsshop der Gedenkstätte Point Alpha.

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