Journalismus über Militär und Krieg im digitalen Zeitalter

Von Thomas Wiegold. Wiegold ist ein deutscher Journalist, der über Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, über die Bundeswehr, ihre Struktur, ihre Technik und ihre Einsätze schreibt. Von 1981 bis 1986 war Wiegold Korrespondent für die Deutsche Presse-Agentur, danach bis 1999 für Associated Press und von 1999 bis 2010 schrieb er für den Focus. Heute ist er als freiberuflicher Journalist tätig und schreibt für sein eigenes Blog “Augen geradeaus!“, für WIRED, Zeit Online, Der Spiegel u.a. Der Artikel wurde ursprünglich im “Reader Sicherheitspolitik” (Ausgabe 1/2015) veröffentlicht. Die Zweitveröffentlichung geschieht mit Erlaubnis der Zentralredaktion der Bundeswehr.

Die “Süddeutsche Zeitung” (SZ), rechnete kürzlich ein Redakteur des Verlages vor, erreicht mit ihren Berichten auf der SZ-Webseite und ihren kostenpflichtigen Internet- und Smartphone-App-Angeboten mehr Leser als mit den Berichten in der gedruckten Tageszeitung. Längst haben die Akteure, die bislang Gegenstand der Berichterstattung waren, begonnen, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen und sind selbst zu Medienanbietern geworden.

Die Bundeswehr auf Facebook: Die Möglichkeiten des Social Web haben das Kommunikationsverhalten auch im Bereich des Militärs und der Sicherheitspolitik verändert. (Quelle: Bundeswehr).

Die Bundeswehr auf Facebook: Die Möglichkeiten des Social Web haben das Kommunikationsverhalten auch im Bereich des Militärs und der Sicherheitspolitik verändert. (Quelle: Bundeswehr).

Social Media im Militär
Als ab 1. Januar mehrere nordeuropäische Länder, angeführt von Schweden, rund 2’400 Soldatinnen und Soldaten für eine EU-Battlegroup stellten, hatten sie ihre Hausaufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit längst erledigt. Wichtigstes Werkzeug der militärischen PR-Profis ist dabei ein soziales Netzwerk, das vor allem unter Jugendlichen beliebt ist: Instagram, eine App für Smartphones, die ursprünglich dafür gedacht war, Schnappschüsse mit der Handy-Kamera sofort mit seinen Freunden zu teilen (und inzwischen eine Tochterfirma des größten sozialen Netzwerks Facebook). Die Instagram-Seite eubg15 steht zwar neben einer traditionellen Webseite, die die schwedischen Streitkräfte – in englischer Sprache – aufgelegt haben, wird aber weit öfter aktualisiert. Und dürfte auch mehr wahrgenommen werden.

Blogs und soziale Netzwerke, die Möglichkeiten des Social Web, haben das Kommunikationsverhalten auch im Bereich des Militärs und der Sicherheitspolitik verändert sowie die alten Muster von Publizierenden und Publikum verschoben. Nie in der Geschichte waren die Schwellen für einen Markteintritt so gering: Mit wenigen Klicks kann sich jedermann – noch dazu kostenlos – eine Seite als Publikationsplattform im Internet einrichten, zum Beispiel als Gratis-Blog bei wordpress.com. Auf der anderen Seite können professionelle Kommunikatoren über die sozialen Kanäle des Internet Zielgruppen erreichen, zu denen sie zuvor keinen Zugang hatten – oder ihn nur mit erheblichem Aufwand schaffen konnten. Aber bedeutet das auch, dass die herkömmlichen Aufgaben des Journalismus ausgedient haben?

Während die Profis zunehmend ihre Chance nutzen (wie wir noch sehen werden, international sehr unterschiedlich), hat im Bereich der Jedermann-Publikationen das Thema Militär und Sicherheitspolitik nach einem kurzen Höhepunkt im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts deutlich an Schwung und Reichweite verloren. In den USA hatten vor allem in den ersten Jahren des Irak-Krieges ab 2003 einige Blogger von sich reden gemacht, die aus ihrem Kriegsalltag berichteten. Blogs wurden als Bestandteil der öffentlichen Meinung vom US-Militär und vom Pentagon anerkannt, hochrangige Generale luden zu Blogger roundtables ein, bei denen sie den Autoren in gleicher Weise wie professionellen Journalisten der anerkannten Medien Rede und Antwort standen.

Das ist Geschichte. Ein einst hochgelobtes Blog wie Wings over Iraq besteht inzwischen praktisch nur noch aus Links auf Berichte anderer Webseiten. Vor allem aber: der Domain-Name milblogging.com, unter dem einst eine Übersicht über die blühende Blogger-Szene unter den Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte zu finden war, steht inzwischen zum Verkauf.

Allerdings gibt es in den USA, in deutlichem Unterschied zu Deutschland, eine ausgewachsene Kultur der außen- und sicherheitspolitischen Berichterstattung in den traditionellen Medien, sowohl gedruckt als auch im Internet. Angefangen bei der Zeitschrift Foreign Policy über regelmäßige Berichterstattung in den Leitmedien wie New York Times oder Washington Post, oder selbst in Publikationen, die einen ganz anderen Schwerpunkt haben: Das lange Porträt, das dem US-General und ISAF-Kommandeur Stanley McChristal zum Verhängnis wurde, erschien ausgerechnet im Musik-Magazin Rolling Stone.

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Sicherheitspolitische Kommunikationskultur in Deutschland
In Deutschland hatte sich dagegen eine solche alternative Publikationskultur in der Sicherheitspolitik ohnehin gar nicht erst richtig entwickelt. Das Bundesministerium der Verteidigung gab erst Mitte 2012 eine “Empfehlung für einen sicheren Umgang” mit sozialen Medien für Bundeswehrangehörige heraus. Die überarbeitete Form, nun Social Media Guidelines genannt, wurde zuletzt im Januar 2014 auf der Bundeswehr-Webseite veröffentlicht. Doch in den Jahren zuvor herrschte, trotz Zusicherungen aus dem Ministerium, jeder Soldat könne natürlich auch aktiv Blogs und soziale Medien nutzen, ein großer Graubereich.

Bundeswehrangehörige mussten immer damit rechnen, bei ihren öffentlichen Äußerungen im Internet den Paragrafen 14 des Soldatengesetzes vorgehalten zu bekommen: “Der Soldat hat, auch nach seinem Ausscheiden aus dem Wehrdienst, über die ihm bei oder bei Gelegenheit seiner dienstlichen Tätigkeit bekannt gewordenen Angelegenheiten Verschwiegenheit zu bewahren.” Darunter konnte, je nach Einschätzung eines Vorgesetzten, so ziemlich alles fallen, was ein Soldat zum Thema Militär zu sagen hatte.

Manche Soldaten bekamen das auch praktisch zu spüren. Zum Beispiel der Hubschrauberpilot, der in seinem “CH53-Blog” den so genannten Fähigkeitstransfer der CH53-Helikopter vom Heer zur Luftwaffe kritisch begleitete. Mehr als einmal nahm der Offizier Einträge von seiner Webseite mit Hinweisen, wie dem vom Januar 2012: “Es gibt zurzeit Irritationen bezüglich dieses Blogs. Bis zur hoffentlich baldigen Klärung wurden einige Inhalte aus dem Blog entfernt.”

Im Juni 2013 meldete sich der Autor ab ins Zivilleben: “Seit Mai bin ich kein aktiver Soldat mehr und werde mich in der zweiten Hälfte meines Erwerbslebens umorientieren. Meine Meinung als Staatsbürger (in Uniform) habe ich unter anderem mit diesem Blog öffentlich vertreten. Insofern dürfte es die wenigsten überraschen, dass ich für mich in der reformierten Bundeswehr keine Zukunft gesehen habe.” Die Webseite ist inzwischen offline und unter der ursprünglichen Adresse nicht mehr zu finden; allerdings sind einige Seiten – und auch der Abschieds-Eintrag – über das Internet-Archiv archive.org noch nachzulesen.

Der ehemalige SACEUR der NATO, James Stavridis, verbreitete seine Positionen über seinen Twitter- und Facebook-Account. (Quelle: dpa/Xhemaj).

Der ehemalige SACEUR der NATO, James Stavridis, verbreitete seine Positionen über seinen Twitter- und Facebook-Account. (Quelle: dpa/Xhemaj).

Fehlende Blog-Kultur in der Bundeswehr
Die Unsicherheit im Umgang mit eigenen Publikationen dürfte der entscheidende Grund sein, dass sich in der Bundeswehr nie wie insbesondere in den USA eine nennenswerte eigene Blog-Kultur im militärischen Bereich herausgebildet hat. Statt dessen nutzen auch deutsche Soldaten seit Ende des vergangenen Jahrzehnts zunehmend die Möglichkeit vor allem des sozialen Netzwerks Facebook, um über eigene Erlebnisse zu berichten. In der Regel tun sie das allerdings, ohne dass eine größere Öffentlichkeit über ihren Freundeskreis hinaus davon Notiz nimmt. Wenn Facebook-Seiten bekannt wurden, dann eher deshalb, weil die Autoren schon auf anderem Wege öffentliches Interesse erregt hatten. Das gilt vor allem für Buchautoren wie Robert Sedlatzek-Müller (Soldatenglück – Mein Leben nach dem Überleben) oder Johannes Clair (Vier Tage im November). Ihre Facebook-Präsenz ist damit ihrem professionellen Auftritt als Autor zuzurechnen und wird nicht als eine der unzähligen Seiten von Privatpersonen wahrgenommen.

Neue Formate
Neben den – in Zahl und Bedeutung deutlich zurückgegangenen – MilBlogs von Soldaten hat allerdings in den vergangenen Jahren eine andere Sorte von Blogs und Social-Media-Webseiten deutlich zugenommen, die sich mit Militär und Sicherheitspolitik befassen. Das gilt wiederum in erster Linie für die USA: Betreiber sind in erster Linie Wissenschaftler, (nicht-militärische) Institutionen und Zeitungen oder Zeitschriften. Als ergänzende Medien bedienen diese Webseiten das Bedürfnis nach Informationen über diesen Bereich, ohne wie die so genannten Fachmedien vor allem industrieorientiert zu arbeiten.

Typische Beispiele für solche meist von mehreren Autoren betriebenen Seiten sind das “Small Wars Journal“, das “Long War Journal” oder das auf maritime Sicherheit fokussierte Blog “Information Dissemination” ebenso wie das Blog des U.S. Naval Institute in den USA. Ebenfalls in englischer Sprache, aber aus London publizieren die akademisch geprägten “Kings of War” des Department of War Studies am King’s College und das “Military Balance Blog” des International Institute for Strategic Studies (IISS).

Journalistisch orientierte Blogs zu diesem Thema sind meist Ableger existierender Zeitungen oder Zeitschriften, wie der “Checkpoint” der Washington Post, das Blog “At War” der New York Times und der “Danger Room” des Magazins WIRED.

Die Facebook-Seite "Sicherheitpolitik" und offiziere.ch arbeiten seit rund drei Jahren erfolgreich zusammen und ergänzen sich dabei thematisch (Quelle: offiziere.ch).

Die Facebook-Seite “Sicherheitpolitik” und offiziere.ch arbeiten seit rund drei Jahren erfolgreich zusammen und ergänzen sich dabei thematisch (Quelle: offiziere.ch).

Online-Angebote in Deutschland
Im deutschsprachigen Bereich sieht es mit ähnlich spezialisierten Angeboten dagegen recht dünn aus. Zur Sicherheitspolitik haben weder Medien noch Institutionen etwas Ähnliches wie das Blog des Naval Institute oder des IISS aufgelegt. Wenn solche Projekte gestartet wurden, haben sie in der Regel ein deutlich breiteres Spektrum, zum Beispiel die Außenpolitik insgesamt oder maritime Themen jenseits des Militärischen hinaus, wie das Blog “Meer verstehen” des Deutschen Maritimen Instituts. Oder sie sind, wie die Webseiten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), ins Internet ausgelagerte Instrumente zur Veröffentlichung. Sie dienen kaum dem Dialog mit dem Leser, der soziale Medien auszeichnet.

Wenn man die Angebote der Streitkräfte nicht berücksichtigt, gibt es damit im eigentlichen Bereich des Militärischen und der Sicherheitspolitik in den deutschsprachigen Ländern noch nicht einmal eine Handvoll auf solche Themen fokussierter Webseiten. Neben dem Blog des Autors, “Augen geradeaus!“, sind “Seidlers Sicherheitspolitik” des Doktoranden Felix Seidler, das “Sicherheitspolitik-Blog” Frankfurter Wissenschaftler und das auf sicherheitspolitische Kommunikation zentrierte “Bendler-Blog” aktiv. Das Schweizer Blog “Offiziere.ch” legt zwar auch einen Schwerpunkt auf Sicherheitspolitik in Europa, übernimmt aber zu einem großen Teil englischsprachige Einträge von US-Webseiten und -Autoren.

In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren einige weitere Versuche für sicherheitspolitische Blogs gestartet, von ihren Autoren aber wieder aufgegeben. Eine wichtige Rolle spielten dabei offensichtlich Zeitgründe. Ein kontinuierlicher Betrieb einer solchen Special-Interest-Webseite ist auf Dauer nur professionell zu gewährleisten, am ehesten mit einer Institution oder einem Verlag im Rücken. Eine Ausnahme ist die Webseite des früheren Grünen-Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei. Doch die gibt es nur deshalb noch, weil der ehemalige Verteidigungspolitiker sein großes persönliches Engagement auch nach dem Ausscheiden aus dem Parlament fortsetzte. Und auch Nachtwei ist mit einer zwar ständig aktualisierten, aber dennoch statischen Webseite präsent, nicht im Sinne eines sozialen Netzwerks.

Die israelischen Streitkräfte nutzen Twitter zur Information über ihre Operationen. (Quelle: Bundeswehr).

Die israelischen Streitkräfte nutzen Twitter zur Information über ihre Operationen. (Quelle: Bundeswehr).

Die Relevanz von Twitter
Rückgang bei militärischen Blogs, kaum spezialisierte deutsche Webseiten: Ist die rasante Zunahme digitaler Kommunikationskanäle an Sicherheitspolitik, Militär und Konflikten vorbeigegangen? International gesehen ist das Gegenteil der Fall. Vor allem der Kurznachrichtendienst Twitter hat sich auf diesem Feld, wie in anderen Bereichen auch, als das inzwischen schnellste und einflussreichste Medium durchgesetzt.

Das wird schon an dem Aufwand deutlich, den staatliche Akteure betreiben, um über Twitter eine möglichst weite Verbreitung ihrer Nachrichten zu erreichen. Beispielhaft vorexerziert haben das die israelischen Streitkräfte. Schon bei ihrer Operation gegen die Hamas im Gaza-Streifen 2012 flankierten die Israeli Defense Forces (IDF) ihr militärisches Vorgehen mit einer bis dahin beispiellosen Social-Media-Kampagne. Der Beginn der Operation, ein Drohnenangriff auf den militärischen Hamas-Führer Ahmed al-Jabari, wurde als Video nur wenige Stunden später auf dem Video-Portal Youtube veröffentlicht. Wichtigstes Medium für die Informationspolitik wurde jedoch in jenen Tagen der Kurznachrichtendienst, in dem die IDF in hohem Tempo ihre Lagemeldungen in englischer Sprache veröffentlichte. Die Al-Qassam-Brigade der Hamas versuchte – ebenfalls in englischer Sprache – mit einem eilends eröffneten Twitter-Account dagegenzuhalten, kam aber gegen die informative Übermacht der Israelis nicht an.

Dass die IDF – und inzwischen auch andere Streitkräfte, staatliche Akteure, aber auch Interessengruppen bis hin zu bewaffneten Gruppen wie den Taliban – auf Twitter als Nachrichten-Netzwerk setzen, überrascht nicht. Denn für viele Journalisten und Redaktionen im internationalen Nachrichtengeschäft ist der Kurznachrichtendienst inzwischen eine der wichtigsten Informationsquellen. Das gilt sowohl für das Sammeln als auch für das Verbreiten von Informationen: Etliche Entscheidungsträger, oft Politiker in Regierungsfunktionen, haben Twitter als schnellsten Weg in die Öffentlichkeit entdeckt, und zudem als einen, der sie von den Redaktionen der Medien unabhängig macht.

Ob bewusst lancierte militärische Absichten oder politische Projekte: Auch Journalisten nehmen die Informationen auf, die auf diesem Wege verbreitet werden, zumal der Weg über einen Tweet oft deutlich schneller ist als über eine Pressemitteilung, die durch herkömmliche Kontroll- und Distributionskanäle laufen muss. Ein Beispiel dafür lieferte der damalige NATO-Oberbefehlshaber James Stavridis beim Libyen-Einsatz des Bündnisses 2011. Am 21. Oktober teilte Stavridis lapidar mit, dass er dem Nordatlantikrat empfehlen werde, die Luftangriffe auf Ziele in dem nordafrikanischen Land zu beenden, und nutzte dafür seinen Twitter-Account und seine Facebook-Präsenz, auf denen ihm Zehntausende folgten: “An extraordinary 24 hours in Libya. As SACEUR, I will be recommending conclusion of this mission to the North Atlantic Council of NATO in a few hours.” Die Nachricht war weltweit verbreitet, noch ehe die Botschafter der NATO-Mitgliedsstaaten im Rat offiziell davon erfahren hatten.

Unter Spitzenmilitärs war und ist der inzwischen pensionierte US-Admiral allerdings ebenso eine Ausnahme wie die israelische Armee. So social-media-affin wie Stavridis geben sich die traditionellen Hierarchien von Streitkräften selten, selbst wenn sie soziale Netzwerke für ihre Zwecke nutzen: Zu viele Zuständigkeitsstufen verhindern in den meisten Fällen die schnelle und spontane Nutzung.

Für Journalisten hat eine uralte Aufgabe, die schon immer zum Beruf gehörte, neue Bedeutung bekommen: Die Verifizierung und Bewertung von Quellen. (Quelle: Bundeswehr/Faller).

Für Journalisten hat eine uralte Aufgabe, die schon immer zum Beruf gehörte, neue Bedeutung bekommen: Die Verifizierung und Bewertung von Quellen. (Quelle: Bundeswehr/Faller).

Umgang mit digitalen Medien in Konflikten
Nicht-staatliche Gruppierungen tun sich damit naturgemäß leichter, und ihre Meldungen bestimmen oft den Takt der Nachrichten aus einem Konfliktgebiet. Hochgradig professionell machte sich der so genannte Islamische Staat die Mechanismen der zum Teil von sozialen Netzwerken getriebenen Medienwelt zunutze: Seine gezielt produzierten und eingesetzten Videos, von gloriosen Aufmarschbildern der Terrormiliz bis hin zu den inszenierten Enthauptungen westlicher Geiseln, sorgten für einen Propagandaerfolg nach dem anderen. Perception is reality, Wahrnehmung bestimmt die Realität, ist ein Punkt in Konflikten und Krisen in aller Welt, die längst nicht mehr alleine mit Kalaschnikows und den allgegenwärtigen RPG-7-Panzerfäusten ausgetragen werden, sondern ebenso mit Tweets und verwackelten Handy-Videos.

Für Journalisten hat damit eine uralte Aufgabe, die schon immer zum Beruf gehörte, neue Bedeutung bekommen: Die Verifizierung und Bewertung von Quellen. Allein die Vielzahl der Informationen, die über die Masse der sozialen Netzwerke im Internet verfügbar ist, macht eine Filterung schwierig. Herauszufinden, ob eine verbreitete Information zutrifft oder schlicht falsch ist – sei es aus Unkenntnis, Irrtum oder als bewusst verbreitete Propaganda-Lüge –, wird zu einer zunehmend wichtigeren, aber auch schwierigeren Aufgabe.

Der müssen sich vor allem die Medien stellen, die mit bewegten Bildern arbeiten. Und das ist ja längst nicht mehr nur das Fernsehen. Ob ZDF oder Spiegel Online, bei allen Redaktionen, die Videos verbreiten, gehört die penible Untersuchung von Filmen aus kriegerischen Auseinandersetzungen inzwischen zum Tagesgeschäft. Gerade aus dem syrisch-irakischen Kriegsgebiet, aber auch aus der Ukraine landen täglich zahllose Videos auf den einschlägigen Portalen, von denen Youtube das bekannteste, aber bei weitem nicht das einzige ist. Oft hilft nur der sorgfältige Vergleich von Bildhintergründen mit anderen, bereits verifizierten Veröffentlichungen weiter, um das Bildmaterial einordnen und bewerten zu können.

Auch international gibt es Rechercheverbünde und lose Zusammenschlüsse von Journalisten, die sich über Informationen und Veröffentlichungen austauschen, um Fälschungen und Fehler rechtzeitig zu erkennen. Ein Außenseiter wie der Brite Elliot Higgins, bekannt unter seinem Arbeitsnamen Brown Moses, baute sich über Jahre Kompetenz in der Beurteilung von offenen Quellen aus dem syrischen Bürgerkrieg auf: Obwohl weder Journalist noch Landeskenner, wurde er zum Experten in der Identifizierung von Waffensystemen, die auf den zahlreichen Videos aus der Konfliktregion zu sehen waren. So konnte er beispielsweise Waffenlieferungen aus Kroatien an die syrischen Rebellen nachweisen.

Mit dem im Herbst 2014 gestartete Projekt Bellingcat kombinierte er seine Prinzipien der Open Source-Faktensammlung mit den Möglichkeiten des Crowdsourcing, des Kombinierens von Fakten, die von vielen Personen zusammengetragen werden, um so die Zahl der Informationen, die zu einer Bewertung herangezogen werden, deutlich zu erhöhen. Aufsehen erregendes Beispiel war im November 2014 die Sammlung der Belege dafür, dass das BUK-Raketensystem, mit dem vermutlich der Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde, von Russland an die Separatisten in der Ostukraine geliefert wurde.

Journalistische Herausforderungen: Prüfen und Bewerten
Das Prüfen von Quellen und Informationen, das Bewerten von Fakten ist einer der wesentlichen Gründe, warum Journalisten und Redaktionen auch und gerade bei explosionsartiger Vermehrung von Informationsquellen durch die Digitalisierung ihre Funktion nicht verloren haben und auf lange Sicht nicht verlieren werden. Allein die Menge an verfügbaren Informationen ist für einen normalen Leser in der Regel kaum zu bewältigen, geschweige denn einzuordnen.

Die Frage ist allerdings nicht, ob diese Informationsflut kanalisiert wird, sondern durch wen. In sozialen Netzwerken, vor allem beim Platzhirsch Facebook, treten Algorithmen und die Empfehlungen von Freunden und Bekannten an die Stelle einer professionellen Auswahl. Schon die Nachrichten von Freunden, auf deren Facebook-Mitteilungen man längere Zeit nicht reagiert hat, werden einem Nutzer nicht mehr angezeigt. Und echte Nachrichten, die nicht mit einem “Gefällt mir” geklickt oder weitergeleitet (im Jargon der sozialen Medien: geteilt) wurden, schon gar nicht. (Offiziere.ch: Siehe dazu “The Problem With Facebook).

Die Digitalisierung schafft damit theoretisch für jeden Nutzer, der früher Leser hieß, die Möglichkeit, auf alle verfügbaren Informationen ungefiltert zuzugreifen, und zugleich auch die Möglichkeit, sich von dieser Informationsflut abzuschirmen. Für Journalisten, die ihre Zielgruppe erreichen wollen, wird es deshalb von entscheidender Bedeutung sein, in diese Filterblase einzudringen. Auf Erfolg können sie nur hoffen, wenn sie zumindest die Medien und Netzwerke nutzen, die ihre Zielgruppe auch nutzt.

Noch mal zurück zum anfangs genannten Beispiel der Süddeutschen Zeitung: Neben der Welt der gedruckten Blätter hat sich schon längst ein digitales Nachrichten-Universum etabliert. Die so genannten Entscheider vor allem in der Politik nähern sich diesem “Neuland” nur langsam an. Ihre Filterblase ist mindestens so undurchlässig wie die eines ausschließlichen Facebook-Nutzers. Nur kleiner. Eine Herausforderung, aber auch eine Chance für den Journalismus ist es, diese Welten zu verbinden.

Literatur

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One Response to Journalismus über Militär und Krieg im digitalen Zeitalter

  1. Jopp says:

    Danke für die Veröffentlichung, die nicht nur sehr treffend die deutsche Situation beschreibt, sondern auch wertvolle Tips über andere Nationen gibt. Ein Admiral Stravidris kann eben so öffentlich sein, weil es in den USA eine andere Diskussions- und Streitkultur gibt. In Deutschland versucht der IP Stab des BMVg im vorauseilenden Gehorsam für die jeweilige Leitung zu disziplinieren. Aber neben dem Soldatengesetz gibt es das viel entscheidendere Grundgesetz. Im Artikel 25 ist dort das Recht auf freie Meinungsäußerung verbrieft.
    Bange machen gilt nicht.

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