U235, 90%, 600 Kilos – Project Sapphire

Von Danny Chahbouni. Danny studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.

Schematische Darstellung der Operation “Project Sapphire”.

Der post-sowjetische Raum zu Beginn der 1990er Jahre: In einem kaum gesicherten Lagerhaus in Kasachstan liegen die nuklearen Hinterlassenschaften der ehemaligen Supermacht. Gleichzeitig durchstreifen Terroristen und die Geheimdienste diverser geächteter Regime die jungen Staaten – wie einen riesigen Trödelmarkt – und versuchen Teile der brisanten Überbleibsel aufzukaufen. Die perfekten Zutaten für einen Tom Clancy Roman? Durchaus, die folgende Geheimoperation, die der Öffentlichkeit später unter der Bezeichnung “Project Sapphire” bekannt wurde, ist allerdings keineswegs Fiktion. In Zeiten von ISIS und der Atomprogramme Nordkoreas und Irans könnte die Bedrohung auch 20 Jahre später nicht aktueller sein.

Kasachstan: abgelegen, doch bedeutungsvoll
Für die sowjetische Militärmacht spielte das Land eine gewichtige Rolle. Neben 104 SS-18 ICBMs mit 1’400 Sprengköpfen, befand sich auch das Atomtestgelände Semipalatinsk, quasi das sowjetische Alamogordo, auf dem Staatsgebiet der ehemaligen Sowjetrepublik. Daneben gab es noch zwei weitere Testgelände für Nuklearwaffen. Bis heute werden das Raketentestgelände Saryschagan und das Kosmodrom Baikonur durch Russland genutzt.

Nach dem Ende des Kalten Krieges richteten sich die Augen des Westens vor allem auf die Interkontinentalraketen, die neben Kasachstan, auch in der Ukraine und in Weißrussland stationiert waren. Sehr schnell wurde jedoch klar, dass die eigentliche Gefahr für die internationale Sicherheit nicht von den Raketen ausging, sondern von den Massen an Nuklearmaterial, die schlecht oder kaum gesichert über die ehemalige Sowjetunion verstreut waren. Daneben befanden sich eine große Menge an chemischen Waffen im Bestand der Roten Armee und die Sowjetunion forcierte bis in die Ära Gorbatschow ein ernstzunehmendes Biowaffen-Programm. Als das Ende der Sowjetunion absehbar war, bemühte sich Russland, vor allem aus politischen Gründen, taktische Kernwaffen und andere Sondermunition schnellstens auf das eigene Staatsgebiet zu schaffen. Die schiere Menge dieser Kampfmittel stellte sich allerdings als unlösbares logistisches Problem dar. In der Folge blieben insbesondere Abfallprodukte, vereinzelt aber auch überzähliges Nuklearmaterial, in verlassenen Forschungseinrichtungen und Fabriken liegen.

Cooperative Threat Reduction Program
Die Senatoren Sam Nunn (Demokrat, GA) und Richard Lugar (Republikaner, IN) etablierten sich schnell als eifrigste Fürsprecher eines Hilfsprogramms, um die Gefahr der unkontrollierten Verbreitung von ABC-Waffen bzw. Bauteilen oder sonstigen Stoffen, einzudämmen. Das als Nunn-Lugar-Act bekannt gewordene Cooperative Threat Reduction Program (CTR) bot den Staaten der ehemaligen Sowjetunion finanzielle Hilfen, um im Gegenzug die gefährlichen Hinterlassenschaften zu sichern und zu entsorgen. Gelder gab es auch dafür, die nötige Infrastruktur für die sichere Lagerung von Atommüll und Chemikalien, aufzubauen. In der Ukraine, Weißrussland und in Kasachstan lag ein besonderes Augenmerk darauf, die verbliebenen ICBMs außer Dienst zu stellen und zu zerstören, damit vor allem die Trägersysteme nicht in die falschen Hände gerieten. Seit 2003 konnten auch Staaten dem Programm beitreten, die nicht unmittelbar Teil der Sowjetunion waren. Auf diese Weise entledigte sich u.a. Albanien seiner C-Waffen Bestände.

Seltenes Bildmaterial der Geheimoperation. Kasachische Arbeiter und ein Soldat der USAF (erkennbar am N-3b Parka) verladen Uranfässer in eine C-5b Galaxy.

Seltenes Bildmaterial der Geheimoperation. Kasachische Arbeiter und ein Soldat der USAF (erkennbar am N-3b Parka) verladen Uranfässer in eine C-5b Galaxy.

Project Sapphire
Eine besondere Situation ergab sich 1994 in der Stadt Ust-Kamenogorsk, in Ostkasachstan, die seit 1947 durch die Metallindustrie geprägt war. Innerhalb der Industrielandschaft befanden sich auch die Ulba-Werke, die u.a. Beryllium für die Nuklearindustrie verarbeiteten. In diesem Industriekomplex wurde auch hochangereichertes Uran für die Reaktoren der sowjetischen U-Boote der Alfa-Klasse produziert. Die Alfa-Klasse wurde bis 1975 gebaut und nach dem Ende des Projekts blieben ca. 600 Kg hochangereichertes Uran, in Kanistern und Eimern, in einer Lagerhalle liegen, die nur mit einem einfachen Vorhängeschloss gesichert war. Wer zu diesem Zeitpunkt über das brisante Inventar der Lagerhalle Bescheid wusste, ist nicht genau klar. Überhaupt gab es in dem gerade souverän gewordenen Staat nur eine überschaubare Zahl an Offiziellen, die sich dem Problem der sowjetischen Hinterlassenschaften bewusst waren. Dazu zählte u.a. der Direktor der Ulba-Werke, Vitali Mette, der am Rande eines Besuchs von U.S. Vize-Präsident Al Gore im Dezember 1993 dem US-Diplomaten Andy Weber einen Zettel zukommen ließ, mit der folgenden Nachricht:

U235
90 Percent
600 Kilos

Das war genug hochangereichertes Uran um ca. 20 Atombomben zu bauen. Weber leitete die Nachricht umgehend weiter, aber eine schnelle Reaktion blieb zunächst aus. Erst am Rande des Besuchs von Nursultan Nasarbajew bei Präsident Clinton im Februar 1994 kam das Thema wieder zur Sprache. Nasarbajew wollte den Fall möglichst geheim halten und das Uran an Russland zurückgeben. Die Russen wollten es allerdings nicht nehmen, da sie selbst größte Probleme hatten, ihre Bestände zu sichern. Zwischenzeitlich war Weber mit einem Experten des US-Energieministeriums nach Ust-Kamenogorsk geflogen und hatte Proben des Materials zu sammeln. Dabei bestätigte sich auch ein von der CIA lange gehegter Verdacht: In einer anderen Lagerhalle der Fabrik standen Kisten, die mit Beryllium, welches als Neutronenreflektor in Atomwaffen gebraucht wird, gefüllt waren. Die Fracht war bereits abgefertigt und die Kisten waren mit Teheran, Iran beschriftet. Vermutlich hatte nur ein dummer Zufall verhindert, dass das Material noch nicht in den Iran gelangt war. Ab diesem Zeitpunkt war allerdings klar, dass schnelles Handeln von Nöten sei. Das war der Startpunkt für die “Project Sapphire” genannte Geheimoperation, um das Material zu bergen.

Erfolgreiche Abrüstung: Auf einem ehemaligen ukrainischen Raketensilo werden im Juni 1996 Sonnenblumen gepflanzt. v.l.n.r.: Der russische Verteidigungsminister Grachev, der ukrainische Verteidigungsminister Shmarov und US-Verteidigungsminister Perry.

Erfolgreiche Abrüstung: Auf einem ehemaligen ukrainischen Raketensilo werden im Juni 1996 Sonnenblumen gepflanzt. v.l.n.r.: Der russische Verteidigungsminister Grachev, der ukrainische Verteidigungsminister Shmarov und US-Verteidigungsminister Perry.

Airlift
Während im Hintergrund diplomatische Verhandlungen zwischen den Regierungen der USA und Kasachstans liefen, wurde im Pentagon ein so genanntes “Tiger Team” mit Vertretern des Verteidigungs-, Energie- und Außenministeriums gebildet, um die weitere Vorgehensweise zu beraten. Als wirtschaftlichste Alternative wurde eine Luftbrücke vorgeschlagen. Das Uran sollte durch die US-Air Force aus Ust-Kamenogorsk nach Oak Ridge in die USA geflogen werden, wo eine sichere Lagerung gewährleistet wurde. Bevor diese Operation beginnen konnte, musste allerdings noch eine Übereinkunft mit der russischen Regierung gefunden werden. Zunächst, weil der russische Luftraum benutzt werden musste und – auch wenn das Uran quasi vergessen worden ist – der russische Staat Eigentümer des Materials war. Die politischen Schwierigkeiten konnten schließlich bilateral durch die Präsidenten Nazabayew und Jelzin gelöst werden. Die operativen Vorbereitungen begannen im Sommer 1994. 32 Nuklearexperten des US-Energieministeriums wurden für den verdeckten Einsatz ausgewählt.

Die eigentlich Operation wurde am 07. Oktober 1994 mit einer “Presidential Directive” befohlen. Mit drei C-5B Galaxy Transportern von der Dover Air Force Base wurde das Team am folgenden Tag über die Türkei nach Ust-Kamenogorsk geflogen. Diese erste Phase gestaltete sich bereits äußerst abenteuerlich, da der kleine Flughafen nicht die nötige Infrastruktur für die riesigen Transportmaschinen bot und keiner der Fluglotsen englisch sprach. Mit einiger Improvisation konnte die Mannschaft abgesetzt werden und die Arbeit in der abgelegenen Industrielandschaft aufnehmen. Dabei wurde die gesamte Zeit unter Legende gearbeitet. Erschwerend kam hinzu, dass durch die Länge des politischen Entscheidungsprozesses, der Winter nahte und die Arbeiten möglichst vor dem ersten Schnee beendet sein sollten. Das Uran musste umgelagert und für den Lufttransport in sichere Behältnisse gefüllt werden. Dieser Prozess dauerte bis zum 11. November 1994 und die letzte Galaxy verließ Kasachstan am 19. November 1994, bereits in dichtem Schneefall. Insgesamt waren sechs Flüge notwendig, um 448 Uran-Behältnisse und das Team wieder in die USA zu fliegen. Dabei wurde aus Sicherheitsgründen kein Zwischenstopp eingelegt, sondern die Maschinen wurden zweimal in der Luft betankt.

Preventive Defense
Um das Projekt zu ermöglichen ist erwartungsgemäß eine Menge Geld geflossen: 27 Millionen Dollar wurden an Kasachstan gezahlt und drei Millionen an die Ulba-Werke, in deren Lagerhallen das Uran gelagert war. Am 23. November wurde die Operation in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit publik gemacht. U.S. Verteidigungsminister William Perry hob dabei in einem kurzen Statement besonders folgendes hervor:

We have just transferred approximately 600 kilograms of weapons grade highly enriched uranium out of Kazakhstan at the request of the government of Kazakhstan, and delivered the material to the Department of Energy’s Y-12 plant in Oak Ridge in Tennessee for safe and secure storage. In other words we have just placed in safe hands enough nuclear material from the former Soviet arsenal to make more than 20 nuclear devices. In fact, some of this material was in a form that could be used directly to make nuclear weapons.

By removing it from the Ulba Metallurgical Facility in Kazakhstan where it was stored, and placing it at the Y-12 plant, we have put this bomb-grade nuclear material forever out of the reach of potential black marketeers, terrorists, or a new nuclear regime. — William J. Perry et al, “DoD News Briefing: Secretary of Defense William J. Perry, et al“, 23.11.1994.

“Project Sapphire” war nicht nur eine erfolgreiche Operation zur Bekämpfung von Proliferation, sondern vor allem Ausdruck eines neuen Denkens in der amerikanischen Sicherheitspolitik, das als “preventive defense” bezeichnet wurde. Die Doktrin der Abschreckung war zwar niemals gänzlich suspendiert, der Fokus der einzig verbliebenen Supermacht lag in den 1990er Jahren allerdings stärker auf einer Mischung aus präventiven und offensiven Maßnahmen. Eine Hinterlassenschaft dieser Zeit, die gesamte Bush-Ära und die erste Administration Obamas überdauerte, war das CTR. Im Jahr 2012 bekundete Russland das Abkommen auslaufen zu lassen, wobei im Jahr 2013 eine neue Übereinkunft zur Bekämpfung von Proliferation zwischen den USA und Russland getroffen wurde.

Weitere Informationen

Verweise

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2 Responses to U235, 90%, 600 Kilos – Project Sapphire

  1. Lukas Hegi says:

    Das CSIS hat anlässlich des Jubiläums der Operation ein längeres Podium veranstaltet:

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