MH17 und KAL007: Warum die Welt kein Déjà-vu erlebt

Von Danny Chahbouni. Danny studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.

Pro-russische Separatisten an der Absturzstelle von Flug MH17. Quelle: Reuters

Pro-russische Separatisten an der Absturzstelle von Flug MH17. Quelle: Reuters

Nach dem Abschuss von Flug Malaysian Airlines MH17 über den Kampfzonen der Ost-Ukraine wurden häufiger Parallelen zu einem anderen, irrtümlichen Flugzeugabschuss gezogen: Flug Korean Airlines 007 (KAL007), der vom Kurs abgekommen war und von der sowjetischen Luftverteidigung abgeschossen wurde. Bei genauerem Hinschauen erlebt die Welt allerdings kein Déjà-vu, denn Rahmenbedingungen und Art des Konflikts in der Ukraine sind gänzlich anders als die Welt des Jahres 1983.

Der Abschuss von KAL 007
Die Boeing 747 der Korean Airlines war am 31. August 1983 in New York gestartet und auf dem Weg nach Seoul. Nach einem Tankstopp in Anchorage sollte die Maschine ursprünglich die Luftstraße R-20 nehmen. Diese Route tangiert auch in einigen Kilometern Entfernung von Alaska die russische Halbinsel Kamtschatka (siehe Diagramm weiter unten). Durch einen Fehler des Autopiloten und eine Verkettung unglücklicher Zufälle wurde der Airliner mit einer amerikanischen RC-135 verwechselt, die einen sowjetischen ICBM-Test auskundschaften sollte, um den Sowjets eine Verletzung des SALT-II Vertrages nachzuweisen.

Über eine Stunde hatte die sowjetische Luftverteidigung KAL007 auf den Schirmen gehabt, bevor um 03:26 Ortszeit ein SU-15 Abfangjäger zwei Luft-Luft-Raketen auf das Flugzeug feuerte, welches sich zu diesem Zeitpunkt wieder im internationalen Luftraum aufhielt. Noch zwölf Minuten trudelte die Boeing in der Luft, bevor sie westlich von Sachalin zerschellte.

Cover des Time-Magazine nach dem Abschuss von KAL007. Quelle: Time

Cover des Time-Magazine nach dem Abschuss von KAL007. Quelle: Time

Korean Airline Massacre
Sowohl Flug MH17, als auch KAL007 wurde die Verwechslung mit militärischen Flugzeugen zum Verhängnis. Am 17. Juli diesen Jahres verloren 298 Menschen ihr Leben, 1983 waren es 269 Zivilpersonen. Hier enden die Parallelen allerdings auch bereits. KAL007 wurde nicht Opfer eines hybriden Krieges, wie er gegenwärtig in der Ukraine stattfindet, sondern der Großmachtrivalität des Kalten Krieges, der nach Jahren der Entspannung zu Beginn der 1980er Jahre einen neuen Höhepunkt erlebte. Sowohl die USA, als auch die Sowjetunion belauerten sich gegenseitig und die altersschwachen Herrscher im Kreml waren in fast panischer Angst vor einem Erstschlag der NATO. Bereits im Frühjahr 1983 führte die US-Pazifikflotte die Übung FleetEx83 durch, bei der mehrmals der sowjetische Luftraum durch F-14 Tomcats verletzt wurde. Die Verwechslung von KAL007 mit der RC-135, die Telemetriedaten des Raketentest in der Nähe aufklärte, muss als eine Panikreaktion gesehen werden, was auch die eifrigen Bemühungen erklärt, nach dem versehentlichen Abschuss, die Aussagen des Piloten der SU-15, zu verdrehen. Die Flugschreiber wurden erst im Jahr 1993 an Südkorea zurückgegeben.

Die internationalen Reaktionen waren im Gegensatz zur aktuellen Situation entsprechend schärfer. Vor allem die Worte, die aus dem Weißen Haus kamen. Präsident Reagan, der die Sowjetunion bereits wenige Monate vorher als “Evil Empire” bezeichnet hatte, sprach gar von einem “Akt der Barbarei”.

And make no mistake about it, this attack was not just against ourselves or the Republic of Korea. This was the Soviet Union against the world and the moral precepts which guide human relations among people everywhere. It was an act of barbarism, born of a society which want only disregards individual rights and the value of human life and seeks constantly to expand and dominate other nations. — Ronald Reagan, “President Reagan’s Address to the Nation on the Soviet Attack on a Korean Airliner (KAL 007)“, 05.09.1983

Nach dem Abschuss präsentierten die USA dem UN-Sicherheitsrat den abgefangenen Funkverkehr der sowjetischen Luftverteidigung. Eine Leugnung des Abschuss war deshalb für die Sowjets kaum mehr möglich, stattdessen blieb man bei der Aussage, KAL007 sei auf einer Spionagemission für die CIA gewesen. Als Strafmaßnahme verhängte Reagan am 15. September 1983 ein Flugverbot für die sowjetische Fluggesellschaft Aeroflot. Interessanterweise geht auch die Freigabe des Navigationssystem GPS für die zivile Nutzung auf den Abschuss von Flug KAL007 zurück.

Amerikanische M-113 rollen durch Herbstein im Vogelsberg im Rahmen des Manövers Autumn Forge 83. Quelle: Wikipedia

Amerikanische M-113 rollen durch Herbstein im Vogelsberg im Rahmen des Manövers Autumn Forge 83. Quelle: Wikipedia

1983: Eines der gefährlichsten Jahre
Der Abschuss von KAL007 unterscheidet sich – wie oben bereits erwähnt – vor allem durch die grundsätzlich unterschiedlichen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen. Darüber hinaus war die Katastrophe ein vorläufiger Höhepunkt eines Jahres, welches die Eiszeit zwischen Ost und West noch kälter werden ließ. Nach dem NATO-Doppelbeschluss und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan waren sämtliche Bemühungen um Entspannung dahin. Nachdem im Jahr 1982 die Abrüstungsverhandlungen zur Beseitigung von Mittelstreckenraketen gescheitert waren, setzte die NATO den Doppelbeschluss in die Tat um und kündigte die Stationierung von nuklearen Mittelstreckenwaffen des Typ Pershing II und von Tomahawk Cruise Missiles für das Ende des Jahres 1983 an. Während Bundeskanzler Helmut Schmidt den Doppelbeschluss als notwendig betrachtete um mit den sowjetischen SS-20 Raketen gleich zu ziehen, gab es in den USA durchaus Stimmen, die die Mittelstreckenraketen als essentiell betrachteten, um einen nuklearen Schlagabtausch durch frühzeitige “Enthauptung” der Sowjetunion zu gewinnen. Verbunden mit Reagans schrillem Antikommunismus, schürte das die Panik im Kreml. Die sowjetischen Geheimdienste KGB und GRU starteten deshalb bereits im Jahr 1981 die Operation RJaN, die Indizien für einen bevorstehenden Erstschlag der NATO sammeln sollte. Im Jahr 1983 schienen sich die Hinweise zu verdichten.

Nach Reagans “Evil Empire”-Rede und der Ankündigung der strategischen Verteidiungsinitiative “SDI”, lagen die Nerven endgültig blank. Der Abschuss von KAL007 schien den perfekten Vorwand zu bieten, die Sowjetunion zu vernichten. Erhöhte Sicherheitsstufen durch den Terroranschlag auf die US-Marines in Beirut und verstärkte diplomatische Korrespondenz zwischen Washington und London, die allerdings auf die US-Operation in Grenada zurückzuführen war, lieferten weitere Indizien im Rahmen der Operation RJaN. Im Herbst 1983 führten die NATO-Truppen in Westdeutschland das Manöver Autumn Forge 83 durch. Während die Panzer zwischen Fulda und Bad Hersfeld die abgeernteten Felder in Schlammwüsten verwandelten, gab es in Serpuchow-15 in den frühen Morgenstunden des 26. September 1983 einen Fehlalarm. Bei der Einrichtung handelt es sich um eine Bodenstation für Frühwarnsatelliten, die plötzlich den Start amerikanischer Interkontinentalraketen meldeten. Die Fehlfunktion des Satelliten wurde durch den Diensthabenden Oberstleutnant rechtzeitig erkannt und kein weiterer Alarm ausgelöst.

Die Verkettung von dramatischen Ereignissen war allerdings noch nicht vorbei, denn die NATO-Manöver endeten in diesem Jahr mit der Stabsrahmenübung Able Archer 83, in der die Befehlskette zur Freigabe von Nuklearwaffen geübt wurde. Bei dieser, lange geplanten Übung, sollten erstmals auch echte Politiker teilnehmen, um die Verfahrenabläufe möglichst realitätsnah zu üben. Die sowjetische Führung um den schwerkranken Juri Andropow war zutiefst verunsichert, wirkte das Manöver in Anbetracht der vorherigen Ereignisse doch tatsächlich wie der Auftakt eines heißen Krieges. In der Folge wurden Truppen in der DDR und in Polen in Alarmbereitschaft versetzt. Ob dabei – wie in diversen populären Veröffentlichungen behauptet – tatsächlich Jagdbomber mit taktischen Nuklearwaffen bestückt, startbereit auf den Rollfeldern warteten, lässt sich nicht ohne weiteres belegen. Das die Ereingisse nicht eskaliert sind, lag vor allem daran, dass beide Seite hochkarätige Quellen führten, die rechtzeitig von der Operation RJaN berichteten. Reagan sagte seine Teilnahme an der Übung jedenfalls urplötzlich ab und zeigte sich öffentlich auf seiner Ranch. Übrigens waren die Pershing II zum Zeitpunkt des Manövers noch nicht in Dienst gestellt. Die ersten Raketen wurden erst Ende November 1983 nach Europa verlegt.

Diagramm der geplanten und tatsächlichen Flugroute der KAL007.

Diagramm der geplanten und tatsächlichen Flugroute der KAL007.

 
Fazit
Um die Ereignisse um Flug KAL007 wirklich aufzuklären, vergingen zehn Jahre und ohne den Zerfall der Sowjetunion würden die Flugschreiber vermutlich noch heute in russischen Panzerschränken liegen. Die Hintergründe, die zum Abschuss von Flug MH17 führten, sind wesentlich komplexer und undurchsichtiger. Ob man jemals zweifelsfrei belegen kann, wer genau für den Abschuss verantwortlich ist, erscheint fragwürdig. Eines haben die Abschüsse von KAL007 und MH17 jedoch gemein: Beide Katastrophen wirkten wie ein Katalysator für die ohnehin gespannte politische Lage. Trotz der rapiden Abkühlung der Ost-West-Beziehungen erlebt die Welt dennoch kein Déjà-vu der Eiszeit des Jahres 1983. Das zeigt sich auch am Verhalten der Bevölkerungen: 1983 protestierten hunderttausende gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen. Das die Einflussagenten des Ostens hierbei ihre Finger im Spiel hatten, gilt als sicher. 2014 sind die Trolle des Kreml anscheinend weniger erfolgreich: Neben einer ganzen Welle unqualifizierter Kommentare in Web 2.0 Angeboten, konnten sie bisher nur politische Esoteriker und ähnliche krude Gestalten für ihre “Montagsdemonstrationen” mobilisieren.

 
Verweise

 

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8 Responses to MH17 und KAL007: Warum die Welt kein Déjà-vu erlebt

  1. Martin says:

    «Sowohl Flug MH17, als auch KAL007 wurde die Verwechslung mit militärischen Flugzeugen zum Verhängnis.»

    Woher weiss der Autor das? Bislang ist ja im Wesentlichen erstellt, dass das Flugzeug im Westen der Ukraine abgestürzt ist, nachdem es vorher in der Luft auseinandergefallen war …

    • Martin says:

      Korrektur: Osten, nicht Westen.

    • Hallo Martin,
      das sieht mir nicht nach spontanem Auseinanderfallen aus: David Cenciotti, “Analysis: what these signs on the wreckage tell us about the missile strike that downed MH17“, The Aviationist, 24.07.2014.

      • Martin says:

        Stimmt, aber wenn man sich nüchtern an die medienöffentlichen Fakten hält, bleiben auch in Bezug auf einen etwaigen Abschuss – und wenn man über einen Abschuss spekuliert, über dessen Grund – nur Spekulationen übrig …

    • In my personal capacity as Defence Minister and from what I have seen, I believe it’s impossible that an air-to-air missile was used to shoot down the plane. It was a surface-to-air missile and in that area, such a system could belong to the Ukrainian side or the rebel forces. The separatists could be supplied by Russia. […] We want to get to the bottom of this and know who’s responsible but we will give time for the investigators to find the perpetrator. — Hishammuddin Hussein, Malaysian Minister of Defence cited in “MH17 unlikely shot by fighter jet“, The Star, 10.08.2014.

      Hussein said also that the type of surface-to-air missile located in the area was the Buk missile system, but other possibilities were still under investigation.

      • Martin says:

        Ob sich ein Jurist und Politiker mit solchen Fragen auskennt? Fachmann für solche Fragen ist Hishammuddin Hussein jedenfalls nicht … und es liegt in seinem Interesse, dass es sich tatsächlich um einen Abschuss und nicht um eine andere Absturzursache handelt.

        Selbstverständlich erscheint es naheliegend, dass das Flugzeug vom Boden aus abgeschossen wurde. Aber wir wissen es schlicht noch nicht, wobei sich keine anderen Ursachen aufdrängen … und wir wissen schon gar nicht, ob es sich um ein Versehen handelte, wie der Autor anscheinend zu wissen glaubt. In einem Land, wo Rechtsradikale die stärkste politische Fraktion stellen, darf man Absicht nicht ausschliessen, aber genauso wenig kann man sie bei den Separatisten ausschliessen.

  2. The pattern of damage observed in the forward fuselage and cockpit section of the aircraft was consistent with the damage that would be expected from a large number of high-energy objects that penetrated the aircraft from outside. — Dutch Safety Board, “Crash involving Malaysia Airlines Boeing 777-200 flight MH17“, Preliminary report, 09.09.2014, p. 25.

    • Martin says:

      Vielen Dank für den Weblink!

      Ich hoffe, es wird früher oder später noch (sinnvoll) möglich sein, Wrackteile zu untersuchen, wodurch sich ein mutmasslicher Abschuss definitiv bestätigen lassen wird.

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