Al-Qaida vor den Toren – Dschihadisten entfesseln neuen Krieg im Irak

von Dr. Hauke Feickert, Lehrbeauftragter im Centrum für Nah- und Mittelost-Studien (CNMS) der Philipps University Marburg.

Mit einer spektakulären Offensive haben wenige tausend Kämpfer des al-Qaida-AblegersIslamischer Staat in Irak und Syrien” (ISIS) eine Massenpanik im Nordirak ausgelöst und die Stadt Mosul eingenommen: Bis zu einer halben Millionen Menschen sind vor den Gotteskriegern auf der Flucht – unter ihnen über 30’000 Angehörige der irakischen Sicherheitskräfte. Um die Lage zu stabilisieren greift die Regierung in Bagdad nun auf schiitische Milizen und Einheiten der iranischen Revolutionsgarde zurück.

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Die politische Normalität liegt im Irak erst eineinhalb Monate zurück. Als am 30. April 2014 gut 62% der Wahlberechtigten ihre Stimmen für die Parlamentswahl abgaben, blieb es im Land weitgehend ruhig. Die Drohung des ISIS, die Abstimmung in ein Blutbad zu verwandeln, realisierte sich nicht. Nach der gelungenen Besetzung der Stadt Falludscha durch die sunnitisch-islamische Terrorgruppe zum Jahreswechsel 2013/2014 und Vorsößen in das Gebiet nahe der berüchtigten Stadt Abu Ghraib, rund 40 km westlich von Bagdad, schien ISIS Ende April wieder in der Defensive zu sein. So ging das irakische Militär erfolgreich gegen Terrorcamps entlang der syrisch-irakischen Grenze vor und riegelte Falludscha systematisch ab.

Doch während sich die Spitzenpolitiker in der Hauptstadt mit dem Ergebnis der Parlamentswahl auseinandersetzten und sich für langwierige Verhandlungen über die Regierungsbildung in Position brachten, begann ISIS am 5. Juni unerwartet eine Serie von koordinierten Angriffen im Nordirak. In der Stadt Samarra versuchten die Aufständischen den schiitischen Askari Schrein in ihre Gewalt zu bringen, dessen Zerstörung 2006 eine Welle von Kämpfen und ethnischen Säuberungen zwischen sunnitischen und schiitischen Milizen ausgelöst hatte. Der Vorstoß blieb jedoch erfolglos und kostete zwei Führungsfiguren der Dschihadisten das Leben.

In der Provinzhauptstadt Mosul brachen ISIS-Kämpfer hingegen in mehrere Viertel im Westen und Osten ein und lieferten Armee und Polizei in den folgenden Tagen heftige Kämpfe. Die Vielzahl der Gefechte und die Notwendigkeit von schnellen Stellungswechseln lösten offenbar eine immense Verwirrung in der lokalen Militärführung aus und führten zu widersprüchlichen Befehlen. Nachdem die Dschihadisten am 10. Juni schließlich zentrale Gebäude im Stadtzentrum unter Feuer nahmen und das operative Hauptquartier der Provinz evakuiert werden sollte, brach die Koordination der Sicherheitskräfte endgültig zusammen. Während immer mehr Soldaten und Polizeikräfte den Kampf aufgaben und aus der Stadt flüchteten, besetzte ISIS die Verwaltungsgebäude, Waffendepots, Banken und Krankenhäuser sowie den Flughafen der Stadt. Aus Gefängnissen befreiten die Terroristen rund 3’000 Häftlinge.

ISIS: Actual Sanctuary, June 2014 (Source: Jessica Lewis, "Updated Map of ISIS Sanctuaries in Iraq and Syria", Institute for the Study of War, 10.06.2014).

ISIS: Actual Sanctuary, June 2014 (Source: Jessica Lewis, “Updated Map of ISIS Sanctuaries in Iraq and Syria”, Institute for the Study of War, 10.06.2014).

Das schnelle Ende der Kämpfe in Mosul muss Angreifer wie Verteidiger überrascht haben – immerhin befanden sich über 30’000 Soldaten und tausende Polizisten in der Millionenstadt. Die Verteidiger waren jedoch bereits über Monate hinweg geschwächt worden. So hatte ISIS im Rahmen seiner Kampagne “Soldatenernte” seit Juli 2013 wiederholt Guerillaangriffe in der Provinz Ninive unternommen, Familien von Staatsbeamten eingeschüchtert und Führungsfiguren ermordet. Währenddessen hatte das Verteidigungsministerium in Bagdad seine qualifizierten Kräfte im Kampfgebiet Falludscha konzentriert und in Sicherungsmissionen gebunden, etwa in al-Anbars Provinzhauptstadt Ramadi oder in der heiligen Stadt Kerbela, wo am 14. Juni religiöse Feierlichkeiten stattfinden sollten. Die Ablenkung von Premierminister und Oberbefehlshaber Nuri al-Maliki durch die schwierigen Gespräche über die Bildung seiner dritten Regierung mag ein Übriges getan haben, um die Reaktion der Streitkräfte zu lähmen.

Mit ihrer Offensive im Nordirak hat die Führung von ISIS um den Iraker Abu Bakr al-Bagdadi die Schwächen der regierenden Parteien und des irakischen Militärs aufgedeckt und ausgenutzt: Erstens die Uneinigkeit, wer das Land alternativ zu dem vielkritisierten Maliki regieren soll; zweitens die Ratlosigkeit, wie die schiitische Bevölkerungsmehrheit mit dem aktiven oder passiven Widerstand der sunnitischen Minderheit umgehen soll, die einst den Staatsdienst dominierte und nach dem Sturz von Saddam Hussein ihren Einfluss verlor; sowie drittens die Mutlosigkeit, die Armee von korrupten und inkompetenten Offiziere zu säubern, fähigen Militärs mehr Entscheidungsraum zu überlassen und die Eigeninitiative von Unteroffizieren und Mannschaften zu fördern.

ISIS gelang seinerseits der Aufbau klarer Kommandostrukturen, strategische Kohärenz und taktische Flexibilität. So reagierten die Dschihadisten nach ihrem plötzlichen Durchbruch in Mosul mit weiteren raschen Vorstößen, um ihren Erfolg auszunutzen. In rascher Folge eroberten sie Dörfer und Städte entlang der Autobahn in Richtung Bagdad. Bereits am 11. Juni fiel die Ölstadt Baji in ihre Hände. Zur gleichen Zeit bemächtigten sich Kämpfer der Städte Hawija und Tuz Kurmatu westlich und südlich der Ölmetropole Kirkuk. Auch die Heimatstadt von ex-Diktator Saddam Hussein, Tikrit, wurde kurzfristig von den Aufständischen erobert. Gleichzeitig führte die Gruppe Bombenanschläge im schiitischen Südirak aus, die ihren Einfluss bis an die kuwaitische Grenze demonstrierte.

Members of the Kurdish security deploy on the outskirts of Kirkuk June 11, 2014.

Members of the Kurdish security deploy on the outskirts of Kirkuk June 11, 2014.

In der gesamten Kampagne zeigte ISIS bisher auch einen ungewohnt großen Pragmatismus im Umgang mit den “befreiten” Gebieten: In Mosul legten die Gotteskrieger etwa die Priorität auf den Wiederaufbau einer funktionierenden Stadtverwaltung und die Rückkehr zum Alltagsleben, statt auf eine sofortige Einführung ihrer rigiden Moral- und Rechtsvorstellungen. Damit könnte es ISIS gelingen, die Mehrheit der sunnitischen Iraker, die keineswegs mit den Ideen al-Qaidas einverstanden sind, passiv zu halten. Weiter hat ISIS offenbar die Waffenhilfe der Naqshabandia-Armee angenommen, einer Guerillagruppe von ehemaligen Parteigängern des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein. Dieses Zweckbündnis könnte zu einer dauerhaften Allianz werden in der islamistische und säkulare Sunniten gemeinsam gegen das “schiitische” Bagdad kämpfen.

Die Zentralregierung hat auf den Verlust von Mosul und den weiteren Vormarsch von ISIS panisch reagiert. Premierminister Maliki räumte in einer Ansprache am 11. Juni ein, dass seine Armee, um deren professionellen Aufbau er sich seit 2006 bemüht hatte, die zweitgrößte Stadt des Landes an einige wenige Terroristen – offenbar rund 1’000 Mann – verloren hatte. Den geschlagenen Soldaten befahl er, sich zu den Militärbasen von Taji und Balad vor den Toren Bagdads zurückzuziehen – rund 400 Km südlich von Mosul. Die Belagerung von Falludscha ließ er abbrechen. Gleichzeitig rief Maliki sogar die Bevölkerung dazu auf, sich freiwillig zu melden, um gegen al-Qaida zu kämpfen. Mit seiner Reaktion gestand der Premierminister ein, dass der gesamte Norden kein sicheres Gebiet mehr ist und suggerierte, dass die Hauptstadt selbst in Gefahr sein könnte, dem Vormarsch der Dschihadisten zum Opfer zu fallen.

Um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, forderte Maliki das Parlament auf, den Notstand zu erklären und die kommenden Maßnahmen der Regierung zu unterstützen. Dieser Vertrauensbeweis blieb dem Premier jedoch vorenthalten. In der bereits für den 12. Juni einberufenen Sitzung boykottierte die Mehrzahl der sunnitischen und kurdischen Abgeordneten die Abstimmung – ein deutliches Zeichen dafür, dass diese nicht bereit sind Maliki in einer nationalen Krise zu unterstützen, für deren Ursprung sie die schlechte Politik des Regierungschefs selbst verantwortlich machen.

Während sich so die Sunniten und Kurden von Bagdad abwenden, rücken die Schiiten näher zusammen. Bereits am 11. Juni schlug Muktada al-Sadr, Führungsfigur der zweitwichtigsten schiitischen Partei des Iraks, die Bildung von “Friedenstruppen” vor, offenbar schiitische Milizen, die vor Moscheen, Kirchen und anderen heiligen Stätten des Landes positioniert werden sollten. Sadr betonte jedoch, er sei nicht bereit das Land in einen ethnischen Konflikt zwischen schiitischen Milizen und sunnitischen Terroristen abgleiten zu lassen.

Iraqis who fled the violence in Mosul wait at a checkpoint in Erbil, Kurdistan region, north Iraq, 11 June 2014.

Iraqis who fled the violence in Mosul wait at a checkpoint in Erbil, Kurdistan region, north Iraq, 11 June 2014.

Bedeutender könnte indes die schnelle Reaktion der iranischen Republik sein, die als schiitische Schutzmacht ein langjähriger Partner der Maliki-Regierung ist. Bereits am Tag nach dem Fall von Mosul überquerten zwei Bataillone der al-Quds Brigade der iranischen Revolutionsgarde die Grenze, um die Verteidiger in Bagdad und in den heiligen Stätten von Nadschaf und Kerbela zu unterstützen. Der Leiter der Quds-Brigade, General Qassem Sulaimani, reiste offenbar ebenfalls nach Bagdad, um die irakische Militärführung direkt zu beraten. Eine dritte Einheit des iranischen Militärs hat scheinbar bereits in die Kämpfe eingegriffen und die irakische Armee bei der Rückeroberung von Tikrit am 12. Juni unterstützt.

Angesichts dieser internen und externen Unterstützung sowie den beträchtlichen eigenen Ressourcen der irakischen Regierung lässt sich eine weitere Ausdehnung von ISIS in die schiitischen Siedlungsgebiete des Zentraliraks wohl eher ausschließen. Umgekehrt erscheint eine baldige Rückeroberung von verlorenen Gebieten durch die irakische Armee, unter Anleitung iranischer Offiziere, wahrscheinlich. Doch eine anti-Terror-Offensive gegen wenige tausend Dschihadisten könnte sich rasch zu einer Unterwerfungskampagne wie in Syrien ausweiten, sollte es ISIS gelingen, die sunnitischen Stämme und die städtische Bevölkerung für ihren Kampf gegen “die Perser” und “das schiitische Bagdad” zu mobilisieren. Neben dem schnellen Bewegungskrieg der letzten Tage könnte es dann zu schweren Kämpfen kommen, bei denen wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen werden wird.

Positiv könnte sich der Konflikt indes für die Kurden auswirken, die im Nordirak nun ihre nationalen Interessen durchsetzen können. Seit zehn Jahren fordert die kurdische Regierung die Eingliederung großer Territorien in ihre Kurdischen Autonome Region (KAR). Zuletzt hatte sich der Streit im November 2012 in offenen Gefechten zwischen irakischen Truppen und kurdischen Peschmerga entladen. Nach dem Zerfall der staatlichen Ordnung in Mosul rückten daher Einheiten aus der KAR vor und besetzten am 12. Juni die Stadt Kirkuk. Möglich wäre, dass das kurdische Parlament die seit langem eingeforderte Stadt und andere Gebiete in nächster Zeit einseitig annektiert und dadurch einen Bruch mit Bagdad riskiert. Bereits vor den irakischen Wahlen im April hatte KAR-Präsident Masud Barzani durchblicken lassen, dass eine Abspaltung Kurdistans für ihn denkbar wäre.

Als weiterer Nutznießer des Krieges kann zudem der Iran gelten, auf den die Regierung in Bagdad mehr als je zuvor angewiesen ist. Sollten sich die iranischen Revolutionsgarden auch in den nächsten Wochen als elementar für den Schutz der irakischen Schiiten erweisen, wird das die Souveränität des Landes massiv schwächen. Premierminister Maliki könnte dann gezwungen werden, sein Bemühen um eine Balance zwischen den Vereinigten Staaten und der Islamischen Republik aufzugeben. Nach der Schwächung von Baschar al-Assad in Syrien hätte man dann im irakischen Regierungschef einen weiteren abhängigen Bündnispartner in der arabischen Welt gewonnen.

Der offene Krieg, den ISIS im Irak neu entfesselt hat, hat somit das Potenzial, das Land zu extremen Richtungsentscheidungen zu zwingen, die seine Politiker in den letzten zehn Jahren aufgeschoben haben: schiitische Alleinregierung oder Machtbeteiligung aller Ethnien nach Proporz, starker Zentralstaat oder mehr föderale Strukturen, die kurdische Unabhängigkeit oder Akzeptanz der kurdischen Autonomierechte, ein iranisches Bündnis oder Annäherung an den Westen. Daneben bleibt aber auch eine für die letzten Jahre fast landestypische Entwicklung möglich – alles ist in Bewegung, aber nichts wird entschieden.

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