“Foreign fighters” in Syrien – starke Zunahme von “Dschihad Touristen” aus West-Europa in 2013

Ein Gastbeitrag von Lukas Hegi. Er ist Mitglied des Vorstandes der Vereinigung Schweizerischer Nachrichtenoffiziere (VSN). Eine ältere Version dieses Artikels wurde im Bulletin 1 (2014) der Vereinigung Schweizerischer Nachrichtenoffiziere veröffentlicht. Für die Online-Publikation wurde er dem aktuellen Kenntnisstand angepasst.

Im letzten Herbst erschien am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich eine Studie zu den Radikalisierungstendenzen von Muslimen in der Schweiz, verfasst von Lorenzo Vidino. Vidino kam zum Schluss, dass die “Szene” radikaler Islamisten hierzulande zwar sehr klein ist, aber mehrere tausend Sympathisanten umfasst und sehr gut vernetzt ist, sowohl untereinander wie auch mit dem Ausland. Seither hat das Thema die Medien nicht mehr losgelassen. In regelmässigen Abständen widmen sie sich seither der Frage wie gross die Gefahr für die Schweiz durch radikale Islamisten und Kriegsheimkehrer ist, und wie mit ihnen umgegangen werden soll. Auch wenn genaue Zahlen schwierig zu ermitteln sind und die Behörden sich verständlicherweise bedeckt geben, nimmt das mediale Interesse nur eine Tendenz auf, welche die Sicherheitsorgane der westeuropäischen Staaten zunehmend beunruhigt.

Das Leid der Zivilbevölkerung ist einer der Gründe, der viele Junge bewegt, sich dem Kampf gegen Assad anzuschliessen.

Das Leid der Zivilbevölkerung ist einer der Gründe, der viele Junge bewegt, sich dem Kampf gegen Assad anzuschliessen.

Markante Zunahme der Dschihad-Touristen im letzten Jahr
Bis zu 11’000 sogenannte “foreign fighters” aus insgesamt 74 Staaten hätten seit dem Beginn des Aufstandes gegen Assad in Syrien auf der Seite der Rebellen gekämpft, seien getötet oder gefangen genommen worden. Mit dieser Zahl schreckte Ende letzten Jahres eine Untersuchung des International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR) die Öffentlichkeit auf. Aaron Y. Zelin und seine Mitautoren hatten seit 2011 rund 1’500 öffentlich zugängliche Quellen wie Zeitungsartikel, Berichte von Behörden, aber auch Einträge aus einschlägig bekannten Foren, meist in englischer oder arabischer Sprache ausgewertet. Die genaue Zahl ausländischer Kämpfer zu bestimmen ist fast unmöglich. Zu unterschiedlich sind dazu die Erfassung und Bewertung zum Beispiel durch die Sicherheitsorgane. Als besonders schwierig erweist es sich dabei die Frage von Staatszugehörigkeit und Herkunft der Kämpfer, welche nicht immer eindeutig zu beantworten ist. Die Autoren haben die einzelnen Kämpfer jeweils dem Staat zugeordnet in dem sie ihren Wohnsitz haben. Darin spiegeln sich das Rekrutierungspotential und die Vernetzung der Rekrutierer, und damit zu einem gewissen Teil der auch der Grad der Radikalisierung wieder. Auf Grund der genannten methodischen Probleme geben Zelin und seine Mitarbeiter die Gesamtzahl in einer Bandbreite von “low” (nur nachgewiesene Fälle) bis “high” (sehr wahrscheinlich auf Grund von Quellen) wieder. Diese Spektrum reicht von 3’300 bis zu den genannten 11’000. Davon dürfte etwa jeder fünfte, oder zwischen 400 und 2’000 Kämpfer, aus Westeuropa stammen. Der norwegische Terrorismus- und Extremismusforscher Thomas Hegghammer schätzt die Zahl auf etwa 1’200 womit aber “the number of European fighters in Syria may exceed the total number of Muslim foreign fighters from all Western countries to all conflicts between 1990 and 2010.” (Thomas Hegghammer, “Number of foreign fighters from Europe in Syria is historically unprecedented. Who should be worried?“, Washington Post, 27.11.2013)

Bemerkenswert und gleichermassen beunruhigend ist die massive Zunahme der Reisen innerhalb der zweiten Jahreshälfte 2013. Zelin hatte bereits im April 2013 eine Einschätzung abgegeben und war damals von 140 bis 600 Kämpfern aus Westeuropa ausgegangen. Diese Zahl hat sich bis im Dezember 2013 verdreifacht. An der Bevölkerungszahl gemessen überproportional vertreten sind dabei Reisende aus Belgien, Grossbritannien und den skandinavischen Ländern. Einen Grund für die Zunahme sehen Fachleute in einem gestiegenen Interesse und der dadurch breiteren Berichterstattung. Ursächlich dafür seien sowohl das Bombenattentat von Boston, wie auch die grausame Ermordung des britischen Soldaten Lee Rigby am helllichten Tag mitten im Londoner Stadtteil Woolwich. Beide Anschläge wurden durch Rückkehrer aus Konfliktgebieten – im Falle des Bombenattentats von Boston (Dzhokhar und Tamerlan Tsarnaev) Dagestan, bei den Mördern von Woolwich Kenya beziehungsweise Somalia – verübt. Diese beiden Fälle, obwohl auf den ersten Blick ohne direkte Verbindung, warfen die Frage auf, wie gross die Gefährdung durch (radikalisierte) Rückkehrer aus Kriegsgebieten ist (Thomas Hegghammer, “Should I Stay or Should I go? Explaining Variation in Western Jihadists’ Choice between Domestic and Foreign Fighting“, American Political Science Review 107, February 2013, S. 1-15). Und sie lenkten noch einmal verstärkt den Blick auf Muslime und islamistische Kreise.

Aber nicht nur gewaltsame Zwischenfälle sind für das verstärkte Medieninteresse verantwortlich. In Deutschland hat sich das Problem zum Beispiel durch die Fälle von ‘prominenten’ Syrien Dschihadisten akzentuiert. Das war zum einen der Fall des Berliner Rappers Denis Cuspert alias Deso Dogg, und zum anderen jener des ehemaligen Fussballtalents und Jugendnationalspielers Burak Karan, der in der deutschen Jugendnationalmannschaft mitgespielt hatte. Karan kam letztes Jahr in Syrien ums Leben. Cuspert, der in Syrien den Namen Abu Talha Al Almani angenommen hatte und seit kurzem auf Seiten der Islamic State oft he Iraq and the Levant (ISIL), der radikalsten islamistischen Fraktion im syrischen Bürgerkrieg, gekämpft hatte, starb angeblich kürzlich bei einem Selbstmordanschlag, der durch die verfeindete Al Nusrah Front verübt wurde. Wie diese beiden haben sich allein aus Deutschland inzwischen mehr als 300 Gleichgesinnte auf den Weg ins Kriegsgebiet gemacht. Gemäss Yassin Musharbash von Der Zeit soll etwa jeder Dritte davon ein Konvertit sein (“Europäische Jihadisten – krass ‘anders’ sein“, Echo der Zeit, SRF, Erstausstrahlung 23.1.2014).

Mit seinen Brandreden hat Yusuf al-Qaradawi den innerislamischen Konflikt weiter angeheizt. © Picture-Alliance / Photoshot/dpa / Photoshot

Mit seinen Brandreden hat Yusuf al-Qaradawi den innerislamischen Konflikt weiter angeheizt. © Picture-Alliance / Photoshot/dpa / Photoshot

Wahrnehmung als konfessioneller Konflikt
Die Terroranschläge oder Fälle wie eben genannte haben zur angesprochenen Problematisierung des Dschihad-Tourismus und der damit verbundenen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung durch die Medien und die Öffentlichkeit geführt. Dies erklärt gemäss Zelin aber nur zum Teil die massive Zunahme im letzten Jahr. Ausschlaggebender dürfte die Wahrnehmung des Konflikts als konfessionelle Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten sein, welche den Konflikt zu einem Anziehungspunkt für Ausländer gemacht hat, wie dies zuletzt in den 80er-Jahren der Krieg in Afghanistan war. Dieser innerislamische Konflikt wiederum ist indes vor allem ein Machtkampf zwischen Saudi Arabien und dem Iran. Katalytisch wirkte letztes Jahr besonders die Einmischung der libanesischen Hisbollah auf Seiten Assads. Das Eingreifen verschob die militärischen Gewichte zumindest lokal und verhalf dem Assad Regime zu einem wichtigen Sieg in der Schlacht um Qusayr. Als Reaktion darauf begannen sunnitische Theologen an die ihre Glaubensgenossen zu appellieren, Assad und seinen schiitischen Helfern entgegenzutreten und zu vernichten. Der einflussreichste unter ihnen ist der Ägypter Yusuf al-Qaradawi. Andere Prediger folgten seinem Beispiel und Experten gehen davon aus, dass viele der Ausländer durch ihn motiviert wurden und werden. Sie befürchten weiter, dass sich die Konfessionalisierung noch verschärfen und damit auch der Zustrom ausländischer Kämpfer nochmals zunehmen wird.

Dass sich so viele Muslime aus Westeuropa dem Aufstand gegen Assad angeschlossen haben, dürfte zudem der relativen geographischen Nähe und dem Umstand, dass die Einreise nach Syrien nach wie vor verhältnismässig einfach ist, geschuldet sein (im Vergleich zum Beispiel zu Pakistan oder Afghanistan). Vor allem über die türkische Grenze gelangen Kämpfer nach Syrien. Dies weil das Grenzgebiet auf der syrischen Seite weitestgehend unter der Kontrolle von Aufständischen steht. Ankara zeigt sich ausserdem nicht besonders repressiv, wenn es um die Unterbindung des Waren- und Personenverkehrs nach Syrien mit dem Waffen und eben auch eine grosse Zahl ausländischer Kämpfer ins Land gespült werden. Dies ist nicht verwunderlich, gehört die Türkei doch zu den wichtigsten Unterstützern des Aufstandes und sähe Assad lieber heute als morgen gestürzt. Weitere Reiserouten führen über Ägypten und Jordanien, sowie via Zypern und den Libanon nach Syrien.

Und die Schweiz?
“Switzerland is not an Island”, schrieb Vidino in der Eingangs genannten Studie. Trotz oder vielleicht auch wegen der relativ sicheren Verhältnisse in diesem Land lassen sich trotzdem junge Männer für den Kampf im Ausland rekrutieren. Islamistische Netzwerke, die Dschihadisten anwerben, sind auch in und von der Schweiz aus aktiv. Der Nachrichtendienst des Bundes geht zur Zeit von rund zehn Personen aus, die sich nach Syrien begeben haben. Wer allerdings davon ein radikalisierter Islamist, wer ein Abenteurer oder wer vielleicht nur karitativ unterwegs ist, ist auch für den Nachrichtendienst des Bundes entsprechend schwierig zu beantworten.

Junge Männer wie der Berliner Rapper Denis Cuspert alias Deso Dogg verleihen dem Dschihad Tourismus eine gewisse Prominenz.

Junge Männer wie der Berliner Rapper Denis Cuspert alias Deso Dogg verleihen dem Dschihad Tourismus eine gewisse Prominenz.

Interessant bleibt in diesem Zusammenhang natürlich vor allem die Frage, welche Gefahr von Leuten ausgeht, die nach einem Einsatz in Syrien wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Natürlich stellen Personen, die aktiv an Kampfhandlungen teilgenommen haben, ein Risiko dar. Sie könnten zum Beispiel auch seelische Verletzungen davongetragen haben, die sie, wie bei Soldaten beobachtet in Konfliktsituationen “explodieren lassen könnten.” Sicherheitsbehörden sehen die Gefahren vor allem darin, dass Leute radikalisiert in ihre Herkunftsländer zurückkehren könnten, um dort terroristische Anschläge zu verüben. Yassin Musharbash von der deutschen Die Zeit wendet dagegen ein, dass keine der aktiven Gruppen in Syrien bislang offen zu Anschlägen in Westeuropa aufgerufen habe. Das mag im Moment stimmen. Es dürfte aber vor allem daran liegen, dass die Rekrutierungsnetzwerke und Drahtzieher natürlich möglichst ungestört arbeiten möchten. Mit Terrordrohungen würde man nur die Sicherheitsbehörden auf sich aufmerksam machen und die eigene Arbeit behindern. Auch wenn bislang in Westeuropa keine Vorfälle dieser Art vorgekommen sind, müssen Rückkehrer, mit Blick auf die vorgenannten beiden Terroranschläge (Boston und Woolwich), genauestens im Auge behalten werden.

Nachtrag
Der angebliche Tod von Denis Cuspert ist nicht bestätigt. Die Welt berichtete in ihrer Online Ausgabe vom 22. April, dass die ISIL die Todesmeldung widerrufen habe.

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