Das militärische Kräfteverhältnis auf der koreanischen Halbinsel

Ein Gastbeitrag von Lukas Hegi. Er ist Mitglied des Vorstandes der Vereinigung Schweizerischer Nachrichtenoffiziere (VSN). Dieser Artikel wurde im Bulletin 2 (2013) der Vereinigung Schweizerischer Nachrichtenoffiziere veröffentlicht.

In der ersten Jahreshälfte war die internationale Politik von der Nordkorea-Krise geprägt. Damit Verbunden war die Angst vor einer nuklearen Eskalation auf der koreanischen Halbinsel und die Drohungen seitens Kim Jong-Uns er könne mit seinen Raketen die Vereinigten Staaten selbst treffen, rückten vor allem die Nuklearwaffen in den Mittelpunkt des Interesses. Dabei sind auf und um die koreanische Halbinsel ebenso enorme Potentiale an konventionellen Streitkräften versammelt. Der folgende Artikel gibt einen kursorischen Überblick über die Grössen und die Ausrüstung der Streitkräfte Nordkoreas, Südkoreas und der USA. Dabei wird zunächst auf die konventionellen Mittel eingegangen, und danach einen Blick auf die asymmetrischen Fähigkeiten und die Massenvernichtungswaffen Nordkoreas geworfen. Zum Schluss werden die fremden, i.e. vor allem amerikanischen Truppen im Operationstheater Korea betrachtet.

A map of the Korean demilitarized zone (DMZ), produced by the CIA in 1969.

A map of the Korean demilitarized zone (DMZ), produced by the CIA in 1969.

Ein Abbild des Kalten Krieges
In gewisser Weise trifft man auf der koreanischen Halbinsel eine Situation an, welche derjenigen des Kalten Krieges in Europa nicht unähnlich ist: auf der einen Seite ein Massenheer, ausgerüstet mit einfacher aber solider Technik, meist sowjetischen oder chinesischen Ursprungs. Auf der anderen Seite eine schwergewichtig von den USA ausgerüstete und ausgebildete Armee, die zwar numerisch dem Norden unterlegen ist, dafür aber über hochmobile mechanisierte Verbände verfügt, die mit modernem Material ausgerüstet sind und ausserdem auf den atomaren Schirm der USA zählen können.

Bei näherer Betrachtung der beiden Länder zeigt sich eine etwas paradoxe Situation: Nordkorea, mit seinen rund 25 Millionen Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von geschätzten 40 Mrd. Dollar, unterhält die zahlenmässig viertgrösste Armee der Welt, mit über einer Million aktiven Soldaten und mehreren Millionen Reservisten und Angehörigen paramilitärischer Verbände (Zahlen aus “Korea, North“, CIA World Factbook, 28.10.2013). Dafür muss es jährlich zwischen einem Achtel und einem Viertel seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) aufwenden (vgl.: Anthony H. Cordesman, “The Korean Military Balance“, 15.02.2011: 20).

Südkorea, mit einer doppelt so grossen Bevölkerung (knapp 49 Millionen Einwohner), gibt jährlich rund 2.5 % des BIP aus, was immer noch um die 30 Milliarden US-Dollar entspricht. Dafür stehen permanent rund 650‘000 Männer und Frauen unter Waffen. Südkoreas Streitkräfte befinden sich aktuell in einer Reformphase und werden voraussichtlich noch einmal um ca. 20% verkleinert. Beide Länder rekrutieren ihr Personal aus Wehrpflichtigen, wobei die Dienstzeiten in Nordkorea zwischen 5 und 12 Jahren beim Heer, 5 bis 10 Jahren bei der Luftwaffe und zwischen 3 und 4 Jahren bei der Marine sowie 26 Monaten in Südkorea (für alle Teilstreitkräfte) sehr unterschiedlich ausfallen (International Institute for Strategic Studies, “The military balance 2013” (London: Routledge, 2013)).

Bei diesem nordkoreanischen Panzer soll es sich um einen Chonma-ho handeln, der auf dem T-62 basiert.

Bei diesem nordkoreanischen Panzer soll es sich um einen Chonma-ho handeln, der auf dem T-62 basiert.

Konventionelle Streitkräfte: Nordkoreas Masse …
Die Doktrin der beiden Armeen unterscheidet sich deutlich. Die Streitkräfte des Nordens sind vorwiegend mit Material ausgestattet, welches sowjetischer oder chinesischer Provenienz ist und aus den 1950er und 60er Jahren stammt. Ziel ist es mit dieser auf Masse und Einfachheit getrimmten Ausrüstung einen schnellen Stoss in die Tiefe des südkoreanischen Raumes durchzuführen, um so viel Territorium wie möglich zu “befreien”, bevor die USA genügend Truppen anlanden können, um den Gegenschlag zu führen. Etwa 3’500 Panzer (T-54/T-55/T-62) und mehr als 2’500 Schützenpanzer würden den mechanisierten Angriff führen und der Infanterie den Weg bereiten. Unterstützt würde der Vorstoss von massivem Artilleriefeuer, welches die Nordkoreaner mit über 21’000 Geschützen der Rohr- und Raketenartillerie aller Kaliber entfachen könnten. Dazu zählen auch die ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen wie FROG-3/5/7 oder die aus dem Golfkrieg von 1991 bekannte Scud, sowie einige wenige Exemplare aus der eigenen Entwicklung (Musudan). Alle Typen sind geeignet Gefechtsköpfe mit Massenvernichtungswaffen zu tragen.

Die Luftwaffe dürfte insgesamt keine grosse Rolle spielen. Zwar verfügt Nordkorea mit rund 600 Kampfflugzeugen über eine der grössten Flotten, aber wie beim übrigen Material handelt es sich vorwiegend um veraltete Maschinen (J-6/J-7). Rund drei Dutzend Mig-29 stellen das Rückgrat der Luftverteidigung, etwa die gleiche Anzahl an Su-25 Frogfoot den Hauptharst für die Unterstützung der Bodentruppen dar. Fraglich ist neben der Einsatzbereitschaft der Maschinen aber auch die Leistungsfähigkeit der Piloten. Das International Institute for Strategic Studies rechnet für nordkoreanische Piloten mit einer jährlichen Flugstundenzahl von 20. Zum Vergleich: in der Schweiz fliegt ein Pilot rund 200-250 Stunden.

Ein Krieg in Korea würde auch zur See ausgetragen. Es kam immer wieder zu Scharmützeln auf See, bei denen die Nordkoreaner Schiffe des Südens versenken konnten, wie zuletzt die Cheonan 2010. Sie verfügen über ein grosse Zahl an kleinen Schiffen für den Kampf in Küstennähe und über mehr als 70 kleinere U-Boote, welche für die amerikanischen und südkoreanischen Flottenverbände ein Risiko darstellen können.

Südkoreanische Panzerhaubitze K55, basierend auf der M109A2.

Südkoreanische Panzerhaubitze K55, basierend auf der M109A2.

… gegen die Hightech-Armee des Südens
Der Süden hat sich relativ schnell vom Koreakrieg 1950-1953 erholt und sich – unter dem amerikanischen Schirm – zu einer blühenden Wirtschaftsmacht entwickelt. Seine Armee ist wesentlich kleiner als jene des Nordens. Dies wird aber einerseits durch die moderneren Systeme und andererseits durch die amerikanische Präsenz ausgeglichen. Die Ausrüstung ist ein Mix zwischen selbstproduzierten, amerikanischen, und ganz wenigen russischen Systemen. Die grösste Teilstreitkraft mit rund 520’000 Mann stellt das Heer. Es ist auf die Verteidigung ausgerichtet und soll sich mit starken mechanisierten Verbänden dem Feind solange entgegenstellen können bis amerikanische Truppen angelandet werden können. Im Inventar befinden sich rund 3’000 Kampfpanzer der Typen K1 und K1A1 aus einheimischer Produktion. Dazu kommen noch 850 (veraltete) amerikanische M-48 Panzer. Zusammen mit den etwa 2’800 Schützenpanzern bilden sie das Rückgrat für eine mobile Verteidigung, die in vier Panzerbrigaden und sechs mechanisierte Infanteriedeivisionen aufgeteilt ist. Dazu gehört auch die Artillerie: Südkorea verfügt über rund 1’400 Selbstfahrgeschütze – die meisten davon M-109 oder die selbstproduzierte K9 Thunder – mit Kaliber 155 mm. Diese wird ergänzt mit mehr als 3’500 gezogenen Geschützen und etwas Raketenartillerie. Dazu zählt unter anderem das amerikanische MLRS, welches befähigt ist ATACMS Lenkflugkörper mit einer Reichweite bis 300 Km zu verschiessen. Für die vertikale Umfassung steht eine Luftlande Brigade zur Verfügung. Starke Genie- und Luftabwehrverbände sowie Übermittlungsmittel sichern den Schutz und stellen die Beweglichkeit sicher.

Eine deutliche Überlegenheit dürfte bei den Luftkriegsmitteln vorliegen. Abgesehen von den amerikanischen Mitteln hat Südkorea eine fast gleich grosse Luftwaffe wie der Norden, allerdings ist hier die Einsatzbereitschaft und die Qualität der Piloten deutlich höher einzuschätzen. Für den Raumschutz stehen etwa 200 F-5E/F Tiger II bereit, die zurzeit einem umfassenden Modernisierungsprogramm unterzogen werden. Dreihundert Flugzeuge unterschiedlicher Generationen (F-4E Phantom II, KF-16C/D Fighting Falcon und F-15K Strike Eagle). Für Angriffsaufgaben dürften daneben auch die meisten der Trainingsflugzeuge sein (Hawk Mk 67, KT-1 und T-50).

Von den 68’000 Soldaten der Marine, zählen 27’000 zu den koreanischen Marines. Die Streitkräfte sind somit auch befähigt amphibische Operationen durchzuführen. Hinzu kommen 28 Überwasserkampfschiffe (darunter 2 Kreuzer, 6 Zerstörer und 12 Fregatten) sowie 23 U-Boote.

ATACMS-Raketenstart von einem M270 bzw. Multiple Launch Rocket System (MLRS).

ATACMS-Raketenstart von einem M270 bzw. Multiple Launch Rocket System (MLRS).

Unkonventionelle Kriegführung
Angesichts des sich in Nordkorea verschlechternden Zustands der konventionellen Mittel, verlor die zahlenmässige Überlegenheit zunehmend an Bedeutung und nicht-konventionelle Mittel zur Kampfführung bekamen mehr Gewicht. Dazu zählen Massenvernichtungswaffen, wie auch die Sonderoperationskräfte (SOK) sowie Cyberangriffskapazitäten. Die nordkreanischen Spezialkräfte weisen eine ausserordentliche Stärke auf und dürften mit 88’000 zu den grössten der Welt gehören. Der Einsatz von SOK ist fester Bestandteil der nordkoreanischen Doktrin. Die ursprünglich aus einer Guerilla hervorgegangene Armee ist daher auch auf den kombinierten Einsatz von konventionellen Streitkräften und Einheiten für den Kleinkrieg ausgerichtet. Dabei geht es auch um den Zusammenhang zwischen der Hauptfront an der demilitarisierten Zone (DMZ), an dem die Masse der nordkoreanischen Truppen konzentriert ist, und dem südkoreanischen Hinterland. SOKs könnten entweder als Vorbereitung für einen Angriff zum Beispiel zur Sabotage an Infrastruktur, zur Ausschaltung von wichtigen Personen, Besetzung strategischer Ziele, als Zielbeobachter für weitreichende Artillerie und viele weitere Aufgaben eingesetzt werden. Sie dürften zudem für den Einsatz von Massenvernichtungswaffen ausgebildet und ausgerüstet sein (A. Scobell und John M. Sanford, “North Korea’s Military Threat: Pyongyang’s Conventional Forces, Weapons of Mass Destruction and Ballistic Missiles” (Strategic Studies Institute, 2007): VII-VIII, 45-47).

Nordkorea schreckte bisher nicht davor zurück die unkonventionellen Mittel auch in Zeiten des relativen Friedens einzusetzen (ein Friedensvertrag existiert nicht, womit de jure immer noch Krieg zwischen beiden Ländern herrscht). Die Versenkung der Cheonan geht auf den Einsatz von SOK der Marine mit Mini-U-Booten zurück. Aber auch elektronische Kriegführung und Cyber-Warfare gehören zum Repertoire. So haben die Nordkoreaner beispielsweise Anfang 2012 zum Beispiel das GPS von Flugzeugen und Schiffen in der Nähe von Seoul massiv gestört. Distributed Denial of Service (DDOS) Attacken wie auch Spionage gegen Regierungsinstitutionen und die Wirtschaft sind keine Seltenheit (International Institute for Strategic Studies, “The military balance 2013” (London: Routledge, 2013): 312).

North Korean officials and foreign journalists leave the launch pad after a visit to see the rocket Unha-3 at Tangachai-ri space center on April 8, 2012 (Photo Pedro Ugarte / AFP).

North Korean officials and foreign journalists leave the launch pad after a visit to see the rocket Unha-3 at Tangachai-ri space center on April 8, 2012 (Photo Pedro Ugarte / AFP).

A-, B- und C-Waffen
Im Zusammenhang mit der Krise in Korea ist meist nur von den möglicherweise vorhandenen Atomwaffen die Rede. Hier dürften sich aber weniger als ein Dutzend Nuklearsprengköpfe im unteren Kilotonnenbereich im Arsenal befinden , welche als Abschreckungsmittel fungieren sollen. Aus den unterirdischen Atombombentests Nordkoreas und den erzeugten Erdbeben, schliessen Experten auf eine Steigerung der Sprengkraft von 2 Kilotonnen im Jahr 2006 auf 13 Kilotonnen im Jahr 2009 (Vergleich zu Hiroshima: Sprengkraft ca. 12,5 Kilotonnen) und auf heute maximal 40 Kilotonnen, gemäss dem letzten Test im Februar 2013. Zum Vergleich: Die stärkste von der Menschheit gebaute und an der Oberfläche getestetee Nuklearsprengkopf (ZAR Bombe der UdSSR) generierte eine Sprengkraft von 50.000 Kilotonnen. Nordkorea verfügt, wenn überhaupt, nur über sehr wenige Raketen, die bei entsprechender Reichweite einen atomaren Sprengkopf zum Beispiel über den Pazifik befördern könnten. Auch wenn die Treffergenauigkeit nicht so entscheidend ist, wie bei konventionellen Sprengköpfen, hat sich die Zuverlässigkeit der nordkoreanischen Raketen als einer der Knackpunkte herausgestellt.

Kritischer müssen die vorhandenen Potentiale bei den biologischen und chemischen Waffen beurteilt werden. Zuverlässige Angaben sind hier ebenso schwierig zu machen wie bei den konventionellen Streitkräften. Es wird geschätzt, dass Nordkorea zwischen 2’500 und 5’000 Tonnen chemischer Kampfstoffe lagert, von relativ harmlosen Reizgasen (z.B. Tränengas) bis zu tödlichen Nervengiften (VX, Sarin, Tabun). Darüber hinaus könnte es nach Vermutung von Experten pro Jahr weitere 4’500 Tonnen produzieren (International Crisis Group, “North Korea’s Chemical and Biological Weapons Programs“, Asia Report No. 167: 7). Die Kampfstoffe könnten mit der bereits erwähnten Artillerie eingesetzt werden. Entweder um einen terrestrischen Vorstoss zu unterstützen und die Bewegungsfreiheit der süd-koreanischen Truppen zu behindern, oder aber in Schlägen gegen die Bevölkerungszentren, um möglichst viele Todesopfer zu erzeugen. Südkorea hat seine letzten Chemiewaffen übrigens 2012 vernichtet.

Nordkorea steht ebenfalls im Verdacht seit 1970er und 80er Jahren ein Bio-Waffenprogramm zu unterhalten. Allerdings ist unklar, wie weit fortgeschritten es ist, und ob das Land erfolgreich Erreger waffenfähig hat machen können. Es verfügt gemäss südkoreanischen Einschätzungen über die “klassischen” Krankheitserreger, welche auch schon von der Sowjetunion in grossen Mengen kultiviert wurden. Es sind dies Anthrax, Pest, Pocken und Cholera. Ein Einsatz von biologischen Kampfstoffen erscheint unwahrscheinlich, da seine Auswirkungen praktisch nicht zu kontrollieren sind, und das “weaponising” zudem recht kompliziert ist. Wie die Chemiewaffen stellen sie in einer bewaffneten Auseinandersetzung aber ein Risiko dar, da Kampfstoffe bei der Beschädigung von Lagern oder Einrichtungen unbeabsichtigt freigesetzt werden könnten.

Südkoreanischer Panzer setzt über eine provisorische Brücke.Fremde Streitkräfte
Die USA unterhalten in Südkorea wie auch in Japan eigene Stützpunkte, von denen Truppen schnell nachgeführt werden könnten. Mit der angekündigten Verlagerung des Gewichts in den pazifischen Raum dürften künftig zudem noch mehr Kräfte abrufbar sein. In Südkorea selbst unterhalten die USA eine schwere Brigade (Armored Brigade Combat Team), die mit M1 Abrams Kampfpanzern, M2 Bradley bzw. M3 Bradley Kampfschützenpanzern und M-109 Panzerhaubitzen ausgerüstet ist. Dazu kommen je eine Combat Aviation Brigade mit 24 AH-64 Apache Kampfhubschraubern, eine Flab-Brigade und eine Artilleriebrigade mit MLRS-Systemen.

Die Luftwaffe unterhält zwei Geschwader mit drei Staffeln Kampfflugzeugen (F-16 C/D, A-10 Thunderbolt) in Korea. Insgesamt sind zurzeit etwa 28’500 US Soldaten auf südkoreanischem Boden stationiert. In Japan haben die USA permanent eine Trägerkampfgruppe stationiert. Dazu gehören ein bis zwei Flugzeugträger mit Begleitschiffen (Kreuzer, Zerstörer, U-Boote) und mehrere Landungsfahrzeuge für die Durchführung amphibischer Aktionen mit der dort stationierten Division Marines, die knapp 15’000 Mann zählt. Die US Air Force unterhält insgesamt drei Geschwader in Japan, sowohl mit Mehrzweck- (F-16 C/D) und Luftüberlegenheitskampfflugzeugen (F-15C/D). Luftraumüberwachung mit E-3B Sentry und eine Staffel HH-60G Pavehawk für die Kampfzonenrettung (CSAR), sowie eine Staffel speziell für Sonderoperationen ergänzen diese Mittel. Alles in allem sind in Japan weitere rund 37’000 US-Soldaten stationiert (International Institute for Strategic Studies, “The military balance 2013” (London: Routledge, 2013): 309).

Mit Beginn der Nordkorea-Krise haben die USA weitere Kräfte in den pazifischen Raum verlegt, darunter mindestens eine weitere Trägerkampfgruppe und die schwimmende Radarstation SBX-1, mit der Flugkörper verfolgt werden können und deren Daten für deren Bekämpfung zum Beispiel durch die Kreuzer der USA verwendet werden können.

Fazit
Der Autor ist sich bewusst, dass es sich bei der obigen Aufstellung um eine verkürzte und etwas oberflächliche Betrachtung der Militärpotentiale auf der koreanischen Halbinsel handelt. Insbesondere ergeben die Zahlen noch kein Bild über den Kampfwert, die Effektivität der Mittel und die Motivation der Truppen. Für Nordkorea werden diese Aussagen weiter dadurch geschmälert, dass selbst die Zahlenangaben mit grossen Unsicherheiten behaftet sind. Insgesamt dürften aber die Einsatzbereitschaft der angegebenen Mittel deutlich unter den angegebenen Zahlen liegen.

Quellen
International Institute for Strategic Studies, “The military balance 2013” (London: Routledge, 2013.

Weitere Informationen
Anthony H. Cordesman, “The Korean Military Balance“, 15.02.2011.

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8 Responses to Das militärische Kräfteverhältnis auf der koreanischen Halbinsel

  1. Seka Smith says:

    Woher weiß man, dass die südkoreanische Korvette durch ein besonderes “Mini U-Boot” versenkt wurde?

    • Lukas Hegi says:

      Geschätzte Seka. Deine Frage ist berechtigt und weist auf einen ‘Mangel’ in meinen Ausführungen hin. In der Tat ist es so, dass die Umstände des Untergangs der “Cheonan” höchst umstritten und bis heute nicht restlos aufgeklärt sind. Auf Grund des mir zur Verfügung stehenden Platzes und weil der Artikel primär auf eine Gegenüberstellung der militärischen Mittel ausgelegt war, habe ich diesen Punkt etwas ausgeblendet und die offizielle Darstellung überommen, dass ein Nordkoreanisches U-Boot die Cheonan versenkt hat.
      Der Abschlussbericht der Untersuchungskommission kam zum Schluss, dass

      Dieser Schluss kam durch die Analyse der Beschädigungen, von Zeugenaussagen (von Land aus wie von der Besatzung selbst), Analyse der Strömungsverhältnisse, der Sprengstoffüberreste, sowie der seismischen Aufzeichnungen. Als Waffensystem wurde ein CHT-02D Torpedo mit einem Sprengkopf von 250 Kilogramm Sprengstoff identifiziert, der von Nord-Korea entwickelt und gebaut wird. (S.223)
      Die Cheonan sank in relativ seichtem Wasser mit einer Tiefe von 30-40 Metern. Das U-Boot, welches die Torpedos abfeuerte befand sich nach südkoreanischer Darstellung in Gewässern mit 40-50 Metern Tiefe. (“How Did N.Korea Sink the Cheonan?” http://english.chosun.com/site/data/html_dir/2010/05/21/2010052100698.html). Die Darstellung, dass ein U-Boot der Yono-Klasse die Cheonan versenkt haben soll, wird durch die Behauptung, dass einige Tage vor dem Zwischenfall einige dieser Klein-U-Boote in See gestochen seien und zwei bis drei Tage nach dem Zwischenfall in den Hafen zurückgekehrt seien, untermauert (Joint Investigation Report on the Attack against ROKS Ship Cheonan, S.32).

      • Lukas Hegi says:

        Sorry, durch einen Fehler meinerseits ist die Darstellung verrutscht und ein Zitat verschwunden. Der Schluss der Kommission war: ” a detailed investigation following the salvage of the ship eliminated the possibilities of a non-explosion and internal explosion, leading the JIG to assess that an external explosion, and more specifically an underwater explosion, was the most likely cause behind the sinking. The possibility of a non-contact torpedo generating an underwater explosion was assessed to have the highest likelihood and the possibility of a moored mine was not ruled out despite its low likelihood.”

  2. tobid001 says:

    Vielen Dank für die knappe aber doch recht umfassende Auflistung der Kapazitäten der Akteure auf der Koreanischen Halbinsel, die einen ausgezeichneten Überblick bietet. In deutscher Sprache hat sowas bisher gefehlt.

    Was den Cheonan-Zwischenfall angeht, sollte man trotz der Ergebnisse des Untersuchungsberichts ein bisschen vorsichtig sein. Der Untersuchungsprozess ist dafür etwas zu intransparent abgelaufen und andere Meinungen wurden von der südkoreanischen Regierung ziemlich offensiv mundtot gemacht. Es ist gut möglich, dass das Schiff tatsächlich von einem nordkoreanischen U-Boot versenkt wurde, aber ich würde nicht darauf wetten.

    Hinsichtlich der Doktrin der nordkoreanischen Armee habe ich meine Zweifel, ob sie heute wirklich noch auf einen schnellen Befreiungskrieg aus ist, oder ob das von der Geschichte bereits überholt wurde.
    Soweit ich weiß, kennen wir die nordkoreanische Militärdoktrin nicht explizit. Vielmehr leiten wir sie aus Erfahrungen und Beobachtungen, beispielsweise über die konkrete Ausrüstung der Armee ab.
    Die Erfahrung aus der wir folgern ist der Koreakrieg. Der ist aber jetzt schon 60 Jahre vorbei und zumindest seit 30-40 Jahren fällt es schwer, das Streben nach einer schnellen Eroberung aus irgendwelchen Erfahrungen abzuleiten. Vielmehr gab es seitdem eigentlich nur noch asymmetrische Aktionen vom Regime zu sehen.

    Was die Ausrüstung der nordkoreanischen Streitkräfte angeht, so liegt auf den ersten Blick tatsächlich eine Idee eines schnellen Überfalls und Erdrückens mit der schieren Masse nahe. Allerdings gibt es glaube ich auch Argumente die dem entgegen stehen. So dürfte auch den Nordkoreanern klar sein, dass mit totaler Preisgabe des Luftraums, sowie den amerikanischen Truppen, die einem vorrückenden Massenheer jederzeit in den Rücken fallen können, bzw. einen Teil Südkoreas so verstärken können, dass er gehalten wird, kaum ein Sieg möglich ist. Die Investitionen des Heers gehen zu großen Teilen in die nukleare und Raketenrüstung. Damit lässt sich kein Blitzkrieg gewinnen (vor allem, wenn man Südkorea befreien und nicht zerstören will), aber eine beachtliche Abschreckungskapazität erreichen (auch gegen die USA). Auch die Guerillamethoden, die vielfältige Aspekte der asymmetrischen Kriegführung beinhalten, dürften mindestens so sehr zur Abschreckung potentieller Angreifer, wie zum Angriff mit schneller Eroberung dienen. Zu guter Letzt ist mit Blick auf das Massenheer zu sagen, dass es ja nicht nur eine Funktion als Waffe sondern auch ganz entscheidend zur Sozialisation und Integration der Bevölkerung hat. Heute spielt das Heer auch als Wirtschaftsfaktor und als “soziale Hilfsorganisation” eine große Rolle. Daher könnte man die schiere Zahl der unter Waffen stehenden auch als Teil des Systems sehen, der sich nun schlicht nicht mehr ändern lässt, ohne jedoch direkte Rückschlüsse auf die Doktrin zuzulassen.

    Kurz gesagt, ich glaube die nordkoreanische Militärdoktrin beinhaltet heute nur noch auf lange Sicht offensive Elemente und ist kurz- und mittelfristig auf Verteidigung ausgelegt.

    • Tobias, vielen Dank für diese äusserst interessanten Ergänzungen!

    • Lukas Hegi says:

      Lieber Tobias
      Vielen Dank für die wertvollen Ergänzungen was die Einordnung der militärischen Mittel angeht. Ebenso stimmt es natürlich, dass der Untersuchungsbericht zum Cheonan-Zwischenfall alles andere als unumstritten ist – selbst in Südkorea. Wie ich schon Seka geantwortet habe, musste ich aus Platzgründen auf eine ausgiebige Diskussion des Falles verzichten. Zudem habe ich den Artikel praktisch auf dem Höhepunkt der Spannungen geschrieben und er war klar auf den militärischen Aspekt ausgerichtet, so quasi nach der Problemstellung “der Gegner kann… “. Aber es freut mich natürlich, dass ich mit der Aufstellung einen Beitrag zum Wissen leisten konnte!

  3. Ergänzend findet sich auf GlobalSecurity.org eine detaillierte Auflistung der südkoreanischen Marine (inklusive Planung bis 2030) –> http://www.globalsecurity.org/military/world/rok/ship.htm

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