Wie ein Militärschlag gegen Syrien ablaufen könnte

von Felix F. Seidler, Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Der Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Ein US-Luftschlag gegen Syrien scheint wieder denkbar. Hier wird ein möglicher militärischer und politischer Ablauf skizziert. Ziel dieses Artikels ist es, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einen allgemeinverständlichen Abriss über den Operationsablauf und dessen politische Begleiterscheinungen zu liefern. Eine eigene Bewertung eines solchen Einsatzes unterbleibt aufgrund des Umfangs hier bewusst.

Syrian troops in chemical-weapons gear before 1991's Gulf War (Photo: Tom Stoddart / Getty Images).

Syrian troops in chemical-weapons gear before 1991′s Gulf War (Photo: Tom Stoddart / Getty Images).

Grundannahmen dieses Szenarios
Der syrische Präsident Baschar al-Assad hat Syriens Chemiewaffen noch nicht eingesetzt, ist aber kurz davor. Der US-Präsident Barack Obama will sich später nicht dem Vorwurf aussetzen, vorher nicht gehandelt und den C-Waffen Einsatz somit zugelassen zu haben. Russland hat Assad zu diesem Zeitpunkt noch nicht fallen gelassen. Für die Intervention gibt es somit kein UN-Mandat. Die Rebellen konnten bis dato keinen entscheidenden Sieg erringen.

Das hiesige Szenario diskutiert das Verhalten der wichtigsten Akteure in der ersten Nacht der Angriffe und den folgenden Tagen. Die chronologische Reihenfolge soll keine feste Vorhersage sein. Wer wann genau vor die Kameras tritt und wann welche Jets starten, kann nicht definitiv prognostiziert werden.

Die eigentliche Operationen würde keinen wochen- oder monatelangen Vorlauf haben. Notwendige Grundlagen sind bereits geschaffen oder auf Seiten der USA ohnehin vorhanden. Wenn der Ereignisdruck durch die Aktivitäten rund um Syriens Chemiewaffen stark genug wird, würde die Operation, auch wegen des Überraschungseffekts eher ad hoc stattfinden.

USA und Türkei
Kurz vor der ersten Angriffswille tritt Obama vor die Fernsehkameras. Assad habe die rote Linie durch die Vorbereitung des Einsatzes von C-Waffen in den letzten Tagen überschritten. Im Verbund mit Großbritannien, der Türkei und einigen arabischen Ländern würden die USA jetzt auch ohne UN-Mandat intervenieren. Ziel sei die Zerstörung von Syriens Chemiewaffen und die Durchsetzung einer Flugverbotszone. Die Frage eines Regimesturzes erwähnt Obama nicht. Eine Beteiligung der NATO ist zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen. Rhetorische Drohkulisse und Taten sind dann doch, vor allem mit Blick auf Deutschland, zwei verschiedene paar Schuhe.

Kurz nach Obama tritt auch der türkische Ministerpräsident Recep Erdoğan vor die Kameras. Die Türkei habe vorher ausführlich mit den USA beraten und die türkische Regierung stimme den Luftangriffen zu. Assad habe eindeutig die rote Linie überschritten, was auch die Türkei nicht weiter hinnehmen könne. Die türkischen Streitkräfte werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Allerdings werde die türkische Luftwaffe keine aktive Rolle in den Luftangriffen wahrnehmen, sondern sich auf defensive Operationen an der türkisch-syrischen Grenze beschränken. Man möchte syrische Vergeltungsschläge auf türkisches Territorium möglichst vermeiden.

Cyberwar und erste Angriffswelle
USCYBERCOM LogoMit einer Reihe von Cyber-Attacken geht USCYBERCOM gegen die IT von Syriens Regime und Militär vor. Auch auf Basis israelischer Informationen gelingt es, die Syrer weitgehend blind zu machen. Drohnen im syrischen Luftraum leisten mit Störsignalen dazu ebenfalls einen Beitrag.

Schon vor Obamas Rede sind von der Whiteman Air Force Base, Missouri oder Diego Garcia im Indischen Ozean mehrere B-2 Bomber gestartet. Diese schalten nach den Statements Obamas und Erdogans die wichtigsten Kommando- und Kontrollzentralen, Radareinrichtungen sowie einen Teil der syrischen Luftabwehr rund um Damaskus mit JDAM aus. Primärziel sind Syriens sehr moderne russische S-300 Luftabwehrsysteme. Da die USA in den Monaten davor 24 Stunden Satellitenaufklärung auf die S-300 Standorte betrieben haben, gelingt deren Zerstörung in der ersten Welle.

Der amerikanische NATO-Kommandeur der Patriot-Raketen versetzt seine Einheiten ebenfalls in Alarmbereitschaft.

Israel
Die israelischen Streitkräfte werden von ihrer vorab informierten Regierung in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Ansonsten verhält sich Israel passiv. Schnell gibt ein Sprecher des israelischen Außenministeriums bekannt, dass Israel nicht an den Luftangriffen beteiligt sei.

Einsatz der US Navy und zweite Angriffswelle
In den vorherigen Tagen wurden im östlichen Mittelmeer Kriegsschiffe und U-Boote vor der syrischen Küste zusammengezogen; eventuell auch ein Flugzeugträger oder ein LHD. Diese beteiligen sich mit Tomahawk Marschlugkörpern ebenfalls an der ersten Welle gegen wichtige Ziele, vor allem gegen die Chemiewaffen Syriens. Ferner erhält die US Navy Befehl, ein Embargo vor der syrischen Küste durchzusetzen. Die kleine syrische Marine wird in den ersten Stunden ausgeschaltet. Alle Frachtschiffe werden von der US Navy aufgefordert, andere Häfen anzulaufen. Diejenigen, die sich weigern, werden mit Boardingteams unter Kontrolle gebracht und in türkische Häfen geleitet.

A B-2 Spirit soars after a refueling mission over the Pacific Ocean on Tuesday, May 30, 2006. The B-2, from the 509th Bomb Wing at Whiteman Air Force Base, Mo., is part of a continuous bomber presence in the Asia-Pacific region. (U.S. Air Force photo/Staff Sgt. Bennie J. Davis III)

A B-2 Spirit soars after a refueling mission over the Pacific Ocean on Tuesday, May 30, 2006. The B-2, from the 509th Bomb Wing at Whiteman Air Force Base, Mo., is part of a continuous bomber presence in the Asia-Pacific region. (U.S. Air Force photo/Staff Sgt. Bennie J. Davis III)

Nachdem die syrische Luftabwehr durch die erste Welle stark geschwächt ist, rollt eine zweite Welle von Luftangriffen an. B-1 und B-52 Bomber schalten mit JDAM und Marschflugkörpern den übrigen Teil der syrischen Luftwaffe inkl. der Kampfjets (Mig 29) und verbliebene Chemiewaffendepots größtenteils aus.

Russland und China
Währenddessen tritt der russische Außenminister in Moskau vor die Presse. Sichtlich wütend verurteilt er die US-Luftangriffe als ungerechtfertige Aggression und kündigt eine scharfe Reaktion Moskaus an. Russland und China beantragen eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates, die wenig später beginnt und nach mehreren Stunden ergebnislos endet. In Peking erklärt ein Regierungssprecher ebenfalls die harsche Ablehnung der Angriffe durch die chinesische Führung. Auch China behalte sich eine politische Reaktion vor.

Großbritannien
In London tritt Premierminister David Cameron ebenfalls vor die Kameras. Er sichert den USA die volle Unterstützung Großbritanniens zu. Die britische Luftwaffe werde sich, so Cameron, von ihren Basen auf Zypern aus an den Angriffen auf Ziele in Syrien beteiligen. Britische Kriegsschiffe und U-Boote befinden sich schon auf den Weg ins östliche Mittelmeer. Aus Oslo und Kopenhagen ist sehr schnell zu hören, dass man den USA ebenfalls die volle Unterstützung anbieten werde.

Frankreich
Jetzt äußert sich der französische Präsident François Hollande. Sein Land sei nicht aktiv an den Militärschlägen beteiligt, werde die USA aber später bei der Durchsetzung einer Flugverbotszone unterstützen. Französische Schiffe und Kampfflugzeuge würden bereits mobilisiert. Auf Nachfrage eines Journalisten bestätigt der Präsident, dass Frankreich vorab von den USA konsultiert wurde.

USA gewinnen die Lufthoheit
In einer dritten Welle werden weitere Ziele des syrischen Militärs und des Regimes im ganzen Land angegriffen. Dazu starten US-Kampfjets von Trägern im Mittelmeer oder im Persischen Golf (Flugroute durch irakischen oder saudischen/jordanischen Luftraum). Saudische, jordanische und katarische Jets sind ebenfalls unterstützend beteiligt. Jedoch ist es den Syrern vorher gelungen, ein paar ihrer Kampfflugzeuge und Luftabwehrsysteme unter russischer Anleitung zu verstecken. Einige US-Jets werden abgeschossen. Es kommt zu Luftkämpfen, in denen die syrischen Piloten den Amerikanern aber hoffnungslos unterlegen sind. Die abgeschossenen US-Piloten werden später von Kommandoeinheiten aus Jordanien oder Türkei kommend gerettet. Nach rund einer Woche haben die USA die absolute Lufthoheit gewonnen.

Buildings in besieged Homs slump following shelling on October 7, 2012. (Photo: Shaam News Network/AFP)

Buildings in besieged Homs slump following shelling on October 7, 2012. (Photo: Shaam News Network/AFP)

Iran und Hisbollah
Aus dem Iran hört man wütende Erklärungen des Regimes gegen die imperialistische Aggression der USA. Ein iranischer Pressesprecher gibt bekannt, Iran werde seinen Verbündeten Syrien unterstützen. Wie genau, sagt er aber nicht. Innerhalb der iranischen Führung regiert erstmal die Ratlosigkeit. Die Militärs melden, dass sich die US Navy sowie die Streitkräfte Saudi Arabiens, Katars und der Vereinigten Arabischen Emiraten in voller Alarmbereitschaft befinden. In Teheran ist man sich darüber klar, dass jede Anwendung von Gewalt gegen die USA und ihre Verbündeten einen sofortigen Gegenschlag provozieren würde. Es kommt zu heftigen Wortgefechten zwischen Hardlinern und Pragmatikern. Ausgang offen.

Im Libanon hält die Hisbollah erstaunlicherweise still. Zwar werden die US-Angriffe von ihren Sprechern verurteilt, aber man hat kein Interesse daran, durch aktive Einmischung selbst zur Zielscheibe zu werden. Intern haben die Anführer der Hisbollah Assad bereits abgeschrieben und planen aus purem Pragmatismus schon für die Zeit danach.

Deutschland
In Berlin tritt ein verunsichert wirkender Guido Westerwelle vor die Kameras. Er gibt eine kurze Erklärung ab, die viele ausweichende Sätze über ein Ende der Gewalt, das Leid der syrischen Zivilbevölkerung und Konfliktlösung durch die internationale Gemeinschaft enthält. Die anwesenden Journalisten beginnen umgehend mit Nachfragen nach einer deutschen Beteiligung und den Patriots, aber Westerwelle lässt keine Nachfragen zu und verlässt den Raum. Die in Washington in Sicherheitsfragen als unzuverlässig geltende Bundesregierung war nämlich vorher von den USA nicht konsultiert, sondern erst unmittelbar vor Obamas Rede informiert worden. Angela Merkel schweigt vorerst. Die Bundeskanzlerin werde sich später äußern, heißt es knapp aus dem Kanzleramt.

In Berlin kommt es zu massiven Verstimmungen, nach dem bekannt wird, dass die Franzosen, aber nicht die Deutschen vorab von den USA konsultiert wurden. Vorerst erhalten die in der Türkei stationierten Soldaten jedoch keine neuen Befehle, sondern bleiben mit ihren Patriots in Alarmbereitschaft, um ggf. syrische Raketen über türkischem Luftraum abzuschießen. Die im Rahmen von UNIFIL vor dem Libanon präsenten deutschen Marineschiffe erhalten Befehl, eine Verwicklung in Kampfhandlungen auf alle Fälle zu vermeiden.

Die Regierungsfraktionen ringen um eine Haltung. Man ist sich Deutschlands schlechtem Image als unzuverlässiger Partner bewusst, aber vielfach wütend über das amerikanische Verhalten. Aus einigen europäischen Hauptstädten kamen bereits Rufe nach deutschen Kampfjets, hatte sich doch die Bundesregierung vorher den Statements über rote Linien angeschlossen. Als es jetzt hart auf hart kommt, möchten jedoch viele deutsche Politiker die Bundeswehr mitten im Wahlkampf nicht in einen neuen Kampfeinsatz schicken. Allen voran Merkel und Westerwelle ist ein Einsatz der deutschen Luftwaffe innerlich eigentlich zu wider. Wie immer zögert die Kanzlerin lange, aber der Druck von außen steigt. Ausgang offen.

Blood stains are seen on the pavement after artillery mortar shells landed on the opposite side of a bread shop operated by the civilian arm of the Free Syrian Army in the Bustan Al-Qasr neighborhood of Aleppo, on December 3, 2012. (Photo: Javier Manzano / AFP / Getty Images).

Blood stains are seen on the pavement after artillery mortar shells landed on the opposite side of a bread shop operated by the civilian arm of the Free Syrian Army in the Bustan Al-Qasr neighborhood of Aleppo, on December 3, 2012. (Photo: Javier Manzano / AFP / Getty Images).

NATO
Der Nordatlantikrat kommt zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Im Bündnis gibt es Unmut, da nur die von Beginn an beteiligten Länder und Frankreich konsultiert, die anderen erst später informiert wurden. Neben der Türkei, Großbritannien, Frankreich, Kanada, Norwegen und Dänemark stellen sich schließlich auch die meisten osteuropäischen Staaten aus strategischen Interessen an die Seite der USA. Ob es zu einer Übernahme der Mission durch die NATO kommt, ist völlig offen. Dagegen spricht, dass die USA in einer von ihnen geführten Koalition der Willigen vermutlich effektiver operieren könnten. Für die NATO spricht, dass eine Übernahme durch die Allianz mit Berufung auf die Responsibility to Protect (R2P) diesem Einsatz ohne UN-Mandat ein höheres Maß an Legitimität verleihen würde. Ausgang auch hier offen.

US-Bodentruppen
Während der zweiten oder dritten Phase der Luftangriffe dringen amerikanische Spezialkräfte und Fallschirmjägereinheiten aus Jordanien und der Türkei nach Syrien ein. Einige neuralgische Punkte des syrischen C-Waffenprogramms werden trotz der Schäden durch Luftangriffe vorübergehend besetzt, um Reparaturversuche zu verhindern und die Zerstörung des syrischen C-Waffenarsenals sicher zu stellen. Die Einheiten am Boden werden von weiteren Luftangriffen der US Air Force unterstützt. Um den Eindruck einer Bodeninvasion zumindest zu begrenzen, bleibt es bei Special Forces und Fallschirmjägern.

Assad und Syriens Führung
In der ersten Phase vermeiden die USA bewusst Angriffe auf Assad selbst und wichtige Personen seines Regimes. Die Obama-Administration möchte sich nicht gleich zu Beginn international Vorwürfen von “Regime Change” nach Vorbild von Bushs Einmarsch im Irak 2003 aussetzen. Während der gesamten Kampfhandlungen meldet das syrische Staatsfernsehen, Assad halte sich an einem sicheren Ort auf und habe nach wie vor die volle Kontrolle über die Streitkräfte.

Auch nachdem die USA die Luftherrschaft gewonnen haben, ist Assad immer noch nicht ausgeschaltet. In der US-Führung hatte man vergeblich gehofft, die Armee Assads werde sich während der Luftangriffe demoralisiert von selbst auflösen und die Freie Syrische Armee werde schließlich das Regime stürzen. Jedoch ist dies nicht passiert und Assad kontrolliert nach wie vor einige Armeeeinheiten. Diese sind ihm loyal ergeben, weil sie nichts mehr zu verlieren haben. In Washington beginnt die Diskussion, ob man selbst den Job zu Ende führen oder mit Luftangriffen der syrischen Opposition den Weg ins Herz von Damaskus ebenen solle.

Das Nachspiel
Bei einer Intervention ohne UN-Mandat würden Russland und China sicherlich politisch reagieren. In den russisch-amerikanischen und ggf. NATO-Russland Beziehungen würde eine neue Eiszeit anbrechen. Alleine um gegenüber den USA nicht das Gesicht zu verlieren und Augenhöhe zu demonstrieren, würde China bei Konflikten in Asien deutlich offensiver vorgehen als bisher. Der UN-Sicherheitsrat wäre politisch bankrott. Ein neuer Präzedenzfall für eine Intervention, vermutlich mit der R2P als Legitimationsgrundlage, wäre geschaffen.

Assad und sein Regime wären am Ende definitiv ausgeschaltet. Was aber wird aus Syrien? Folgt eine UN-Truppe, eine Fortsetzung des Bürgerkriegs oder die Machtübernahme durch die syrische Opposition? Ausgang offen.

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